Kleines sprachnörglerisches Nachspiel zur Fußball-WM 2014 (oder: Von der USA, Elfenbeinern, einer Sportart namens FIFA, internationalen Namensverwirrungen, Fänmeilen voller Leichen und argentinischen Skandaltoren)

Die Berichterstatter der Fußballweltmeisterschaft 2014 haben so manches Mal sprachlich Foul gespielt. Die Rede ist hier nicht von versehentlichen Eigentoren, sondern von absichtlichen Regelwidrigkeiten, die eigentlich geahndet gehören. Da sich wohl sonst keiner als Schiri unbeliebt machen will, nehme ich jetzt mal die Pfeife in die Hand und zeige den notorischsten Gemeinheiten die rote Karte (und nun Schluss mit blöden Fußballmetaphern):

 

USA/Niederlande mit Einzahl gebraucht

Die USA ist Gruppenzweiter geworden. Die Niederlande hat den Einzug ins Finale verpasst.

Wie kommen professionelle Sprecher, die sich nach diesem Muster ausdrücken, eigentlich auf die Idee, sie hätten ein Recht, einfach so und penetrant falsche Grammatik zu verwenden? Jeder weiß doch, dass es grammatisch nicht richtig ist, einen in der Mehrzahl stehenden Ländernamen mit einem Verb in der Einzahl zu verbinden. Wer dergleichen im Fernsehen sagt, dem muss deshalb bewusst sein, dass Millionen von Zuschauern dies als falsch empfinden, auch wenn es Millionen anderen nichts ausmacht. Umgekehrt stört es aber keinen einzigen Zuschauer, wenn die richtige Form verwendet wird. Wieso wird eine Form, mit der alle Zuhörer einverstanden sind, aufgegeben zu Gunsten einer Form, mit der nur ein Teil der Hörer einverstanden ist? Welchen rationalen Grund soll es dafür geben? Es ist einfach nur die Rücksichtslosigkeit und Arroganz der sich für besonders fortschrittlich Haltenden, die sich darin gefallen, scheinbar unnötig komplizierte Dinge zu vereinfachen und damit überkommene Konventionen zu brechen. Tatsächlich aber handelt es sich hier mitnichten um Vereinfachung, da zwei Ausnahmefälle hinzukommen, und Ausnahmefälle bedeuten immer eine Verkomplizierung. Eine Vereinfachung kann nur darin bestehen, Ausnahmefälle abzuschaffen oder das Regelsystem zu vereinfachen. Letzteres wäre z.B. der Fall, wenn man ab sofort sämtliche Mehrzahlländernamen mit der Verbeinzahl gebräuchte. Der Beweis, dass die fraglichen Sprecher sich auch trauen zu sagen Die Seschellen nimmt wieder mal nicht teil, muss jedoch erst noch erbracht werden.

Manche Sprecher würden vielleicht argumentieren, dass sie sich ja nur an den entsprechenden Landessprachen orientieren: Im Englischen gilt die eben dargestellte vereinfachte Pluralregel, und im Niederländischen wird der Landesname selbst gemeinhin in der Einzahl gebraucht (Nederland). Doch genau da liegt schon der nächste Fehler: Man kann nicht einfach grammatische Regeln oder Einzelbestimmungen èiner Sprache auf eine andere übertragen, denn solches führt praktisch immer zu Regelkonflikten – wie man auch hier sieht. Wem aber Niederlande + Plural zu kompliziert ist, der kann immer noch Holland sagen. Die Holländer tun’s ja auch.

 

Elfenbein and Ivory live together in perfect harmony side by side in the German language, oh Lord why don’t we?

Englischer Berichterstatter: Ivory Coast is an African country. Its inhabitants are called Ivorians.

Französischer Berichterstatter: La Côte d’Ivoire est un pays africain. Ses habitants s’appellent les Ivoiriens.

