Die wahren Unwörter des Jahres 2014: „Pegida“ und „Uber“

Letztens schrieb ich, was von der aus Funk und Fernsehen bekannten Wahl zum „Unwort des Jahres“, die von einer Kleingruppe aus Sprachwissenschaftlern veranstaltet wird, zu halten ist: Es handelt sich um eine politische und gewissermaßen auch soziologische Aktion, die ganz auf gutmenschlicher Linie liegt. Als Unwörter gelten dabei Wörter, die bestimmten moralischen Kriterien nicht entsprechen.

Was ein Wort ist und was nicht, ist im sprachwissenschaftlichen Sinne jedoch keine Frage der Moral, sondern der Grammatik. Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal die nach meinem Eindruck im sprachwissenschaftlichen Sinne prägnantesten Unwörter des Jahres 2014 besprechen.

Ohne eine vollständige Definition des Begriffes Wort liefern zu wollen: Ein echtes Wort einer bestimmten Sprache entspricht in allen seinen Formen den aktuellen oder früheren grammatischen Regeln einer Sprache. Und Grammatik beginnt bereits beim Lautinventar. Die Laute und deren Anordnung innerhalb von Silben sind bereits grammatischen Regeln unterworfen, die man als Phonologie einer Sprache bezeichnet. Fremdwörter wiederum schleppen fremde Grammatik in eine Sprache ein (was meist zu grammatischen Kollisionen führt, die in Formverlusten enden).

Natürlicherweise werden neue Wörter einer Sprache vollständig nach den Regeln ihrer Grammatik aus alten abgeleitet (außer bei Lautmalerei, wo die grammatische Ableitung teilweise durch eine akustische ersetzt wird). Es gibt keine Urschöpfung in den natürlichen Sprachen, und zwar aus gutem Grund:

Würden ständig und allerorten Menschen irgendwelche Wörter aufs Geratewohl und ohne Absprache aus dem Nichts heraus erfinden, würden sich über kurz oder lang Sprecher aus verschiedenen Sprachgemeinschaften begegnen, die zufällig dieselbe Lautfolge mit verschiedenen Bedeutungen belegt haben (sog. Homophone), ohne es zu ahnen. Folglich würde es zu Missverständnissen kommen. Die Menschen würden aneinander vorbeireden. Effiziente sprachliche Verständigung wäre nicht möglich.

Solche Kommunikationspannen verhindert die Natur, indem sie über die Systematik des natürlichen Sprachwandels dafür sorgt, dass verschiedene Sprachgemeinschaften auch immer verschiedene Grammatiken haben, sodass Neuwörter sich lautlich immer von Sprachgemeinschaft zu Sprachgemeinschaft unterscheiden, solange sie nach den Regeln der jeweiligen Grammatik gebildet werden. Verschiedene Lautungen (und versch. sonstige grammatische Eigenschaften) sind dabei das Signal für verschiedene Bedeutungen.

In letzter Zeit wird jedoch ein immer größerer Teil der Neuwörter ohne Rücksicht auf Einhaltung grammatischer Wortbildungsregeln, also quasi-zufällig gebildet. Dies geschieht teilweise absichtlich (wie bei Wortkreuzungen), teilweise bewusst in Kauf nehmend (wie bei Initialienwörtern), teilweise unwissentlich (wie bei falsch ausgesprochenen oder falsch geschriebenen Fremdwörtern). Solche Wörter sind also im natürlichsprachlichen Sinne Unwörter, weil sie ungrammatisch sind und damit das grammatische Gefüge einer Sprache stören. Über kurz oder lang führen sie zu einer immer weiter steigenden Anzahl von innersprachlichen und zwischensprachlichen Homophonen und Fast-Homophonen. Sie setzen dadurch das „Sicherheitssystem“ der natürlichen Sprachen außer Kraft und behindern langfristig die reibungslose Kommunikation und den natürlichen Sprachwandel.

Pegida

Wenn man z.B. zum ersten Mal das scheinbare Wort Pegida liest, ohne den Hintergrund zu kennen, denkt man an irgendetwas Exotisches, vielleicht Südeuropäisches oder gar Morgenländisches, jedenfalls bestimmt nicht Deutsches, da das Wort überhaupt nicht wie ein deutsches „klingt“ (also nicht der deutschen Phonologie entspricht) und keinen aus dem Deutschen bekannten Wortbestandteil enthält. Man wundert sich als weltläufiger Bildungsbürger allerdings etwas, dass man das Wort keiner einem bekannten Sprache zuordnen kann. Noch mehr wundert man sich, wenn man irgendwann aufgrund des Sinnzusammenhanges begreift, dass Pegida für vermeintlich stramme Deutsche mit vermeintlich stramm deutscher Gesinnung steht, also das genaue Gegenteil von dem, was das Wort suggeriert. Auch das Ausland muss erst einmal sacken lassen, dass die deutsche Gefahr jetzt nicht mehr Fritz oder Blitz oder Schmitz heißt, sondern eher wie der Name einer Stadt im nahen Osten klingt. Erst wenn man den ganzen Mehrwortausdruck erfährt und auf den Trichter kommt, dass Pegida eigentlich ein Initialienwort ist, macht es klick.

