Frauke Petrys Misservolk mit unpopulären Adjektiven, Attributen und alternativlosen Wörtern: eine völkische Beobachtung

Die AfD-Politikerin Frauke Petry hat sich darüber beschwert, dass der Begriff völkisch unpopulär geworden sei und möchte ihn wieder positiv aufladen.

Zur Einführung in das Thema empfiehlt es sich, den Artikel Frauke Petry weiß nicht, was „völkisch“ bedeutet auf Welt-Online zu lesen, auch wenn die Überschrift klassisch Lügenpresse ist, denn selbstverständlich weiß Frauke Petry, was völkisch bedeutet, auch wenn sie seine Geschichte nicht kennt.

Fleißige Nazijäger haben nämlich herausgefunden, dass das Wort völkisch im 19. Jhdt. von einem Sprachpuristen als wörtliche Eindeutschung des lateinischen nationalerfunden“ wurde. Und hier haben wir schon die nächste Presselüge, denn völkisch ist eine grammatisch reguläre Adjektivierung des Substantivs Volk und deshalb mitnichten eine Erfindung. (Eine Erfindung ist z.B. Pegidist.) Die Einordnung als Erfindung dient nur dazu, den Erstanwender zu diskreditieren, weil seine Motive der modernen Sprachideologie zufolge unlauter sind. Das Wort muss angeblich schon allein deshalb eine negative Konnotation haben, weil sein Urheber eine hat. Nur: Seit wann ist für die Bedeutung eines Wortes erheblich, wer es als erster benutzt hat und aus welchem Motiv? Das wär ja ganz was Neues! Was ist dann mit den tausenden von Wörtern, deren Herkunft man nicht kennt? Kennt man deshalb auch deren Bedeutung nicht? Der Welt-Autor versteigt sich sogar zu der Bemerkung „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Ja tickt der noch ganz richtig? Will er jetzt jeden Ausländer, der falsches Deutsch spricht und damit Missverständnisse auslöst, bestrafen?

Einerseits erkennen die Nazijäger an, das Wort völkisch sei nur eine wörtliche Übersetzung von national, andererseits behaupten sie, es sei negativ konnotiert. Der Sprachlogiker meint dazu: Wenn völkisch eine wörtliche Übersetzung von national ist und gleichzeitig von vornherein unabänderlich negativ konnotiert, dann muss ja im Umkehrschluss national auch schon negativ konnotiert sein. Denn sonst wär völkisch ja keine wörtliche Übersetzung. Demnach wäre nationaler Entwicklungsplan Elektromobilität synonym zu völkischer Entwicklungsplan Elektromobilität, und die Bundesregierung würde sich völkischer Sprache bedienen! Was sagt man dazu? Dass das totaler Quatsch ist – also das, was die nazijagenden Sprachideologen behaupten. Da völkisch nur als wörtliche Übersetzung gemeint war, kann es zunächst nicht negativ konnotiert gewesen sein, wenn national es auch nicht war, sondern wurde es erst im Laufe der Zeit. Die Konnotation ist also nicht unabänderlich.

Zudem rennen die Nazijäger offene Türen ein. Sie halten Frauke Petry vor, dass völkisch negativ konnotiert sei – was diese aber niemals bestritten hat. Im Gegenteil – sie bedauert es ja. Nur dass sie für die negative Konnotation keinen zwingenden Grund sieht.

Die Alternative für Deutschland sieht keine Alternative für völkisch. Doch es gibt sie

Aber auch Petry macht einen Denkfehler. Sie will den neutralen Begriff Volk attributiv verwenden und sieht dafür keine andere Möglichkeit als das Wort völkisch, das negativ besetzt ist. Sie kommt aber nicht auf die Idee, dass es bereits Alternativen geben könnte und dass diese nicht adjektivisch sein müssen. Dazu ein Blick auf das Wort Kind und diverse Ableitungen davon:

Kind:
kindlich (neutral)
kindisch (negativ)
kindhaft (positiv, poetisch)

Es gibt also mehrere adjektivische Ableitungen, eine davon mit derselben Ableitungssilbe wie völkisch, und genau diese ist – Zufall oder nicht (darüber nachzudenken, spare ich mir) – negativ konnotiert. Man hat hier also die freie Auswahl zwischen verschiedenen Konnotationen.

Es gibt aber in der Grammatik neben der Ableitung auch die Wortzusammensetzung. Statt ein Adjektiv vor das Wort zu setzen, wird hier das Attribut ins Wort eingefügt:

kindischer Kopf → Kindskopf
kindliches Wohl → Kindeswohl

Natürlich sind die jeweiligen beiden Formen nicht verwendungsgleich, d.h. nicht austauschbar. Das liegt an der Lexikalisierung. Aber vor der Lexikalisierung gab es zwei Alternativen.

Bei Volk ist es genauso:

völkischer Wagen → Volkswagen

Wie man sieht, ist es der Firma Volkswagen ervolkreich gelungen, die völkische Herkunft ihrer Wägen zu kaschieren. Ist das nicht genial? Es geht noch besser:

völkische Zeitung → Volkszeitung

So schnell wird eine Zeitung entnazifiziert!

Unter der Prämisse jedoch, dass völkisch nur eine wörtliche Übersetzung von national sei, ergibt sich auch folgendes Beispiel:

völkische Zeitung → Nationalzeitung

Hier ist die Behauptung des Kaschierens völkischer Gesinnung nicht nur ein Scherz; sondern tatsächlich ist die real existierende Nationalzeitung die ideologische Erbin des völkischen Beobachters.

Außerdem führt uns dieses Beispiel direkt zu einer weiteren Attributalternative, nämlich die Einbeziehung von Fremdwörtern. Schließlich begann das Drama ja genau mit einem solchen, welches lediglich durch ein deutsches ersetzt werden sollte. Berücksichtigt man die Intention des Erstanwenders von völkisch, ist ja national bereits eine adjektivische Alternative, die von Anfang an vorhanden war, nur eben kein deutsches Erbwort.

Auch von lat. populus = Volk abgeleitete Formen erhöhen die Vielfalt der Alternativen:

Pop-, populär, populistisch

Neven den substantivischen Zusammensetzungen gibt es auch adjektivische Zusammensetzungen mit spezielleren Bedeutungen, von denen sich jederzeit nach Bedarf neue bilden lassen:

volksnah (Politiker), volkseigen (Betrieb), volksfeindlich (tja wer), volksbeglückend (Populist)…

Ein sprachliches Naturgesetz

Da zwei verschiedene Lautfolgen niemals exakt dieselbe Verwendungsmenge haben können, ist es unmöglich, national in allen Verwendungen durch eine einzige andere Lautfolge ohne jegliche Bedeutungs- oder Konnotationsänderung zu ersetzen. (Es gibt keine 1:1-Übersetzungen.) Man darf sich also gar nicht wundern, dass völkisch eine andere Konnotation hat als national. Dass sie negativ geworden ist, liegt eben am Lauf der Geschichte. Letztlich hat jede Alternative ihre eigene Konnotation bzw. ist anders lexikalisiert worden.

Fazit

Frauke Petrys Volksbegehren ist überflüssig. Was den attributiven Gebrauch des Begriffs (i.S.v. Konzept) Volk angeht, gibt es bereits genug Alternativen für Deutschland.

Zum Abschluss hören wir jetzt gemeinsam ein populäres Lied der Fantastischen 4:

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