Deutscher Berichterstatter: Die Elfenbeinküste ist ein afrikanisches Land. Seine Bewohner heißen… äh… Elfenbeiner? Moment, mein Scheff sagt, der Duden sagt, man solle Ivorer sagen. Und ich muss auf meinen Scheff hören. Und der muss zwar nicht auf den Duden hören, tut es aber trotzdem, weil er Angst hat, als Kolonialist und Rassist zu gelten, wenn er auf einem deutschen statt einem afrikanischen Wort besteht, denn, wie uns unsere Antirassisten versichern, waren die Deutschen früher in Afrika ja furchtbar gemeine Kolonialisten und Rassisten, ganz im Gegensatz zu den Engländern und Franzosen, die ihre edlen Sprachen den Afrikanern geschenkt haben, weshalb Englisch und Französisch auch überhaupt keine Kolonialistensprachen sind, nein, gar nicht, sondern gefühlt afrikanische. Übrigens sagt die Botschaft der Elfenbeinküste, dass man offiziell in jeder Sprache original französisch Côte d’Ivoire zu sagen habe. Grundsätzlich würde es mein Gewissen außerordentlich beruhigen, wenn ich mal zum Ausgleich für meine kolonialistischen Untaten für Afrikaner den Gefügigen spielen könnte, aber Französisch, ça me dépasse, voilà, oh là là, adieu les bleus, hihi. Am besten, ich frage mal ein wissenschaftliches Expertengremium. Also der ständige Ausschuss für geographische Namen (StAGN) sagt, ein zu Elfenbeinküste korrespondierendes Adjektiv existiere nicht. Da habe ich ja Schwein gehabt, denn Elfenbeiner ist ja gar kein Adjektiv. Das haben die beim StAGN vor lauter Wissenschaftlichkeit aber noch nicht gemerkt; deshalb haben sie ein Wort erfunden, das weder Deutsch ist, noch Englisch, noch Französisch, noch Adjektiv, noch existiert: Ivorer – vorgeblich eine Eindeutschung von Ivoirien/Ivorian. Wogegen Elfenbeiner überhaupt kein Deutsch sei. Ich fasse zusammen: Nach allgemeiner Lehrmeinung ist Elfenbeinküste Deutsch, aber nicht rassistisch. Elfenbeiner dagegen ist kein Deutsch, aber dafür rassistisch. Doch wieso ist Elfenbeiner rassistisch, wenn es kein Deutsch ist? Ich komme da einfach nicht mehr mit. Zum Glück ist die Elfenbeinküste jetzt ausgeschieden.

*

Beim Duden muss man übrigens ganz genau hinschauen: Der Duden will aus ideologischen Gründen ja angeblich keine sprachlichen Regeln mehr festsetzen. Deshalb steht im Duden-Sprachratgeber

Die Elfenbeinküste verführt mitunter zu gewagten Konstruktionen wie Elfenbeinküstler oder Elfenbeiner

Der Duden vermeidet hier, die abgeleiteten Formen als falsch einzustufen, findet aber trotzdem Worte, die beim Leser den Eindruck erwecken, dass es falsch sei, diese Formen zu verwenden. Das ist so raffiniert wie hinterhältig. Anschließend steht

Hierbei muss man zunächst einmal wissen, dass der amtliche Staatenname im Deutschen mittlerweile Cote [sic!] d’Ivoire lautet. Elfenbeinküste ist die frühere, aber im allgemeinen Sprachgebrauch gängige Bezeichnung. Die einzig korrekte Einwohnerbezeichnung lautet dementsprechend dann Ivorer/Ivorerin (eingedeutschte Form von franz. Ivoirien/Ivoirienne).

Das bedeutet ja im Umkehrschluss, dass die deutschen Formen laut Duden eben doch falsch sind. Vermittelt wurde das aber erst nach einem politischen Hinweis. Daraus folgt:

Der Duden legt Regeln und Bestimmungen der deutschen Sprache nicht nach linguistischen Kriterien fest, sondern nach politischen! Das ist ein ungeheurer Skandal!

