„Studierendenwerk“ oder: Warum die grün-rote Baden-Württembergische Landesregierung ein antiwissenschaftlicher Ideologenhaufen ist – oder: Die Wahrheit über das verallgemeinernde Maskulinum

Wie auf Spiegel-Online gemeldet wurde, zwingt die Baden-Württembergische Landesregierung die Studentenwerke des Bundeslandes, sich auf eigene Kosten in „Studierendenwerke“ umzubenennen, weil die alte Benennung angeblich nicht geschlechtsneutral sei.

Die Behauptung, dass die Benennung „Studentenwerk“ nicht geschlechtsneutral sei, ist eine antiwissenschaftliche Lüge. Sie wird aufrechterhalten unter Verleugnung weithin bekannter sprachwissenschaftlicher Erkenntnisse.

Hintergrund der Behauptung ist die falsche Annahme, dass das verallgemeinernde (generische) Maskulinum frauenfeindlich sei, weil es Frauen „unsichtbar“ mache. Angeblich ist die Rechtfertigung, dass Frauen beim verallgemeinernden Maskulinum ja mitgemeint seien, unwirksam, da wissenschaftliche Experimente ergeben hätten, dass Hörer beim verallgemeinernden Maskulinum doch eher an Männer denken. Das verallgemeinernde Maskulinum sei deshalb durch „geschlechtsneutrale“ Formulierungen zu ersetzen, wie bei Studierendenwerk das deutsche (im Ggs. zum lateinischen) Partizip Präsens Plural.

Dazu ist mehrerlei zu sagen.

Erstens gibt es bei sprachlichen Äußerungen verschiedene Verständnisebenen, darunter auch eine Zwischenebene des wörtlichen Verstehens. Wenn diese Ebene die oberste wäre, würden z.B. Tropen (Metaphern, Metonymie etc.) gar nicht funktionieren. Niemand würde begreifen, was etwa mit dem Ausdruck Achse-Paris-Berlin gemeint ist, da keiner auf die Idee käme, dass Paris für die französische Regierung stehen soll usw. Tatsächlich aber ist ein Großteil der Wörter, Wortbestandteile und Wortfügungen einer Sprache überhaupt nur durch gedankliche Übertragungsleistung zu verstehen, da die Zahl der Elemente einer Sprache sehr klein ist im Verhältnis zur Zahl der unterschiedlichen Denotate (gemeinte Gegenstände und Gedanken). „Mitdenken“ von Nichtgenanntem ist für das Sprachverständnis eine allgegenwärtige Grunderfordernis. Ausgerechnet beim verallgemeinernden Maskulinum (und nur dort!) einfach nur die Zwischenebene des wörtlichen Verstehens zum Maßstab zu nehmen und zu behaupten, das „Mitdenken“ von Frauen sei eine unzumutbare intellektuelle Anstrengung, die die meisten Menschen schon allein aus Faulheit unterlassen, ist eine groteske Verzerrung sprachlicher Realitäten.

Zweitens kommt es auf das Wort an. Jeder Sprachwissenschaftler weiß, dass die Bedeutung von ganzen Wörtern in einem Großteil der Fälle eine andere ist als die reine semantische Kombination der Einzelteile und mitunter sehr stark davon abweichen kann. Auch dies ist ein grundlegendes sprachliches Funktionsprinzip, ohne das Sprache gar nicht auskommen kann. Es heißt Lexikalisierung. Wenn also die Menschen bei Studenten eher an Männer als an Frauen denken, heißt das noch lange nicht, dass sie es bei Studentenwerk auch tun, sobald sie über die Zwischenebene des wörtlichen Verstehens hinausgekommen sind. Und diese Übertragungsleistung muss man nur einmal im Leben erbringen, nämlich wenn einem das Wort zum ersten Mal begegnet. Die Unterstellung, dass Studenten (hihi) dazu intellektuell nicht in der Lage seien, ist im Grunde eine ungeheure Beleidigung. Man muss sich klarmachen: Die Baden-Württembergische Landesregierung hält ihre eigenen jungen Leute für zu blöde, um das Wort Studentenwerk richtig zu verstehen! Zudem ist theoretisch für jedes Wort, das in Verdacht gerät, nicht geschlechtsneutral zu sein, erst durch eine Umfrage diese Vermutung gesondert zu beweisen, da der Befund aufgrund der Lexikalisierung nicht regelhaft vorhergesagt werden kann. Wo jedoch ist die Umfrage zum Wort Studentenwerk?

