Ausgegaut: Der ADAC beugt sich dem Sprachdarwinismus (oder: der terminologische Super-GAU II)

Der Führungskader des allgemeinen Deutschen Automobil-Clubs, hinter dem 18 Millionen treue Mitläufer stehen, hat den Befehl ausgegeben, die Provinzverwaltungen seiner Schutzbriefstaffel für den täglichen Straßenkampf der Benzin-Tanks gegen Radfahrer, Fußgänger und andere Zecken nicht länger Gaue zu nennen, sondern Regionalclubs. Man will sich auf diese Weise im Nachhinein von der Konkurrenz durch die nationalmobilistische deutsche Autofahrerpartei abheben, auch wenn letztere schon vor längerer Zeit aus dem Verkehr gezogen wurde.

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Dass der ADAC mit allen Mitteln versucht, seinen ramponierten Ruf aufzupolieren und dabei auf Kosten der deutschen Sprache die Antifaschismus-Karte spielt, ist menschlich verständlich. Doch ist diese Begründung meiner Meinung nach nur die halbe Wahrheit. Ich behaupte, dass bei der Entscheidung zum Wörtermord nicht nur die Vergangenheit des Wortes Gau eine Rolle spielte, sondern auch dessen Zukunft. Die sieht nämlich ziemlich verstrahlt aus. Denn Gau wird immer mehr als Wort mit der Bedeutung größter anzunehmender Unfall verstanden. Es handelt sich hierbei um ein zum normalen Wort umgedeutetes Akronym, das nur rein zufällig schriftliche und lautliche Gleichheit (Homonymität) mit dem Erbwort Gau aufweist.

Und hier haben wir wieder mal ein schönes Beispiel dafür, dass Sprachdarwinismus nicht funktioniert. Zufällige Sprachevolution führt eben über kurz oder lang zu Kollisionen zwischen sprachlichen Formen.

Gau als Erbwort kommt zu selten vor, um als eigenständiges Wort überleben zu können. Es wird von seinem viel häufigeren künstlichen Homonym in den Schatten gestellt und verkümmert dort. Solch eine Konkurrenz von Wortbedeutungen kommt in der natürlichen Sprache dagegen NICHT vor. Zwar verkümmern auch in der natürlichen Sprache Wörter und Formen, aber nicht aufgrund von Bedeutungskonkurrenz. Der Bedeutungswandel verläuft in der natürlichen Sprachumgebung vollkommen friedfertig und kooperativ, ohne Wettbewerb, Konkurrenz, Unterdrückung und ähnliche unschöne darwinistische Methoden. Diese Erkenntnis kann man aber den Sprachdarwinisten (sprich heutigen Sprachwissenschaftlern) nicht vermitteln, da sie unfähig sind, außerhalb der Bahnen ihrer Ideologie zu denken.

Es kommt in der natürlichen Sprache auch NICHT vor, dass eine Zentralinstanz die Notbremse ziehen und ein Wort mit einer Gewaltmaßnahme abschaffen muss, bevor es zu sehr Verwirrung stiftet. Die nächsten Generationen von ADAC-Neulingen würden nämlich, wenn sie zum ersten Mal von Gau hören, wohl weniger an Nazi-Idioten denken (denn das historische NSDAP-Wissen dazu muss man auch erst mal haben), sondern vielmehr an Nuklearkatastrophen. Schuld an der linguistischen Katastrophe sind diejenigen, die glauben, sie könnten einfach beliebige Akronyme zu regulären Wörtern aufwerten, ohne dass dies irgendwann zu sprachlichen Konflikten führen würde.

Überhaupt sind Akronyme bedeutungsunsicher und damit kritisch. Da oft viele Sprecher die Herleitung eines Akronyms nicht kennen, kann die jeweilige Bedeutung auf unvorhergesehene Weise verfälscht werden. Dies ist auch beim Akronym GAU geschehen. Aus der fachsprachlichen Bedeutung Auslegungsstörfall wurde in der Umgangssprache größter vorstellbarer [!] Unfall. Mehr dazu siehe unter Kernschmelze, Kernverschmelzung und der terminologische Super-GAU.

Wer ADAC sagt, muss auch VW sagen

Was passiert nun eigentlich mit dem Nazi-Ausdruck Volkswagen? Wird die Volkswagen AG sich eines Tages umbenennen in Bevölkerungswagen, People‘s Car oder gar Peoples‘ Car? Oder wird dem VW-Führungskader eine neue Herleitung für das Akronym einfallen, wie etwa Vehicles for the World? Die Zukunft wird es zeigen.

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Eine Antwort zu Ausgegaut: Der ADAC beugt sich dem Sprachdarwinismus (oder: der terminologische Super-GAU II)

  1. Pingback: Warum „kreativer“ Umgang mit Aussprachen und Schreibweisen von Wörtern und Namen kein gesellschaftliches Ziel sein kann (oder: Von Sprachdiversität, Sprachkreationismus, sprachlichen Todsünden und Ghettonamen) | FUROR MUNDI

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