„Crimea river“??? C’mon, fuck you crane! (Über zu viele Homophone in der englischen Sprache und zu wenige Buchstaben in der russischen Schrift, sowie vom Sinn des natürlichen und vom Unsinn des künstlichen Lautwandels)

Hinweis: Der folgende Text enthält vereinfachende Darstellungen, weil die ganze Wahrheit hier nicht hineinpasst. Für weitere Details siehe Sprachwandel, Rechtschreibung, Aussprache und die neue Sprachideologie.

Seit die Regierung Putin die Halbinsel Krim zurück unter die Fittiche Russlands geholt hat, baut man im sogenannten Westen wieder fleißig am Feindbild des russischen Imperialismus. Zu Zeiten des kalten Krieges wurde z.B. geklagt, wie unterdrückerisch es doch sei, dass ganz Osteuropa von den Russen gezwungen werde, deren Sprache zu erlernen. Inwieweit der russische Eroberungsdrang eine notwendige Maßnahme im Zuge der marxistischen Weltrevolution war und inwieweit russischer Nationalismus, durfte jeder für sich selbst beurteilen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion glaubte man im Westen, dass es mit beidem vorbei sei. Der Weg schien frei für eine Verwestlichung des Ostens mit der englischen Sprache als Kulturträger. Dabei verwundert die Selbstverständlichkeit, mit der man im Westen annahm, dass ganz Osteuropa (das übrigens an der Westgrenze Polens beginnt) einschließlich Russlands sich mit Begeisterung auf die englische Sprache stürzen würde.

Doch die englische Fremdwortinvasion muss leider spätestens an der russischen Grenze haltmachen (wenn nicht schon an der ukrainischen), da die englische Rechtschreibung nicht auf die russische Schrift abgebildet werden kann. Dazu fehlen in letzterer schlicht ein paar Buchstaben. Eine alternative englische Rechtschreibung wiederum kann nicht einfach so aus dem Ärmel geschüttelt werden, weil die heutige englische Schriftsprache auf die bestehende Rechtschreibung angewiesen ist. Die Gründe dafür und die Folgen davon werde ich hier erläutern.

Exkurs: Rechtschreibungen

Eigentlich funktionieren Rechtschreibungen bei Buchstabenschriften dem Grundgedanken nach so: Man bildet die Laute einer (hoffentlich unverfälschten) Sprache auf Buchstaben ab. Diese Zuordnungen sind zunächst willkürlich und gelten fortan als Regeln. Beim Schreiben wählt man zu jedem gesprochenen Laut den zugeordneten Buchstaben aus. Beim Lesen verläuft der Vorgang in umgekehrter Richtung. Wichtig ist nur, dass die einmal festgelegten Zuordnungen strikt eingehalten werden. Verschiedene Zuordnungsregelwerke entsprechen verschiedenen Rechtschreibungen. Weil die Zuordnungen willkürlich sind, gibt es viele verschiedene Rechtschreibungen für viele verschiedene Sprachen, manchmal auch mehrere für èine Sprache. Neuere Rechtschreibungen sind allerdings aus praktischen Gründen immer Abwandlungen von historischen. Im Sinne der Effizienz sollte jeder Mensch jedoch nur einmal mit dem Erlernen einer Rechtschreibung für eine bestimmte Sprache belastet werden. Das Verbreitungsgebiet einer Rechtschreibung sollte deshalb mit dem Verbreitungsgebiet der zugehörigen Sprache übereinstimmen. Noch besser wäre, wenn die Rechtschreibungen auch übersprachlich soweit-es-geht vereinheitlicht würden. Eine vollständige Vereinheitlichung ist mit den herkömmlichen Alphabeten jedoch nicht möglich, da es in den Sprachen der Welt zusammengenommen Hunderte von Lauten gibt, aber kein Alphabet mit entsprechend vielen Buchstaben (außer der IPA-Lautschrift, die aber als Alltagsschrift ungeeignet ist). Ein-und-derselbe Buchstabe muss deshalb meist bei verschiedenen Sprachen für verschiedene Laute stehen.

