„Ich hoch x“ – oder: Der unendliche Egoismus der Lann Hornscheidt (The X-Forms II)

Die Geschlechterrollistin Lann Hornscheidt hat eine 54(!)seitige „Broschüre zu antidiskriminierenden Sprachhandlungen veröffentlicht und ist mit ihren wirren Vorstellungen und irren Vorschlägen zu Spiegel-Online-Ruhm gelangt. Das erfordert eine kritische Kommentierung. In diesem Weblog-Artikel geht es um das unschuldige Wörtchen man, das von Lann Hornscheidt in unterdrückerischster Weise weggemobt wird.

Hornscheidt lehnt die Verwendung des Indefinitpronomens man als diskriminierend ab, denn wie angeblich

Perzeptionsstudien gezeigt haben […], werden mit ‚man’ tatsächlich Vorstellungen von → weißen→ ableisierten ‚Männern’ aufgerufen. (S. 31)

(Weiß der Teufel, warum sie Männer in Anführungszeichen gesetzt hat.)

Hornscheidt nennt sodann mehrere Alternativen für man, die nicht- oder antidiskriminierend seien. Èine Alternative erwähnt sie allerdings nicht: Ausgerechnet diejenige, die sie selbst fortwährend benutzt. Wie peinl_ich! Hornscheidt ersetzt nämlich in ihrer Broschüre konsequent man durch mich, und zwar bis zum Erbrechen. Man kommt darin außer als Zitat keinmal vor, ich dagegen komme 200 mal vor, sozusagen ich200!

Doch bin ich wirklich eine bessere Alternative? Tatsächlich gibt es mit mir mindestens drei Probleme:

Zum Ersten bin nach meiner eigenen Erfahrung ich als man-Ersatz eine Modeerscheinung aus dem Kapitalistenjargon. Ich kenne mich hauptsächlich aus den Kommentaren irgendwelcher Verbraucherberatungs- und Finanzfuzzis im Fernsehen. Ursprünglich wohl ein Stilmittel zur leichteren Identifikation des Hörers mit der Zielgruppe des Textes (Bsp.: Wie spare ich Steuern), wurde ich ab irgendeinem Zeitpunkt immer mehr von Wirtschafts- und Börsenmöchtegerns als majestätischer man-Ersatz verwendet: Ich als Beispiel und leuchtendes Vorbild für alle. Wenn ich an mich denke, denke ich deshalb in erster Linie an… weiße, äiblisierte Männer! Falls also man aufgrund solcher Assoziationen diskriminierend ist, dann muss dies für mich umso mehr gelten. Wurden eigentlich schon Perzeptionsstudien über mich durchgeführt? Ich wette nicht.

Zum Zweiten bewirkt die Gleichsetzung von mir mit man eine Herabsetzung des Informationsgehalts der Sprache. Zum Beispiel ist bei folgenden beiden Sätzen die Bedeutung zunächst unterscheidbar:

(1) Das tue ich nicht.

(2) Das tut man nicht.

Ersetzt man den zweiten Satz durch den ersten, wird die Bedeutung von (2) jedoch nicht mehr vermittelt. Zwar regt Hornscheidt auch zum „kreativen Ausprobieren“ anderer Man-Ersetzungsmöglichkeiten an, die dieses Problem umgehen (etwa Das tun Personen nicht). Es ist jedoch utopisch anzunehmen, dass außer ein paar Übermotivierten Textersteller sich bei jedem Vorkommen von man die Mühe machen, eine individuelle Lösung zu finden. Hornscheidt selbst ist das beste Negativbeispiel. Sie ersetzt in ihrem Text einfach durchweg man durch mich, ohne Rücksicht darauf, ob aus dem Kontext ersichtlich ist, ob sie sich selbst meint oder mich.

Und damit sind wir beim dritten Problem, welches darin besteht, dass bei mir die Bedeutung nur indirekt vermittelt wird:

Ich erinnere an Luise Pusch, die sich darüber beschwert, dass Frauen beim verallgemeinernden Maskulinum umständlich „mitgedacht“ werden müssen und daher leicht in Vergessenheit geraten. Natürlich ist dieser Vorwurf absurd. Doch nimmt man ihn aus ideologischen Gründen ernst, so wie die Gendermanipulateure es tun, dann muss man konsequenterweise auch sagen, dass meine Verwendung noch viel diskriminierender ist: Nicht nur die Hälfte der Menschheit muss mitgedacht werden, sondern alle Menschen bis auf mich! Die ganze Welt wird auf mich reduziert! Diskriminierender kann Sprache nach Hornscheidts eigener Logik nicht sein.

Aber alle Probleme mit mir hätten gelöst werden können – und sogar ganz leicht: Ich kann mich einfach durch dich ersetzen – oder gleich durch euch alle! Der Unterschied zwischen mir und euch ist praktisch derselbe wie zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Lustigerweise macht gerade die Trägersprache des Kapitalismus es uns vor: Im Englischen gibt es keine wörtliche Entsprechung zu man. Dort verwendet man dafür manchmal one, manchmal people, meistens aber you, was Gelegenheitsübersetzer dann fälschlicherweise mit du übersetzen (you ist ja eigentlich eine Pluralform). Will man aber auch im Deutschen, aus welchen Gründen auch immer, auf man verzichten, bietest du dich oder ihr euch netterweise an. Da durch dich jeder Leser einzeln angesprochen wird, kommst du in der Summe euch gleich.

Sie sind übrigens noch höflicher. Diese Möglichkeit erwähnt sogar Hornscheidt selbst:

 …Verwendung von direkten Anreden: „Den Senatssaal im ersten Stock erreichen Sie über den Aufzug oder das Treppenhaus.“ (S. 31)

Warum wendet sie die von ihr selbst doch empfohlene Methode nicht in ihrem eigenen Text an? Dafür fällt mir einfach kein rationaler Grund ein. Sie handelt irrational!

Fazit

Hornscheidt verschlimmbessert bei ihrem Versuch, in der Sprache für mehr Gerechtigkeit zu sorgen, diese so zum Schlechteren, dass an ihren eigenen Maßstäben gemessen die Sprache noch ungerechter wird als vorher. Ihre Vorschläge zur Umgestaltung der Sprache sind so kompliziert (54 Seiten!) dass sogar sie selbst den Durchblick verloren hat.

*

Siehe auch: “Professx Stefanowx” (The X-Forms I)

 

 

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