Weiterhin gibt es in der Sprache keine vollkommenen Synonyme. Student und Studierender können deshalb nicht in allen Verwendungen gleichbedeutend sein. Student war aber zuerst da. Für alle deutschen Muttersprachler, die mit Student großgeworden sind, hört sich deshalb Studierender als Synonym für Student für den Rest ihres Lebens unnatürlich an. Auf diese Menschen, die zur Zeit noch die Mehrheit der Bevölkerung bilden, keine Rücksicht zu nehmen, ist antidemokratisch und volksverachtend. (Nein, man muss das im Erwachsenenalter nicht mehr umlernen. Die Natur hat den Spracherwerb absichtlich so gestaltet, dass er nur in der Wachstumsphase uneingeschränkt funktioniert.)

Drittens geht es im Deutschen nicht ohne das verallgemeinernde Maskulinum. Es ist eine notwendige (!) Zwischenstufe im natürlichen Sprachwandel der deutschen Sprache. Wer das verallgemeinernde Maskulinum verhindert, verhindert auch den natürlichen Sprachwandel. Sprache kann sich nicht beliebig verändern, sondern nur nach bestimmten Sprachwandelregeln. Bedeutungswandel eines Wortes vollzieht sich demnach immer über die Zwischenstufe der Polysemie, d.h. über Bedeutungserweiterung. Das verallgemeinernde Maskulinum ist ein perfektes Beispiel dafür. Andererseits gibt es bei der Zusammensetzung von Wörtern und bei der Wortableitung natürlicherweise immer eine Bedeutungsverengung. Die Bedeutung von Studentin(nen) muss (!!!) demnach enger gefasst sein als die von Student(en). Die Tatsache, dass die Bedeutung von Student(en) umfassender ist als die von Studentin(nen), ist also eine sprachstrukturelle Notwendigkeit und entspricht den natürlichen Gesetzmäßigkeiten der Sprache. Damit ist übrigens auch das verallgemeinernde Femininum gestorben. Es kann nicht funktionieren. Schon gar nicht parallel zum verallgemeinernden Maskulinum. Nix da „Männersprache“. Es liegt in der natürlichen Sprachlogik, dass im Deutschen nur das Maskulinum verallgemeinernd sein kann. Doch die Sprachideologen wollen nicht einsehen, dass die als „Maskulinum“ bezeichneten Formen eben mehr benennen können als nur Männer. Sie liebäugeln deshalb mit der Schöpfung vermeintlich „geschlechtergerechter“ Formen aus dem Nichts. Doch auch diese Urschöpfung ist widernatürlich. Wenn man Sprache als Teil der natürlichen Evolution des Lebens ansieht – und das tun alle Sprachwissenschaftler heutzutage – dann muss man anerkennen, dass sie sich nach denselben Prinzipien entwickelt. In der natürlichen Evolution hat es jedoch seit Jahrmilliarden keine Urschöpfung mehr gegeben – und zwar aus gutem Grund (den ich an anderer Stelle verrate).

Wenn die natürlichen Sprachwandelgesetze und Sprachstrukturen also zur Folge haben, dass man um das verallgemeinernde Maskulinum nicht herumkommt, müssen die Sprachideologen das akzeptieren. Was ist jedoch von einer grünen Partei zu halten, die einerseits jeden zum schlechten Menschen erklärt, der der Natur seinen Willen aufzwingen will, während sie es andererseits bei der Sprache auf nie dagewesene Weise selber tut und sogar dem natürlichen Sprachwandel den Krieg erklärt? (Antwort siehe Überschrift.)

