GNTM: „Dominata“ – oder: Wie sprachliche Mutationen dazu führen können, dass man das Gegenteil von dem sagt, was man meint – oder: Von Sprachdarwinismus und unintelligentem Sprachdesign

Die nexte GNTM-Staffel ist vorüber – und hat wieder mal einen linguistischen Flurschaden hinterlassen. Ein weiterer Jahrgang junger Mädchen ist nun durch Designer-Denglisch verdorben und hält deren von Interferenzen durchsetztes Geschwafel für korrektes Deutsch.

Der Neu-Juror Wolfgang Joop ist nicht nur durch professionelles Onkeltum und verstrahlte Mimik binnen kürzester Zeit zur GNTM-Legende gewachsen, sondern hat auch hemmungslos sprachgepanscht. Doch darüber will ich hier gar nicht lästern, weil es etwas anderes Interessantes zu berichten gibt: Wolfgang Joop hat auch unfreiwillig ein hervorragendes Beispiel dafür gebracht, wie Sprachdarwinismus scheitert.

Sprachdarwinismus nenne ich die These der Sprachideologen, dass genau wie in der Biologie das Prinzip von Mutation und Selektion zur Verbesserung der Sprache und ihrer Anpassung an neue Bedingungen beiträgt und für die sprachliche Evolution unverzichtbar ist. In Regelbrüchen bei Grammatik, Wortwahl und Rechtschreibung sehen die Sprachideologen nichts grundsätzlich Fehlerhaftes und Falsches, sondern Mutationen, die je nachdem, ob sie die sprachliche Verständigung erleichtern oder erschweren, von Sprechern kopiert werden oder auch nicht, und somit einer natürlichen Selektion unterworfen sind.

Was die Sprachideologen übersehen: Es gibt nicht nur einzelsprachliche Regelwerke, sondern auch ein übersprachliches Regelwerk. (Wichtiger Hinweis: Damit meine ich keinesfalls eine „Universalgrammatik“ im Chomskyschen Sinne!) Dieses Regelwerk sorgt dafür, dass sich die einzelsprachlichen Regelwerke nicht gegenseitig widersprechen: Es gibt keine Wörter oder Wortfolgen in èiner Sprache, die in einer anderen Sprache etwas völlig anderes bedeuten. Gäbe es diese, würde es ständig zu Missverständnissen zwischen Sprachgemeinschaften kommen.

Ändert man Regeln einer bestimmten Sprache ohne Berücksichtigung der anderen Sprachen nach Belieben, muss es zwangsläufig über kurz der lang per Zufall dazu kommen, dass Lautfolgen entstehen, die in irgendeiner anderen Sprache etwas völlig anderes bedeuten. Internationale Kapitalisten haben das längst gemerkt und lassen deshalb neu „designte“ Produktnamen von Sprachexperten daraufhin abklopfen, ob sie in irgendeiner Sprache eine Bedeutung haben, die dem Markterfolg des Produktes in den entsprechenden Ländern im Wege steht. Die internationalen Kapitalisten haben also vom Wesen der Sprachen bereits mehr verstanden als all die Sprachwissenschaftler mit Abschluss, die der Meinung sind, dass die sprachliche Evolution dann am besten funktioniert, wenn am wenigsten darüber nachdenkt.

Und nun kommt Wolfgang Joop:

Als es ihm oblag, über eine Kandidatin namens Aminata, die zuvor durch dominantes, geradezu dominahaftes Verhalten aufgefallen war, ein Urteil abzugeben, rutschte ihm die Lautfolge Dominata heraus. Großes Gelächter unter allen Anwesenden. Glaubte man doch, Joop habe per zufälligem Versprecher eine intelligente Wortschöpfung gefunden, die die Wörter Aminata und Domina samt ihrer Bedeutungen in èinem Wort vereint.

Tatsächlich jedoch sind Domina und Dominata zwei lateinische Wörter, die praktisch das Gegenteil voneinander bedeuten. Domina heißt Herrin, dominata dagegen ist ein Partizip mit der Bedeutung beherrscht und weiblicher Endung. Als substantivierter Name heißt Dominata eindeutig die Beherrschte. Um diese Umkehrung zu bemerken, muss man jedoch Latein- oder Italienischkenntnisse besitzen und darf überdies sein Hirn nicht ausgeschaltet haben – auch wenn Hirnausschalten und Lateinleugnen zum Verhaltenskodex der Sprachideologen gehört.

In dem vorliegenden Fall hat zwar die Mutation funktioniert, aber nicht die Selektion, denn nicht genügend Leute merken (oder trauen sich zu sagen), dass Dominata das Gegenteil von Domina meint. Die Unwissenheit siegt und wird eines Tages zu Missverständnissen führen. Ich stelle mir vor, wie Aminata nach Mailand fliegt, um dort die Laufstege zu erobern und überall stolz herumerzählt: „In Germany they call me Dominata!“

So etwas kann nicht passieren, wenn man sich an die Regeln der Sprachen hält. Es gibt kein regelmäßiges deutsches Wort, das in irgendeiner anderen Sprache das genaue Gegenteil von seinem deutschen Sinn bedeutet, zumindest keines mit gleichen grammatischen Eigenschaften, das syntaktisch an der gleichen Stelle stehen kann. Missverständnisse zwischen Sprachen entstehen nur durch Regelbrüche und unintelligentes Sprachdesign.

Deshalb ist die Moral von der Geschicht‘:
Sprachdarwinismus funktioniert leider nicht!

*

Siehe auch: GNTM: Wolfgang Joop picky because boobs: But why not dubbed?

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