Unwort des Jahres 2014 „Lügenpresse“: Aufrecht lügen gegen Nazis – oder: Wie war das noch gleich mit der „Springerpresse“?

Die Wahl zum „Unwort des Jahres“, die von einer Kleingruppe aus Sprachwissenschaftlern und Medienmenschen auf Basis von eingesandten Vorschlägen durchgeführt wird, hat mit ernsthafter Sprachwissenschaft nicht viel zu tun, sondern ist nur ein wenig gutmenschliche Wichtigtuerei, die dem Trend zur politisch korrekten Sprache folgend „diffamierende“ oder im Gegenteil „verharmlosende“ Ausdrucksweisen anprangert, aber letztlich der Sprache jedwede Frechheit und Unartigkeit nimmt, bis nur noch spießige Langeweile übrigbleibt.

Das Unwort des Jahres 2014 lautet Lügenpresse. Schauen wir uns dazu die Begründung dieser Wahl an:

 

Das Wort „Lügenpresse“ war bereits im Ersten Weltkrieg ein zentraler Kampfbegriff und diente auch den Nationalsozialisten zur pauschalen Diffamierung unabhängiger Medien. Gerade die Tatsache, dass diese sprachgeschichtliche Aufladung des Ausdrucks einem Großteil derjenigen, die ihn seit dem letzten Jahr als „besorgte Bürger“ skandieren und auf Transparenten tragen, nicht bewusst sein dürfte, macht ihn zu einem besonders perfiden Mittel derjenigen, die ihn gezielt einsetzen. Dass Mediensprache eines kritischen Blicks bedarf und nicht alles, was in der Presse steht, auch wahr ist, steht außer Zweifel. Mit dem Ausdruck „Lügenpresse“ aber werden Medien pauschal diffamiert, weil sich die große Mehrheit ihrer Vertreter bemüht, der gezielt geschürten Angst vor einer vermeintlichen „Islamisierung des Abendlandes“ eine sachliche Darstellung gesellschaftspolitischer Themen und differenzierte Sichtweisen entgegenzusetzen. Eine solche pauschale Verurteilung verhindert fundierte Medienkritik und leistet somit einen Beitrag zur Gefährdung der für die Demokratie so wichtigen Pressefreiheit, deren akute Bedrohung durch Extremismus gerade in diesen Tagen unübersehbar geworden ist.

Nun ja, die Tatsache, dass der sprachgeschichtliche Hintergrund den meisten Verwendern unbekannt ist bis zum 13.1.2015 unbekannt war, bedeutet ja, dass es eben seit geraumer Zeit keine Aufladung gibt bis zum 13.1.2015 keine Aufladung gab. Die Frage ist, inwieweit der Hintergrund den Adressaten des Vorwurfs bekannt war. Hier schwingt in der Begründung natürlich die überhebliche und elitäre Einstellung mit, dass die meisten Verwender des Ausdrucks als ungebildete Idioten zu betrachten sind – während die Gescholtenen ein wissendes Grinsen der moralischen Überlegenheit auf den Lippen haben: „Ihr wisst gar nicht, dass ihr Nazis seid, aber wir wissen es.“

Und Nazisein ist viel schlimmer als lügen. Ja, man darf sogar lügen, um Nazis zu verhindern. Noch besser: Wenn es gegen Nazis geht, wird Lügen geradezu zur moralischen Pflicht! Man nennt es dann eben „sachliche Darstellung“ oder „differenzierte Sichtweise“. Wer sich also gegen die Lügenpresse wendet, wehrt sich gegen den Antifaschismus und muss folglich selbst ein Faschist sein. Und wer Faschist ist, bekämpft die Meinungsfreiheit, denn zum Faschismus gehört die Unterdrückung derselben. Wer sich gegen die „Lügenpresse“ wendet, ist also nicht für Pressefreiheit, sondern dagegen. Habe ich das nicht schön erklärt? So gut kann das kein Vertreter dieser perversen Logik.

Die Gemeinheit besteht darin, „Lügenpresse“-Rufer mit Faschisten bzw. Nazis gleichzusetzen, obwohl sich nur einige darunter befinden. Typisch Lügenpresse-Sprech ist in diesem Sinne die Behauptung, die Dresdner Abendspaziergänger würden „bei Nazis mitlaufen“ (was ein Demokrat nicht tut) – während es in Wahrheit umgekehrt ist. (Und als ob nicht auf jeder Anti-PEGIDA-Demonstration Linksextreme ihr Unwesen treiben würden.) Die Jury sucht die Verantwortung für dieses Missverständnis aber bei den Nazis, nicht bei der Lügenpresse. Wenn ganz normale Bürger durch die Lügenpresse mit Nazis gleichgesetzt werden, ist das also der Jury zufolge nicht der Lügenpresse anzulasten, sondern den Nazis. Als ob man der Lügenpresse nicht zumuten könnte, hier zu differenzieren.