Viel einfacher für das Publikum wäre es gewesen, wenn die entsprechende Personengruppe von Anfang an z.B. als Dresdner Islamisierungsgegner bezeichnet worden wäre. Aber aus Gründen der politischen Korrektheit gepaart mit Größenwahn hat sie sich selbst den umständlichen Namen Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes gegeben, der viel zu lang ist, um nicht abgekürzt werden zu müssen. Die Missetat besteht nun darin, aus Bequemlichkeit ein Initialienwort daraus zu machen und es dann wie ein natürliches Wort zu verwenden.

Der nächste Schritt der sprachlichen Verirrung ist, wenn die Umdeutung von der reinen Abkürzung zum neuen Wort dazu ausgenutzt wird, um weitere Eigenschaften abzuwandeln, sodass das „Wort“ etwa eine andere grammatische Anbindung bekommt, die wiederum mit einer veränderten Bedeutung einhergeht. Ursprünglich ist PEGIDA als Akronym ja Maskulinum Mehrzahl; also müsste man von den PEGIDA sprechen. Meist ist aber von der Pegida die Rede, also Femininum Einzahl. Dies geht den meisten Sprechern offenbar leichter über die Lippen, vielleicht deshalb, weil das Hirn sich für das etymologisch zusammenhanglose Wort eine Eselsbrücke baut, die es von dem Begriff Organisation ableitet, vielleicht aber auch, weil man es an die Grammatik romanischer Wörter anlehnt.

Richtig schlimm wird es dann, wenn diesem in jeder Hinsicht unregelmäßigen „Wort“ nach dem Ähnlichkeitsprinzip oder nach ästhetischen Gesichtspunkten eine nur scheinbar regelkonforme innere Grammatik angedichtet wird, etwa indem man das abschließende Initialium A zum romanischen Flexionsmorphem umdeutet. Nunmehr lassen sich weitere Wortformen ableiten wie Pegidist oder pegidisch. Noch schlimmer: Pegidianer, die Einwohner von Pegidien, früher auch bekannt als Tal der Ahnungslosen (Letzteres nicht zu verwechseln mit dem „französischen“ Adjektiv pégidien).

Angesichts von Legida, Bärgida, Magida und Bagida ist es vermutlich auch nur noch eine Frage der Zeit, bis irgendwelche Sprachwissenschaftler mit Abschluss behaupten, -gid- sei ein neuer nazonymischer Wortstamm des Deutschen.

All das hat mit ernsthafter Grammatik rein gar nichts zu tun, sondern ist pure Wörtertravestie. Ein ungrammatisches, etymologisch geschichtsloses, quasi-zufällig entstandenes „Wort“ wie Pegida ist zwar für Eingeweihte scheinbar griffig und prägnant, führt aber zu grammatischem und semantischem Wildwuchs, der die natürliche Systematik der Sprachen zerstört. Leider ist man auch als Kritiker des Wortes gezwungen, es zu benutzen – das ist das Frustrierende. Ich selber schreibe aber PEGIDA und verwende es – je nach dem, ob ich mehrere selbsternannte patriotische Europäer meine oder nur èinen – in der Mehrzahl bzw. Einzahl.

Mit Uber verhält es sich etwas anders, aber im Endeffekt doch wieder gleich. Uber soll durchaus ein echtes deutsches Wort sein – ist aber keines. Gemeint – aber weder gesagt noch geschrieben – ist eigentlich Über. Uber (gesprochen mit [u:-]) wurde von einem US-amerikanischen Unternehmen der sogenannten Shareconomy (Wortkreuzung!) als Firmenname gewählt, vermutlich weil super (lat. für über) und hyper (griech. für über) schon vergeben waren oder zu konventionell sind.