Viertens profitieren Frauen nach feministischer Sprachlogik auch davon, nicht mitgedacht zu werden, wenn nämlich mal wieder von Klimawandelleugnern, Putinverstehern, Sprachpuristen und anderen schlechten Menschen aller Art die Rede ist, ohne dass auf den weiblichen Anteil hingewiesen wird. Zur Herstellung der „Geschlechtergerechtigkeit“ müssten nach der Gendersprachlogik jedoch auch bei allen negativ besetzten Gruppen Frauen mitgenannt werden, was natürlich nicht geschieht. Dieses Argument taucht mit schöner Regelmäßigkeit in jeder Diskussion zum verallgemeinernden Maskulinum auf, und die ganze Schäbigkeit der Femigrammatiker zeigt sich darin, dass sie tatsächlich mit dem Gegenargument kommen, hier werde doch nur die Realität abgebildet.

Selbst wenn man mal (nur als Gedankenexperiment) so tut, als ob das Unsichtbarmachungsargument stichhaltig sei, wären Frauen nur dann sprachlich benachteiligt, wenn im Sprachgebrauch das verallgemeinernde Maskulinum öfter bei Personengruppen mit gutem Ruf als bei solchen mit schlechtem Ruf verwendet würde. (Personengruppen mit neutralem Ruf fallen nicht ins Gewicht – und das sind übrigens die meisten!) Doch lässt sich das gar nicht statistisch nachweisen, da es nicht möglich ist, objektive Bewertungs- und Vergleichskriterien aufzustellen. Denn weder gibt es einen Maßstab für den Grad des guten oder schlechten Rufes (wieviele ungenannte Sprachwissenschaftlerinnen wiegt z.B. èine ungenannte Holokaustleugnerin auf?), noch sind die verschiedenen Personengruppen mengenmäßig bestimmbar (gibt es mehr Banksterinnen oder mehr Physikerinnen?), noch ist feststellbar, von wievielen Personen ein beliebiger Text gelesen wurde. Die Korpuslinguistik ist hier zum Scheitern verurteilt. Wenn jedoch ein Vergehen nicht bewiesen werden kann, müssen die Angeklagten freigesprochen werden.

In Wahrheit ist es jedoch genau umgekehrt als wie die Femigrammatiker behaupten: Die sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“ soll nicht für Gerechtigkeit sorgen, sondern Frauen bevorzugen – genau wie es der Staat im Berufsleben auch tut.

Fünftens ist das Vorhaben, das verallgemeinernde Maskulinum aus dem Sprachgebrauch zu tilgen, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Zum èinen aus rein praktischen Gründen, denn es ist bereits in so vielen etablierten Benennungen verankert, die auch schriftlich in so vielen gedruckten und gespeicherten Texten vorliegen, dass es selbst einen Nuklearkrieg überleben würde. Zum anderen stehen auch grammatische Gründe im Wege:

  • Auf das Problem der mangelnden Synonymität von Alternativformen habe ich oben bereits hingewiesen.
  • Das deutsche Partizip Präsens ist nur in der Mehrzahlform geschlechtsneutral: Die Studierenden der/die Studierende. Das verallgemeinernde Maskulinum wird jedoch häufig auch in der Einzahl verwendet. Hier hilft zur „Sichtbarmachung“ nur die Doppelform (der Student oder die Studentin), was jedoch selbst den Feministen zu umständlich ist.
  • Die Einzahl wird überdies häufig verallgemeinernd verwendet. Der Wähler hat entschieden kann jedoch nicht durch die Doppelformen Der Wähler oder die Wählerin hat entschieden oder Der Wähler und die Wählerin haben entschieden ersetzt werden. Erstere ist unlogisch, letztere ist keine Einzahl mehr und würde deshalb eine Zerstörung der Stilfigur bedeuten.
  • Das deutsche Partizip Präsens lässt sich nur auf einen Teil der Personenbezeichnungen anwenden. Zwar kann man Radfahrer zu Radfahrenden ableiten, aber nicht Berliner zu Berlinenden. Aus Schülern würden aufgrund der Lexikalisierung nicht Schulende (das wären nämlich Lehrer), sondern zu Schulende: Alle zu Schulenden kriegen heute genderfrei. Das klingt vielleicht noch annehmbar, aber was ist mit Zuschulendensprechenden? Es ist homophon zu Zu Schulenden Sprechenden. Funktioniert nicht. Schülende kann man auch nicht sagen, da es von dem Verb schülen abgeleitet werden müsste, welches es aber nicht gibt (Pech gehabt).

