Kristins kleines Sprachideologicum – oder: Warum Kristin Kopf eine Schande für die Wissenschaft ist – oder: Verallgemeinerndes Maskulinum und verallgemeinerndes Femininum sind entweder beide möglich oder beide unmöglich

(Vorbemerkung: Dieser Artikel sollte eigentlich zeitnah zu Kristin Kopfs Buchveröffentlichung „Das kleine Etymologicum“ erscheinen. Nachdem ich sieben Seiten vollgeschrieben hatte, ereilte mich jedoch eine Schreibblockade, weil ich einerseits endlich zum Schluss kommen wollte, doch andererseits angesichts des geballten Wahnsinns, gegen den ich anschreiben musste, es nicht schaffte. Der Text blieb dann monatelang liegen. Hier folgt nun eine extrem gekürzte Fassung, die nur den Anfang enthält, der in sich geschlossen ist. Die restlichen Argumente betreffs verallgemeinernder Genera werden dann später entweder hier oder unter anderem Titel nachgeliefert. Kristin Kopf hat sich in der Zwischenzeit in einem Sprachlogbeitrag zur Frage des Generagebrauchs in ihrem Buch geäußert. Nach Durchsicht ihrer Argumentation sehe ich jedoch keinen Anlass, meine Meinung zu ändern.)

Als ich erfuhr, dass die Sprachideologin Kristin Kopf ein populärwissenschaftliches Buch über Etymologie veröffentlichen wollte, hat mich sogleich interessiert herauszufinden, in welchem Maße die Autorin die von ihr unterstützten antiwissenschaftlichen Ideologien von der frauenfeindlichen Sprache und vom darwinistischen Sprachwandel in das Buch einfließen lassen würde. Ich rechnete deshalb damit, zu diesem Zweck das Buch kaufen und einer Person, für die Menschen wie ich Verbrecher sind, ein wenn auch kleines finanzielles Opfer darbringen zu müssen. Immerhin sollte die eine oder andere wissenswerte etymologische Information als Entschädigung dienen können.

Doch bald hat sich herausgestellt, dass der Erwerb des Buches gar nicht nötig ist, um dessen ideologische Durchdringung zu erkennen, denn die im Internet veröffentlichte Leseprobe enthält in einer Fußnote des Buchtextes (S. 11) bereits die entscheidenden Hinweise, die von der Autorin selbst gegeben werden.

Allein die Existenz dieser Fußnote zeugt schon von einer fundamentalen Uneinsichtigkeit der Autorin über die natürlichen Gegebenheiten und die Sachzwänge der sprachlichen Verständigung – und auch von ihrer unendlichen Überheblichkeit. Die Fußnote ist nämlich nur deshalb notwendig, weil Kristin Kopf in einem selbstherrlichen Willkürakt eine neue grammatische „Regel“ einführt, die man beim Lesen im Kopf haben muss, um viele Textstellen überhaupt richtig verstehen zu können.

Ich habe nichts dagegen einzuwenden, wenn Menschen mit der entsprechenden Fachkompetenz die eine oder andere sprachliche Konvention brechen, um von Artefakten durchsetzte Sprache von überflüssigem Ballast zu befreien oder um Sprachverhunzung Paroli zu bieten. Aber Kristin Kopf tut genau das Gegenteil: Sie fügt der Sprache unnötigen Ballast hinzu und beschleunigt eine katastrophale Fehlentwicklung, die die sprachliche Verständigung erschwert – indem sie nach dem Zufallsprinzip verallgemeinernde Feminina einstreut (d.h. statistisch in gleicher Häufigkeit wie verallgemeinernde Maskulina), und damit gleich eine ganze Latte unabänderlicher sprachlicher Grundregeln verletzt. Sie versucht gewissermaßen, sich den linguistischen Naturgesetzen entgegenzustellen.

Verallgemeinerndes Maskulinum und verallgemeinerndes Femininum sind entweder beide möglich oder beide unmöglich

Die Behauptung der Verfechter der Theorie von der Männersprache ist ja, dass das sogenannte verallgemeinernde (generische) Maskulinum nicht Männer und Frauen, sondern in Wahrheit nur Männer bezeichnet, was durch psycholinguistische Experimente bewiesen sei – auch wenn Verwender des verallgemeinernden Maskulinums noch so oft betonen, dass sie beide Geschlechter meinen. Das Maskulinum sei niemals wirklich verallgemeinernd, weil das grammatische Geschlecht immer auf das inhaltliche ausstrahle. (Von natürlichem Geschlecht spricht man übrigens, wenn grammatisches und inhaltliches Geschlecht übereinstimmen.)

Wenn aus diesem Grunde kein verallgemeinerndes Maskulinum möglich wäre, müsste das aber auch für das verallgemeinernde Femininum gelten. Das verallgemeinernde Femininum würde demnach in Wahrheit nur Frauen bezeichnen. Wer das verallgemeinernde Maskulinum ablehnt, muss deshalb auch logischerweise auch das verallgemeinernde Femininum ablehnen. Wer dagegen wie Kristin Kopf das verallgemeinernde Femininum verwendet, gesteht implizit ein, dass auch das verallgemeinernde Maskulinum möglich sein muss und gibt damit unfreiwillig zu, dass das verallgemeinernde Femininum überflüssig ist, weil ja schon das verallgemeinernde Maskulinum die Rolle erfüllt. Kristin Kopf ist so doof, das zu tun.

Überdies können verallgemeinerndes Maskulinum und verallgemeinerndes Femininum im Deutschen nicht gleichzeitig existieren. Da aber das verallgemeinernde Maskulinum zuerst da war, ist für das verallgemeinernde Femininum schlicht kein Platz mehr.

Wohlgemerkt setzt Kristin Kopf weibliche Formen nicht „zum Ausgleich“ für männliche, sondern schreibt in der Fußnote ausdrücklich von „generischer [= verallgemeinernder] Verwendung“ männlicher wie weiblicher Formen: „Gemeint sind … immer [!] alle Menschen, egal welchem Geschlecht sie sich zugehörig fühlen.“ Damit entbehrt ihre Argumentation jeglicher Logik.

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