 

FIFA-WM statt Fußball-WM

Wie heißt der mächtigste Fußballverein der Welt? Ist es Barça? Oder ManU? Nein, es ist die Fédération Internationale de Football Association, abgekürzt FIFA, ein eingetragener Verein mit Sitz in der Schweiz. Dieser Verein ist so mächtig, dass er Angestellten von Unternehmen, die von ihm abhängig sind, vorschreiben kann, wie sie das Fußballspiel zu benennen haben. Die FIFA ist Veranstalter (nicht Ausrichter) der FIFA Fussball-Weltmeisterschaft – ein Mehrwortausdruck, der nach einer Kurzform ruft. (Das Doppel-s im Namen ist ein lustiger Schweizer Akzent). Fußballfreunde wie Sportmoderatoren sind geneigt zu sagen Fußball-WM. Doch bei der FIFA geht es nicht nur um Fußball, sondern auch um viel Geld. Und da wir uns nunmehr im Spätkapitalismus befinden (so sagt man), kann jedes Wort zum Kapitalistikum werden. Was die FIFA veranstaltet, ist nicht einfach irgendeine Art von Fußball, sondern FIFA-Fußball. Dazu muss man wissen, dass in manchen Ländern unter Fußball bzw. der wortwörtlichen Übersetzung davon verschiedene Sportarten verstanden werden – nicht aber im deutschen Sprachraum. In manchen anderen Ländern ist es deshalb nötig darauf hinzuweisen, dass es sich bei der Fußball-WM um Assoziationsfußball handelt (Soccer) – aber nicht in Deutschland. Hier reicht es zu sagen Fußball, und jeder weiß, was gemeint ist. Doch internationale Kapitalisten sind so zwanghaft darauf bedacht, ihre „Marke zu verteidigen“, dass sie weltweite Sprachregelungen für alle erlassen, die irgendwie vertraglich an sie gebunden sind. Fernsehsender, die von der FIFA Übertragungsrechte gekauft haben, müssen zum Dank dafür, dass sie an die FIFA bis zu hunderte Millionen Euro überweisen durften, sich deren Sprachregelung unterwerfen. Die Kurzform von FIFA Fussball-Weltmeisterschaft lautet demnach FIFA-WM, ein weiteres Akronym, das einen Sargnagel für die natürliche Sprache bedeutet. Die FIFA hat sogar bei der WM 2006 in Deutschland nach dem Motto „man kann’s ja mal probieren“ versucht, ihre Ansprüche auf sämtliche Medien auszuweiten. Dabei hat sie sogar verlangt, in Deutschland in Zusammenhang mit FIFA stets Fussball zu schreiben, so als ob sie das Recht hätte, die deutschen Rechtschreibregeln außer Kraft zu setzen. Dreist!

Nur: Wo bleibt denn der Widerstand der Sportmoderatoren und übertragenden Sender? Wo sind sie denn, die tollen Sprachdemokraten und Sprachanarchisten, die auf freier Wortwahl für alle bestehen? Wieso regt sich kein Sprachideologe über diese kapitalistische Unterdrückung der Volkssprache auf? Antworten auf diese und weitere Fragen gibt es in diesem Weblog…

 

Mit Griezmann/Besler/James auf in den fröhlichen Fremdsprachenanalphabetismus

Wenn man einen Menschen, der die Fußball-WM nicht verfolgt hat, fragen würde, welchen Sprachen er die Namen Griezmann, Besler und James zuordnet, würde er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen Deutsch, Deutsch, Englisch. Doch laut den Fernsehberichterstattern der WM ist Griezmann ein französischer Name, Besler Englisch und James Spanisch. Denn Griezmann spielt für Frankreich, Besler für die USA (war das jetzt Einzahl oder Mehrzahl? Seht ihr, das kommt davon!) und James für Kolumbien. Die deutschen Fernsehberichterstatter folgen ganz dem Zeitgeist, wider besseres Wissen fremdsprachenanalphabetische Falschaussprachen zu übernehmen, die in anderen Ländern üblich sind, auch wenn es sich um deutsche Namen handelt und die Falschaussprachen im deutschen Sprachraum die Verständigung erschweren. Wenn aus Griezmann (vermutlich eine Falschschreibweise von Grießmann oder Griesmann) Griäsˈmann wird (oder im Eifer des Gefechts gar Griäsˈmõ), Besler mit [i:] gesprochen wird (wie Biesler), obwohl dies gar keine englische Aussprache ist, sondern vermutlich das, was die Amis für die deutsche (!) halten, und James nach spanischen Regeln ausgesprochen wird, obwohl es nach meiner Recherche gar keinen solchen spanischen Namen gibt, dann ist keinem deutschsprachigen Fernsehzuschauer geholfen. Im Gegenteil: Es stiftet Verwirrung. Aber wenn die Franzosen einen Griezmann in der Équipe haben und nicht wissen, wie dieser deutsche Name auszusprechen ist, ist es doch eigentlich deren Problem. Warum muss man dieses Problem nach Deutschland importieren? Was haben deutsche Fernsehzuschauer davon, wenn sie deutsche Namen nach fremdsprachlichen Ausspracheregeln hören, die gar nicht dazu passen? Sie müssen dann zusätzliche Denkarbeit leisten, um die Namen zu erkennen. Bekloppt! Die vermeintliche Internationalität der Berichterstatter ist in Wahrheit einfach nur Gedankenlosigkeit und Rücksichtslosigkeit.