Es ist leicht einsichtig, dass Aussprachefehler auftreten, wenn man eine Buchstabenfolge, die nach einer bestimmten Rechtschreibung geschrieben wurde, nach den Regeln einer anderen Rechtschreibung ausspricht. Genau dieses tut man jedoch in der englischen Sprachkultur so häufig wie in keiner zweiten. Denn in die englische Sprachkultur wurden äußerst viele Fremdwörter in Originalschreibweise übernommen, jedoch üblicherweise nach den englischen Rechtschreibregeln ausgesprochen. Tatsächlich besteht ein Großteil des heutigen englischen Wortschatzes aus fremdsprachenanalphabetischen Falschaussprachen.

Der Sinn des natürlichen und systematischen Lautwandels

Die Sprachideologen kümmert das nicht, da es für sie kein sprachliches Richtig-oder-falsch gibt, sondern nur Benutzungshäufigkeiten. In Wahrheit jedoch zerstören fremdsprachenanalphabetische Falschaussprachen die natürliche Ordnung der Sprachen, indem sie die Systematik des natürlichen Lautwandels durcheinanderbringen.

Das natürliche System der Sprachen und des Lautwandels sorgt nämlich dafür, dass es keine sprachenübergreifenden Homophone gibt. (Von vollständigen Homophonen ist nur dann zu sprechen, wenn auch die Wortart und die grammatische Anbindung übereinstimmen.) Man kann die Notwendigkeit des systematischen Lautwandels sehr anschaulich an den Sprachen Deutsch und Englisch demonstrieren. Ein Großteil des Wortschatzes der beiden Sprachen besteht aus deutsch-englischen Kognaten, d.h. Wörtern gleichen Ursprungs. Nach der Auftrennung der ursprünglichen nordseegermanischen Sprachgemeinschaft durch Auswanderung eines Teils der Angelsachsen nach Britannien haben sich die Bedeutungen der Wörter in den beiden geographischen Gebieten unterschiedlich entwickelt. Und nun stelle man sich mal vor, es hätte KEINEN je nach Sprachgemeinschaft unterschiedlichen Lautwandel gegeben. Dann würde ein Engländer heute z.B. sagen Putin ist schmal, aber damit meinen Putin ist klein, denn das entsprechende englische Wort für klein, small, ist kognat mit dem deutschen schmal. Ein deutschsprachiger Hörer würde ohne Lautwandel nicht anhand der sprachlichen Form erkennen können, dass etwas anderes gemeint ist als in seiner Sprachgemeinschaft üblich, und ein Missverständnis wäre unausweichlich. Da es hunderte solcher Wortverwandtschaften zwischen Deutsch und Englisch gibt, wäre ohne systematischen Lautwandel eine vernünftige und unfallfreie Verständigung zwischen Engländern und Deutschen nicht möglich. Jemanden misszuverstehen ist viel schlimmer, als jemanden gar nicht zu verstehen!

Die negativen Auswirkungen des künstlichen und unsystematischen Lautwandels

Wichtig ist zu begreifen, dass der Sprachwandel (der neben Lauten die gesamte Grammatik betrifft) einer bestimmten Systematik folgen muss, um Homophone zwischen Sprachgemeinschaften erfolgreich zu vermeiden. Wie diese Systematik genau aussieht und vor allem nach welchen Mechanismen sie funktioniert, weiß ich leider auch (noch) nicht. Aber im Gegensatz zu den verdammten Sprachideologen leugne ich nicht aus ideologischen Gründen ihre Existenz. Die Sprachideologen behaupten nämlich, neue Lautungen entstünden nicht entlang gewisser allgemeingültiger Regeln, sondern seien allesamt quasi zufällige (d.h. unvorhersagbare) und völlig unkoordinierte Regelbrüche, so ähnlich wie Mutationen in der Biologie. Ob ein Lautwandel nur ein einziges Wort betrifft (unsystematisch) oder alle Wörter mit einem bestimmten Phonem (systematisch), ist für sie gleichwertig. Aber wenn sich zwei Sprachen vollkommen unvorhersagbar zufällig entwickeln, können sie sich auch – unabhängig von der Bedeutungsebene – auf formaler Ebene zufällig in genau die gleiche Richtung entwickeln. Es müssten über kurz oder lang übersprachlich gleiche Formen mit verschiedener Bedeutung entstehen. Zumindest auf Wortebene sollte das rein statistisch häufig passieren, sodass es zu zwischensprachlichen Homophonen kommen würde. Doch nein, es geschieht bei natürlicher Sprachentwicklung eben gerade nicht. Auch scheinbare deutsch-englische Homophone wie etwa Leid und Light sind in Wahrheit keine, sondern hören sich nur dann genau gleich an, wenn das Wort der einen Sprache mit dem Akzent der anderen ausgesprochen wird. Und ebendies ist bei Fremdwörtern nie ganz zu vermeiden, da es außer für mehrsprachig Aufgewachsene praktisch unmöglich ist, Fremdsprachen völlig akzentfrei zu sprechen. Die lautliche Angleichung von Fremdwörtern an die Phonologie einer Sprache führt deshalb mit einer gewissen statistischen Häufigkeit zur Entstehung von Homophonen. Je mehr Fremdwörter es in einer Sprache gibt, desto höher wird deshalb zwangsläufig die Zahl der Homophone.