Wir finden hier auch das übliche Muster der neuen Sprachideologie, dass Personen oder Gruppen, die sich durch vermeintlich diskriminierende Sprache verletzt fühlen, grundsätzlich nicht erklärt werden muss, dass sie vielleicht nur etwas falsch verstanden haben. Der Fehler und die Schuld liegen nun immer beim Verwender des umstrittenen Ausdrucks. Jedenfalls wenn der Verwender alt, weiß und männlich ist.

Seit der Veröffentlichung und Verbreitung dieser Unwortwahl wissen über die dunkle Vergangenheit des Wortes natürlich alle Bescheid. Damit wird der Bedeutungswandel des Wortes wieder rückgängig gemacht – ausgerechnet durch Sprachwissenschaftler, für die doch sonst der Sprachwandel unantastbar ist.

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Ist der Vorwurf der Lügenpresse nun wirklich gerechtfertigt? Dazu ein Beispiel: Auf Spiegel-Online, dem neben der Bild-Zeitung wohl meistgelesenen deutschsprachigen Nachrichtenmedium, erschienen in kurzer Abfolge gleich zwei Artikel, in denen die Verantwortung für die islamistischen Terroranschläge nicht den Tätern zugeschrieben wurde, sondern dem französischen Staat, also dem Organ der Gesellschaft, die Ziel der Terroranschläge war! Die armen Muslime seien vernachlässigt worden, hätten keine Perspektive gehabt, da wird man ja wohl noch aus der Haut fahren dürfen etc. blabla. Tatsächlich jedoch – und das wird auch kein Spiegel-Autor bestreiten – ist der französische Staat einer der spendabelsten Sozialstaaten der Welt, vor allem unter den Staaten dieser Größenordnung. Es ist ausgeschlossen, dass Spiegel-Autoren sich dessen nicht klar sind. Wenn sie trotzdem solchen Unsinn schreiben, kann das nur bewusstes Lügen gegen Nazis bzw. für die Einwanderungsideologie sein.

Lügenpresse“ soll aber nicht nur bedeuten, dass die „Presse“ (d.h. elektronische Medien eingeschlossen) die Wahrheit der Ideologie opfert, sondern auch, dass sie – wie oben beschrieben – alle PEGIDA in die rechtsradikale Ecke stellt, indem sie ihnen das Wort im Munde herumdreht. Das auffälligste Beispiel hierfür ist die Selbstverständlichkeit, mit der Islamisierungswarner als Rassisten bezeichnet werden, auch wenn sie sich vom Rassismus ausdrücklich distanzieren.

Meiner Ansicht nach ist der Vorwurf der „Lügenpresse“ durchaus gerechtfertigt, wenn man zugesteht, dass ein Schlagwort, das auf Demonstrationen skandiert wird, gar nicht anders als grob vereinfachend sein kann. Es sind ja nicht sämtliche Medien gemeint, aber die meisten und vor allem die wichtigsten.

Die Masche der PEGIDA, überhaupt nicht mit der Presse zu reden, habe ich dagegen von Anfang an für eine Fehlentscheidung gehalten, mit der man sich selbst ein Bein stellt. Denn wenn man über ein paar primitive Parolen hinauskommen will, geht das nicht gegen die Presse, sondern nur mit ihr.

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Allerdings bekommt das Wort „Lügenpresse“ auch ohne Nazi-Vergangenheit zwangsläufig eine rechte Konnotation, denn angesichts der Tatsache, dass heute die überwältigende Mehrheit der professionellen Journalisten dem linken Spektrum zuzuordnen ist, haben ja nur Nicht-Linke überhaupt Anlass, es in den Mund zu nehmen. Und da für Linke alle Nicht-Linken automatisch Rechtsradikale sind, interpretieren sie die Verwendung von „Lügenpresse“ logischerweise als rechtsradikalen Ursprungs.

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Dass die Linken aber auch nie besser waren, erkennt man, wenn man sich den Begriff „Springerpresse“ in Erinnerung ruft, der bei den 68ern nichts anderes war als das linke Pendant zur „Lügenpresse“. Die Kampagne zur Enteignung Axel Springers lief sich dann irgendwann tot – wie die PEGIDA wahrscheinlich auch.

Fazit

Die Jury, die „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres gewählt hat, ist leider selbst Teil der Lügenpresse. Angeblich will sie diffamierende Wörter anprangern, dreht aber nur den Spieß um, um sich dann selbst in Diffamierung zu ergehen.

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