Sechstens entbehrt die Behauptung, dass Männer in der Sprache Frauen absichtlich unsichtbar machen würden oder es jemals gemacht hätten, jeglicher Grundlage. Im Gegenteil: Die -in-Form ist eine nachträglich eingeführte Form zur Sichtbarmachung von Frauen, nachdem im Rahmen des Lautwandels des Althochdeutschen die geschlechtsspezifischen Endungen zwischenzeitlich weggefallen waren. Was die Femigrammatiker fordern, hat also in Wahrheit schon vor 1500 Jahren stattgefunden! Allerdings auf natürliche Weise und ganz ohne Zwang. Dass aber das verallgemeinernde Maskulinum heute verstärkt zur Verwendung kommt, liegt an den Veränderungen der außersprachlichen Wirklichkeit: Je mehr Rollen Frauen in der Gesellschaft übernehmen, desto häufiger wird es gebraucht. Die Femigrammatiker, diese Betrüger, behaupten dagegen, dass die Gesellschaft umso frauenfeindlicher sei, je häufiger das verallgemeinernde Maskulinum vorkommt. Mehr dazu hier: Warum niemand das Recht hat, anderen feministische Sprache vorzuschreiben, hier: Die Antiphysik der Sprachideologie und hier: Vom Beck und der Bäckerin.

Was ist das wahre Motiv hinter der Aktion?

Angesichts der linguistischen und praktischen Unmöglichkeit, das verallgemeinernde Maskulinum flächendeckend zu ersetzen, muss man sich fragen, warum die Politiker und die Sprachwissenschaftler, die hinter ihnen stehen, an diesem Vorhaben festhalten, das zum Scheitern verurteilt ist.

Die Antwort lautet: Es geht einfach um die Zementierung von Machtverhältnissen. Solcherlei Maßnahmen zwingen die Bürger, sich einem Diktat zu unterwerfen. Und gerade die Tatsache, dass das Ziel der Umerziehung nie vollständig erreicht werden kann, nutzen die Mächtigen aus, indem sie das Scheitern den Bürgern vorwerfen und daraus eine scheinbare Legitimation zur ewigen Kontrolle der Bürger ableiten. (Dazu passt auch die Forderung, dass die Studentenwerke ihre Umerziehung selber zu bezahlen haben.)

Der Trick besteht darin, die wahre Ursache des Scheiterns zu verschleiern, die eben nicht bei den Bürgern, sondern in der Natur der Sache liegt. Die bewusste Verschleierung ist ein Betrug am Volk. Wenn aber Volksvertreter ihr eigenes Volk betrügen, gehören sie abgesetzt. Und Sprachwissenschaftler, die diesen Betrug unterstützen, gehören achtkantig vom Universitätsgelände geworfen.

*

PS: Inzwischen habe ich erfahren, dass es auch in anderen Teilen Deutschlands bereits „Studierendenwerke“ gibt. Sprachwissenschaftler können ja mal eine Wortverteilungskarte zum Wettstreit zwischen Studentenwerken und Studierendenwerken erstellen und sich dann an der zunehmenden Zerstörung der sprachlichen Einheitlichkeit aufgeilen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, So nicht, Prinzessin!, Sprachpflege / Sprachkritik abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s