Fremdwörter werden also aus zwei Gründen falsch ausgesprochen: Erstens durch die unvermeidliche lautliche Angleichung an die Wirtssprache aufgrund des Nichtvermögens einer perfekten Aussprache, zweitens durch eigentlich vermeidbare fremdsprachenanalphabetische Falschaussprachen. Beide Phänomene führen zu vermehrter Homophonbildung, wobei das zweite schwerer wiegt.

Im modernen Englisch sind auf diese Weise derart viele Homophone entstanden, dass eine rein phonemische Rechtschreibung englischsprachige Texte schwer verständlich machen würde. (Bei schriftlichen Texten ist der Situationszusammenhang häufig unklarer als bei mündlichen. Außerdem fehlt prosodische Information.) Ehrlicherweise sollte man zugeben, dass englische Wortschreibweisen mitsamt der Aussprachen heute zum großen Teil auswendig gelernt werden müssen – nicht anders als chinesische Schriftzeichen. Wollte man die englische Rechtschreibung aber vereinfachen, müsste man erst einen Großteil der Aussprachen zurückändern! Da dies kaum durchsetzbar ist, befindet sich die englische Sprachkultur in einer Sackgasse.

Sprachverhunzung in plane site

Betrachten wir nun zur Veranschaulichung der Problematik den „englischen“ Wortdreier sightsitecite.

Sight ist ein echtes englisches Wort und ein Kognat des deutschen Wortes Sicht. Site und cite stammen über das Altfranzösische aus dem Latein, sind also in der englischen Sprache Fremdwörter. Bei linguistisch korrekter Aussprache lauten alle drei Wörter verschieden (zumindest wenn man bei cite die lateinische Aussprache zugrundelegt): [saɪt, sit, kit-].

Spricht man jedoch auch die beiden Fremdwörter nach den Regeln der englischen Rechtschreibung aus, klingen alle drei Wörter gleich! Und so wird es leider gepflegt: [saɪt, saɪt, saɪt]. Die identischen Aussprachen erzwingen nun wiederum unterschiedliche Schreibweisen zur besseren Unterscheidung in schriftlichen Texten. Es liegt auf der Hand, dass man dazu am besten weiterhin die historischen Schreibweisen verwendet, da sie Informationen über die Etymologie enthalten, an denen gebildete Leser sich orientieren können – und auch weil ein Umlernen sinnlosen Aufwand bedeutete.

In der deutschen Sprachkultur können wir diese Schreibweisen übernehmen und die Wörter bequem in schriftliche deutsche Texte eingliedern, da wir das gleiche Alphabet verwenden. (Blöd nur, wenn es bereits deutsche Wörter mit gleicher Schreibweise, aber anderer Aussprache und Bedeutung als englische gibt wie z.B. Tag, Brand etc. Solche Homographe sind die schriftliche Entsprechung der Homophone). Bei Sprachkulturen mit anderen Alphabeten sieht es aber erheblich schwieriger aus. Was der gemeine deutsche selbsterklärte Multikulti-Anhänger, der in Wahrheit meist ein unbewusster Germanozentriker ist, nicht begreift, ist die Tatsache, dass in Sprachkulturen mit nichtlateinischen Schriften es niemals möglich ist, so viele englische Fremdwörter zu übernehmen wie im Deutschen.

In der russischen Schrift z.B. gibt es keine Buchstaben, die dem H und dem C entsprechen. Schlimmer noch: Es gibt Buchstaben, die genauso aussehen wie H und C, aber völlig andere Lautwerte besitzen. Eine Unterscheidung zwischen site und cite ist also in der russischen Schrift nicht möglich, und bei der Transliteration von sight muss das h unter den Tisch fallen oder durch einen anderen Buchstaben oder Digraph ersetzt werden, was aber wiederum weitere Unannehmlichkeiten nach sich zieht. Site wurde als сайт (i.S.v. Website) bereits ins Russische übernommen. Für sight und cite ist diese Möglichkeit damit verschlossen.

