Warum „kreativer“ Umgang mit Aussprachen und Schreibweisen von Wörtern und Namen kein gesellschaftliches Ziel sein kann (oder: Von Sprachdiversität, Sprachkreationismus, sprachlichen Todsünden und Ghettonamen)

Die Sprachideologen wollen der Gesellschaft einreden, dass die Einheitlichkeit von Aussprachen und Schreibweisen der Wörter einer Sprache kein erstrebenswertes Ziel sei, weil dies erstens nur mit undemokratischen Mitteln zu erreichen sei und zweitens der Ideologie der Diversität widerspricht, die bar jeder Differenzierung besagt, dass Vielfalt und „kreatives Chaos“ bei allem und jedem nur positive Wirkung haben kann.

Den Sprachideologen ist dabei völlig gleichgültig, dass eine standardisierte Sprache und Schreibweise für die effiziente und unfallfreie Kommunikation in einer Wissensgesellschaft unabdingbar ist. Sie nehmen eine wachsende Zahl von Kommunikationspannen und eine erschwerte Verständlichkeit von sprachlichen Äußerungen und Texten ohne Rücksicht auf Verluste in Kauf, nur um ihre ideologischen Phantasien Wirklichkeit werden zu sehen.

Regelwidrige Aussprachen und normwidrige Schreibweisen finden sie ganz „normal“ (hihi), weil sie glauben, dass diese notwendige Zwischenschritte in der darwinistischen Sprachevolution darstellen.

Umso bizarrer ist, dass sie als Darwinisten gleichzeitig dem Sprachkreationismus huldigen: der Wortschöpfung ex nihilo.

In den natürlichen Sprachen entstehen Wörter nie aus dem Nichts, sondern sind ausnahmslos anhand bestimmter Regeln abgeleitet. Zum einen gibt es die sprachspezifischen grammatischen Regeln (zu denen auch die Lautregeln gehören), die jeweils für eine bestimmte Sprachstufe gelten, und zum anderen die übersprachlichen Sprachwandelregeln, die den Übergang zwischen Sprachstufen steuern.

Heute dagegen gefallen sich immer mehr Menschen darin, Wörter oder Schreibweisen zu erfinden, die all diesen Regeln widersprechen, und sich als „kreative“ Sprachschöpfer zu betätigen. Hauptmotivationen dafür sind die menschlichen Schwächen (für Christen: Todsünden) Faulheit, Gier und Eitelkeit.

Faulheit ist, wenn man aus umständlichen Mehrwortausdrücken Akronyme macht, die man anschließend in den Rang (scheinbar) regulärer Wörter erhebt, wie z.B. Gau, Mint, die (!) URL etc. Dies ist zwar verlockend, rächt sich aber durch die erschwerte Verständlichkeit aufgrund vermehrter Homonyme und grammatischer Widersprüche (die URL, aber der unified Resource-Locator), die bei Missachtung der Sprachwandelregeln entstehen.

Gier ist, wenn Kapitalisten sich Produktnamen ausdenken, die bewusst den Wortbildungsregeln oder Rechtschreibregeln widersprechen, weil normale Wörter nicht als Marke oder Warenzeichen eingetragen werden können (Piccolinis (doppelter Plural), Vlaush (igitt!)). Da schon Kinder täglich mit Werbung für solche Produkte bombardiert werden, darf man sich nicht wundern, wenn sie zunehmend Schwierigkeiten beim Erlernen grammatischer und rechtschreiblicher Regeln bekommen.

Und Eitelkeit ist, wenn Eltern den Namen ihres Kindes z.B. nicht Nikita schreiben, sondern bei gleicher Aussprache Nikeata, und dann erwarten, dass jeder, der ihre hochbegabte Tochter kennenlernt oder von ihr hört, sich diese „kreative“ und „individuelle“ Laut-Buchstaben-Zuordnung merkt.

Noch eitler ist, wenn Namen abweichende Aussprachen angedichtet werden, zu allem Überfluss noch mit diakritischen Zeichen garniert, deren Bedeutung keinerlei Regel folgt: Michel’le ([mɪʃɛˈlɛɪ]).

Eitle Namenskreationen sind vor allem in den USA beliebt, und dort wiederum besonders unter Afroamerikanern. Solche auch abfällig „ghetto names“ genannten Namen sind teils normale Namen in abgewandelter Schreibweise und/oder Aussprache, teils Phantasienamen und teils Namen afrikanischer Herkunft ohne einheitliche Schreibweise, oft aber eine Mischung aus all dem. (Dem Außenstehenden fällt es manchmal schwer, echte Ghettonamen, die amtliche Vornamen sind, von Juxnamen zu unterscheiden.)

Diversitätsideologen sehen darin natürlich einen wertvollen Beitrag einer Minderheit zur kulturellen Vielfalt. Ja schön. Ich persönlich bin davon aber eher genervt. Denn da sich bei der Namensgebung ständig neue Moden entwickeln, gibt es keine einheitliche und auch keine namensbezogen feststehende Laut-Buchstaben-Zuordnung mehr. Ich habe jedoch keine Lust, mir für jede Tusse und für jeden Typen individuelle Rechtschreib-und Ausspracheregeln zu merken, nur weil deren Eltern ihr ganz und gar durchschnittliches Kind für außergewöhnlich halten (oder hielten, hihi).

Die Kehrseite der Medaille ist nämlich, dass Standardregeln nicht intuitiv gelernt werden können, wenn sie nicht auch vorgelebt werden. Bisher verlief die „Rechtschreib- und Aussprachebildung“ überwiegend intuitiv, d.h. die Kinder analysierten ohne bewusstes Nachdenken die Texte, die sie hörten und lasen und vervollständigten daraus das in der Schule gelernte Grundregelwerk. Je mehr das Gehörte und Gelesene aber chaotisch statt regelmäßig ist, desto lückenhafter bleibt das intuitive Regelwerk. Auch kann geschehen, dass „kreative“ Alternativregeln für Standardregeln gehalten werden. Wendet man bei der Aussprache eine Alternativ-Laut-Buchstaben-Zuordnung auf ein Wort an, das nach Standardweise geschrieben wurde, kommt natürlich kompletter Sprachmüll dabei heraus. Wie sich das bei Namen auswirken kann, zeigt ein kleines Scherzvideo, das schlappe 55 Mio. mal geklickt wurde:

 

 

Auch wenn hier die Wirklichkeit stark überzeichnet wird, so sollte doch klar werden, dass vermeintlich „kreative“ „alternative“ Aussprachen und Schreibweisen, die nicht der Logik folgen, sondern nur der Effekthascherei dienen, die unfallfreie Kommunikation und den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht gerade fördern, und damit kein erstrebenswertes Ziel sein können.

Fazit

Die Diversitätsideologie ergibt bei Sprache keinen Sinn. Das natürliche Regelwerk einer Sprache bietet bereits genug Ausdrucksmöglichkeiten, sodass man nicht noch künstlich nach Alternativen suchen muss. Auch darf man keinesfalls Sprachspielereien mit ernsthafter Sprache gleichsetzen.

 

 

 

 

 

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