Wir werden hier mit der Frechheit der englischsprachigen Populärkultur konfrontiert, German Umlauts – also Umlautpunkte – überall dort zu setzen, wo man es lustig findet, wie z.B. beim sogenannten Heavy-Metal-Umlaut in Namen von Musikgruppen, oder in Phantasienamen von Produkten oder Marken (Häagen Dazs) – nur nicht da, wo sie hingehören. Da Umlautzeichen auf englischen Schreibtastaturen nicht zu finden sind, ist es allerdings verständlich, dass sie nicht flächendeckend bei deutschen Fremdwörtern verwendet werden. Man muss sich jedoch fragen, warum sich im Zeitalter der Informationsgesellschaft im englischsprachigen Raum immer noch nicht herumgesprochen hat, dass nach deutscher Orthographie die Umlautpunkte durch ein nachfolgendes e ersetzt werden können: ae, oe, ue. Dies wurde nicht nur im deutschen Sprachraum während der Anfangszeit der Komputerei so gepflegt, als es noch keine deutschen Tastaturen gab, sondern ist historisch ja sogar der Ursprung der Umlautpunkte. Diese Schreibweise findet sich auch in so manchem deutschamerikanischen Familiennamen wieder wie etwa Boeing oder Boehner. Es ist deshalb nicht einzusehen, dass man in Deutschland jetzt durch ein amerikanisches Unternehmen mit einem falsch geschriebenen und falsch gesprochenen deutschen Wort belästigt wird, nur weil die englische Sprachkultur sich in unendlicher Ignoranz gefällt. Es wäre überhaupt kein technisches Problem für die Firma Uber, sich Ueber zu schreiben. Das Problem ist wohl eher, dass dort vermutlich niemand weiß, das uber gar kein schriftliches deutsches Wort ist. Doch dieses Unwissen ist keine Entschuldigung, denn man kann von einem Unternehmen, das eine 29-seitige PDF-Datei mit genauesten Bestimmungen zur graphischen Gestaltung seines Logos herausgibt, erwarten, dass es sich wenigstens èinmal kurz auch über dessen korrekte Schreibweise und Aussprache informiert.

Ich habe auf den Internetseiten der Firma Uber nach Aussprachehinweisen für den Namen gesucht, aber keine gefunden. Erst in einem Schulungsvideo auf YouTube, das augenscheinlich (wenn auch ohne Kennzeichnung) von der Firma selbst stammt, hörte ich die Aussprache, die [uːbər] lautete. Man hat also bei Uber die im englischen Sprachraum kolportierte Aussprache übernommen. Die Aussprache nach englischen Ausspracheregeln wäre jedoch [juːbə(r)], also mit einleitendem [j]. Die Tatsache, dass das [j] bei der Aussprache fehlt, lässt sich nur so deuten, dass man sie in Amerika als „irgendwie“ deutsche Aussprache versteht. Unklar ist allerdings, ob der mangelnde Umlaut in der Aussprache eher dem Unwissen, dem Unvermögen oder gar dem Unwillen geschuldet ist.

Es ist ja so: Je besser man eine Sprache in Wort und Schrift beherrscht, mit desto größerer Wahrscheinlichkeit erkennt man, dass eine dieser Sprache nur ähnliche Laut- oder Buchstabenfolge eben nicht dazugehört. Die enthaltenen Fehler werden gerade wegen der Ähnlichkeit als besonders störend empfunden. Ich persönlich denke jedes Mal, wenn ich Uber sehe: Falsch, falsch, falsch! und bin genervt. Solange die Firma Uber nicht im deutschsprachigen Raum operierte, konnte einem Deutschsprachigen das ja egal sein, so wie es Englischsprachige nicht kratzt, wie man in Deutschland Streik spricht oder schreibt. Doch die Anglobalisierung (Wortkreuzung!) hat auch dieses Unwort über Deutschland gebracht. Man könnte auch sagen: Das Wörtchen über war dazu auserkoren, Amerika zu erobern, doch ist entsetzlich verstümmelt in die Heimat zurückgekehrt. Wer allerdings Uber nicht als deutsches Wort wiedererkennt, sondern es für irgendein unbekanntes Fremdwort hält, stört sich an der Entstellung nicht, da er sie gar nicht wahrnimmt. Man sollte mal eine Umfrage unter Deutschsprachigen machen, wieviel Prozent der Menschen überhaupt bewusst ist, dass mit Uber eigentlich Über gemeint ist. (Ja gut – alle, die es wissen, denken natürlich, dass alle, die es nicht wissen, eh Nazis sind und deshalb sowieso entsorgt gehören.)

Störend an uber ist jedoch nicht nur der Nervfaktor durch das ständige Fehlergefühl, sondern auch die Tatsache, dass es, als Nomen gebraucht, praktisch homonym mit dem lateinischen Wort uber ist, das Euter u.ä. bedeutet. OK, Latein ist heute nicht mehr so verbreitet (immerhin weiter als Dänisch), und vollständig homophon ist das lateinische Wort auch nur bei Aussprache mit neusprachlichem Akzent, aber es geht mir hier um das Prinzip, dass die zwischensprachliche Homonymität bei Einhaltung der natürlichsprachlichen Regeln eben nicht aufgetreten wäre. Die unangenehmen Folgen zwischensprachlicher Homonyme habe ich ja oben erläutert.

Fazit

Wieder einmal zeigt sich: Sprachdarwinismus funktioniert leider nicht.

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