Wer hätte das gedacht: Selbstfahrende Automobile! (Oder: Was wird jetzt aus der Frau am Steuer?)

Nach über 100 Jahren Automobilismus fiebern die Deutschen dem Moment entgegen, an dem sie endlich in ein selbstfahrendes Auto steigen können. Komischerweise merken sie nicht, dass sie genau das seit über 100 Jahren tun, denn Auto ist ja die Kurzform von Automobil, einem griechisch-lateinischen Mischwort, das nichts anderes bedeutet als selbstfahrend. Selbstfahrendes Auto(mobil) ist also eine Tautologie. Die Grundbedeutung des lateinischen Verbs movere, zu dem mobil(is) das Adjektiv ist, lautet zwar bewegen, aber die Standardübersetzung für Automobil wiederum heißt Kraftfahrzeug, enthält also das Wort fahren. Ein Kraftfahrzeug ist eben ein Selbstfahrzeug – ein Automobil.

Im Amtsdeutsch sind zwar Automobile nur Kraftfahrzeuge mit vier Rädern (Kraftwägen), während Kraftfahrzeug der Oberbegriff für Automobile und Motorräder ist, aber diese (nach meinem Sprachempfinden nicht allgemeinsprachliche) Unterscheidung ändert nichts am Prinzip.

Statt selbstfahrend wird auch gern autonom gesagt; dies ist altgriechisch für selbstverwaltend, selbstregelnd. Inhaltlich ist das nicht tautologisch mit Automobil. Doch um eine holprig wirkende Wiederholung des Wortbestandteils Auto zu vermeiden, spricht man dann meist nicht von autonomen Autos, sondern von autonomen Fahrzeugen. So ergibt sich eine bizarre Regel: Man beendet den Zweiwortausdruck mit der anderen Sprache als derjenigen, mit der man begann. Also:

selbstfahrendes Auto(mobil)    

oder

autonomes Fahrzeug                  

nicht aber:

selbstfahrendes Fahrzeug         

oder

autonomes Auto(mobil)                            

obwohl alle vier Varianten inhaltlich exakt das Gleiche bezeichnen sollen.

Die Regel wird natürlich nicht so strikt eingehalten wie eine grammatische, aber die Tendenz ist erkennbar.

Tautologien sind unschön und zeugen nicht gerade von Sprachbewusstsein bzw. Fremdwortkompetenz. Dabei liegt hier die Lösung so nahe: Man könnte einfach selbststeuernd sagen. Dieses Wort trifft das Gemeinte präzise und führt nicht zu sprachlichen Auffälligkeiten und Bedeutungskonflikten. Es ist erstaunlich, wie selten es verwendet wird angesichts der Tatsache, dass ja schon seit Generationen der Seufzer Frau am Steuer im Schwange ist. In Zukunft steuert eben nicht mehr die Frau, sondern das Automobil selbst. Nun emanzipiert sich nicht mehr die Frau vom Manne, sondern die Maschine vom Menschen. Derweil kann die Frau gefahrlos bei laufender Fahrt ihren Mann per Telephon fernsteuern. Fernsteuerung und Selbststeuerung, das ist doch ein wunderbar logisch sich ergänzendes Begriffspaar, ganz im Gegensatz zu Fernfahrt (weia!) und Selbstfahrt. Aber die Deutschsprachigen kommen nicht drauf. Selbstfahrende Autos ergibt 148.000 Google-Treffer, selbststeuernde Autos dagegen lediglich 1.050. Offenbar fehlt hier ein linguistischer Steuermann…

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Ein hochmodernes, umweltfreundliches, sportliches und obendrein formschönes Fortbewegungsmittel. Und daneben ein Audi E-tron.

Übrigens: Die Dudenredaktion leistet sich im Online-Duden beim Eintrag Automobil einen derartigen terminologischen Schnitzer, dass es wirklich auf keine Elefantenhaut mehr geht. Als Definition („Bedeutungsübersicht“) für Automobil gibt sie tatsächlich an: Auto! Dabei weiß doch jeder Trottel, dass Auto nur die Kurzform von Automobil ist (wie ich oben bereits anmerkte). Wie können denn professionelle Terminologen es wagen, eine Kurzform als Definition der Langform anzugeben, von der sie abgeleitet wurde? Das ist genauso dämlich, als würde einer auf die Frage, wer denn Anatol Stefanowitsch sei, nicht antworten: „ein größenwahnsinniger Sprachwissenschaftler mit Profilneurose sowie ein Karrierefeminist, der Frauen unsichtbar macht“, sondern: „na der Anatol eben“.

 

 

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