James ist allerdings ein schwieriger Fall. Ein englischsprachiger Kommentator musste sich gegenüber englischen Muttersprachlern dafür rechtfertigen, dass er den Namen „anglisiert“ hat anstatt ihn „original“ spanisch auszusprechen – obwohl es genau umgekehrt ist: Die Kolumbianer haben diesen englischen Namen… äh… hispanisiert? Und angesichts der Tatsache, dass englische Muttersprachler in Nordamerika Namen aus allen möglichen Sprachen der Welt wie selbstverständlich millionenfach „anglisieren“, sollten die Kritiker sich lieber an die eigene Nase fassen.

 

Public Viewing“? What are they doing!

Bereits bei der vorletzten WM wurde oft genug darauf hingewiesen, dass Public Viewing in der in „Schland“ (Fußballdeutschland) benutzten Bedeutung kein korrektes Englisch ist. Doch wie reagiert die Öffentlichkeit darauf? Anstatt den Fehler einzugestehen und künftig zu vermeiden, nimmt man wieder die „Jetzt erst recht“-Haltung ein, mit der Deutschland doch schon früher so fatal gescheitert ist. Dabei scheint man ernsthaft zu glauben, dass das Falsche automatisch zum Richtigen wird, wenn man es nur so oft wiederholt, dass das Richtige verdrängt wird. Diese Meinung hat sich Schland möglicherweise von den Sprachdarwinisten und Sprachdemokraten abgeguckt. Ziemlich überheblich allerdings, wenn Deutschland denkt, dass es jetzt seinen eigenen englischen Dialekt entwickeln könne und damit die englischsprachige Welt nerven dürfe. Dabei wäre es ja nicht einmal richtiger Dialekt, denn dazu müsste sich nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Form der Wörter ändern. Wer aber argumentiert, dass Public Viewing längst ein vom Englischen unabhängiges deutsches Wort sei, der muss dann es dann konsequenterweise auch nach den amtlichen deutschen Rechtschreibregeln schreiben: Pabblik Wjuing!

 

Gauchogate

Wenn ein Wort (oder was manche dafür halten) von einer gewissen Junta aus Sprachideologen zum Anglizismus des Jahres gewählt wird, kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass es unerträglicher Blödsinn ist. Ziel des Wortwahlklubs ist nämlich, Menschen mit Sinn für Regelhaftigkeit, Natürlichkeit und Ästhetik der Sprache sadistisch zu quälen. Deshalb werden von ihm vorzugsweise Wörter gekürt, die selbst englischen Muttersprachlern mit einem gewissem Niveau sauer aufstoßen dürften (vgl. Shitstorm). Der letzte Anglizismus des Jahres (2013) ist mithin auch das Gegenteil von dem, was man als natürlich entstandenes Wort bezeichnen könnte: -gate im Sinne von -skandal. Die Herleitung dieses Kunstwortes kann man ausführlich im Sprachlog nachlesen, dem Sprachrohr (hihi) besagter Ideologenjunta. Nichts gegen Sprachspielereien, aber mittlerweile scheinen immer mehr Sprecher -gate für ein seriöses, stilistisch neutrales Synonym für -skandal zu halten, durch dessen Benutzung man seine Beherrschung der englischen Sprache und damit seine Weltläufigkeit unter Beweis stellen kann. Für Gauchogate finden sich bei Google etwa dreißigmal so viele Treffer wie für Gauchoskandal. Das ist das eigentliche Gate. Äh… der eigentliche Skandal.

 

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