Wie die SPD-Bildungspolitik direktemang zum Verschissmuss führte – oder: Die SPD ist kein Verschissmuss-Opfer, sondern Täter, denn sie hat die Bildungspolitik verschissen – oder: Haben Rechtschreib-Nazis doch Recht? – oder: Ist Volksetymologie eigentlich völkisch?

Der bildungsnahe Teil Deutschlands rätselt, wie es soweit kommen konnte, dass eine professionelle Druckerei das Wort Faschismus auf einer Trauerschleife, die die SPD zum Volkstrauertag bestellt hatte, auf so peinliche Weise falsch schrieb:

Den Opfern von Krieg und Verschissmuss

Dabei ist die Antwort ganz einfach: Obwohl die SPD sich hier als Verschissmuss-Opfer inszeniert, ist sie selber schuld an der Bildungskatastrophe. Denn SPD-Politiker und SPD-nahe Funktionsträger betreiben seit Jahrzehnten ein Niveaulimbo bei den Grundkompetenzen der Schulbildung: Lesen, Schreiben, Rechnen. Während die SPD einst die Bildungsreform einleitete, um Bildung für alle zu ermöglichen und Arbeiterkinder zu den ersten Akademikern in der Familie zu machen, wurden die Grundanforderungen immer weiter gesenkt. Nach SPD-Ideologie verdienen nämlich auch die schlechten Schüler aus bildungsfernen Familien gute Noten, da ihr Versagen immer nur Folge einer Benachteiligung sein kann, nicht von mangelnder Begabung oder charakterlich bedingter Faulheit. Weshalb man ihnen auch nicht zumuten kann, sich für dieselbe Note wie ein guter Schüler mit Akademikereltern mehr anstrengen zu müssen oder durch Zwangsmaßnahmen zum Lernen genötigt zu werden. Die Faulen und Lernschwachen dürfen weder hart rangenommen noch ausgesiebt werden, weil das ja nazi wäre. Obwohl die SPD sich scheinbar rührend um die schlechten und bildungsfernen Schüler kümmert und sie nach allen Kräften fördert, kommt deshalb kaum etwas dabei heraus. Doch weil man diesen Schülern nicht die Zukunft verbauen will, kommt man ihnen bei der Notenvergabe sehr wohlwollend entgegen.

Auch Diktate wurden von SPD-Seite immer kritisch gesehen, denn überkomplizierte Rechtschreibregeln, wie sie sich in der amtlichen deutschen Rechtschreibung nicht zu knapp finden, gelten für die Antielitären schon lange als Herrschaftswissen — d.h. in pragmatischer Hinsicht nutzloses Wissen, dessen einziger Zweck in der “Abgrenzung nach unten” liegt. Deshalb hat die SPD auch die Rechtschreibreform unterstützt. Ich erinnere mich noch an die weinerliche Klage eines SPD-Politikers in einer Fernsehdiskussion zum Thema: “Ich will nicht, dass meine Kinder in der Schule so leiden müssen wie ich”.

Tatsächlich könnte und sollte man die deutsche Rechtschreibung stark vereinfachen. Doch die Rechtschreibreform der Jahrtausendwende hat die Rechtschreibsituation nur noch verschlimmert, da die Verantwortlichen keinen Mut zu echten, durchgreifenden Neuerungen hatten, aber dafür ideologisch motiviert waren. Sie verfolgten nämlich eine Sprachideologie, die ich Sprachpopulismus nenne (früher Sprachdemokratie) und deren Prinzip es ist, dass die Rechtschreibregeln nicht von einigen wenigen Experten diktiert werden sollen (weil das zu elitär und autoritär wäre), sondern auf dem Mehrheitsentscheid der Bevölkerung zu beruhen haben. Schreibweisen sollen durch häufigen Gebrauch demokratisch gewählt werden. (Warum das sinnlos ist und ins Chaos führt, habe ich an anderer Stelle erörtert.) Daran halten sich die verantwortlichen Experten, selbst wenn sie wissen, dass eine Mehrheitsschreibweise unlogisch (wie Assi statt Asi), verständlichkeitserschwerend (wie getimt) oder etymologisch falsch ist. Letzteres nennt man Volksetymologie, wofür Verschissmuss ein Paradebeispiel ist.

Volksetymologie wurde bei der Rechtschreibreform bewusst als zulässige Begründung für Schreibweisen anerkannt, weil sie als basisdemokratisch gilt — was nichts anderes als einen Verrat an dem Ideal der Wissenschaft und der Aufklärung darstellt, Legenden durch wissenschaftliche Fakten zu ersetzen. So wurde die Schreibweise Quäntchen statt Quentchen eingeführt, weil die Mehrheit der Bevölkerung GLAUBT, dass es sich bei diesem Wörtchen um die Verkleinerungsform von Quant handelt. Tatsächlich ist es aber die Verkleinerungsform von Quinte und müsste daher eigentlich etymologisch richtig Quintchen geschrieben und auch entsprechend ausgesprochen werden. (Schon die Römer haben manchmal die Buchstaben e und i verwechselt, was im Nachgang wiederum zu falschen Aussprachen führen konnte.)

Vor diesem Hintergrund müsste die SPD eigentlich stolz auf die Person sein, die Verschissmuss geschrieben hat, denn diese hat voll und ganz die SPD-Botschaft aufgesogen, dass Faschismus einfach nur Scheiße ist!

Stattdessen jammert die SPD darüber, wie jemand nicht wissen könne, was Faschismus ist.

Doch, du dämliche SPD, die Person hat deine Botschaft sehr wohl verstanden, du wolltest es doch so!

Und dass diese Person keine Ahnung von Rechtschreibung hat, ist auch eine direkte Folge der SPD-Bildungspolitik (die mittlerweile von den neueren antikonservativen Parteien übernommen wurde).

Fazit

Die Schreibweise Verschissmuss ist also nach der populistischen Sprachideologie der antielitären, SPD-inspirierten Rechtschreibreformer absolut legitim, und falls sie eines Tages zur Mehrheitsschreibweise werden sollte, dann müsste sie der SPD-Ideologie zufolge konsequenterweise auch in den Duden übernommen werden.

PS: Populismus ist, wenn Politiker dem Volk wider besseres Wissen nach dem Mund reden.

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