Das russische Alphabet einfach mit den fehlenden lateinischen Buchstaben zu ergänzen, ist nicht möglich, weil es wie gesagt bereits etliche russische Buchstaben mit gleicher Form, aber anderem Lautwert gibt (siehe сайт). Man kann in die Texte höchstens ganze Wörter in lateinischen Buchstaben einfügen, bei denen dann die Aussprache nach der Ganzwortmethode zu erkennen ist. Dies wird auch praktiziert, aber es ist umständlich, sodass die Zahl der Wörter begrenzt bleiben muss. Kritisch wird es bei Akronymen oder technischen Kürzeln, wie z.B. MP3. Sind solche Buchstabenfolgen dem Leser unbekannt, kann er des Öfteren nicht einmal erkennen, ob es sich um lateinische oder russische Buchstaben handelt. (MP3 sieht in einem russischen Text so aus wie in einem englischen MR3.)

Theoretisch könnte man die fehlenden Buchstaben durch Digraphen umschreiben oder Buchstaben aus anderen Varianten der kyrillischen Schrift übernehmen. Doch das wäre mit einem Riesenaufwand und einer wahnsinnigen Umlernerei verbunden und ist deshalb schlicht unzumutbar.

Mit anderen Worten: Massenhafte englische Fremdwörter sind in der russischen Sprachkultur ein Krampf. (Für die ukrainische dürfte es nicht viel anders aussehen, was ich aber nicht genauer nachgeforscht habe.) Wollte man in die russische Sprachkultur Englisch im gleichen Maße integrieren, wie man es im deutschen Sprachraum tut, müsste man vorher in Russland die lateinische Schrift auch für die russische Sprache einführen. Immerhin gibt es ja schon eine wissenschaftliche Transliteration, die russische Buchstaben auf lateinische abbildet und sich dabei auch auf diakritische Zeichen stützt (die es so in der russischen Schrift nicht gibt, weshalb eine buchstabengetreue Abbildung in umgekehrter Richtung eben nicht möglich ist). Doch wer glaubt ernsthaft, dass die Russen ihre eigene Schrift extra für die englische Sprache aufgeben würden?

I’m crying a river… for Ukrayina!

All das sollte man mal den US-amerikanischen Freunden erzählen, die von diesen Tatsachen nichts ahnen, aber sich für wahnsinnig gebildet halten, wenn sie wissen, wie man Fremdwörter wie Crimea und Ukraine auf genau die „richtige“ Weise FALSCH ausspricht. Und die dann noch ein ach so geistreiches Wortspiel daraus machen: Crimea river… Das Mehrwort-Homophon Crimea – cry me a entsteht nur dann, wenn man Crimea FALSCH ausspricht. Crim-ea kommt von Крым (Krym) und nicht von Крайм. So etwas ist nicht Sprachwitz, sondern zum Heulen!

Auch beim Wort Ukraine hat leider der unwissenschaftliche Ungeist obsiegt. Es handelt sich dabei um ein slawisches Wort mit der Bedeutung Grenzland u.ä., das als Landesname fungiert, etwa wie im Deutschen Österreich oder Niederlande. Nur die ursprüngliche Endung –a wurde an irgendeine Sprache (vermutlich Französisch) assimiliert. Die ukrainische Originalaussprache ist [ukrɑˈji.nɑ], in ukrainischer Schrift Україна. Es ist leicht einsehbar, dass jede andere Aussprache, die nicht durch natürlichen Lautwandel entstanden ist, als falsch gelten muss, besonders wenn sie auf einer Verwechslung von Rechtschreibungen beruht . So wie z.B. die angebliche „englische“ Aussprache: [juːˈkɹɛɪn], „Jukräin“… Noch schlimmer die Franzosen: [yˈkʁɛn], „Ükrenn“! Die Deutschen dagegen sprechen das Wort halbwegs (aber auch nicht vollständig) richtig aus, bis auf die Unsicherheit bei der Betonung.

Bei der Zeichenfolge Ukraine ist nicht ganz klar, ob es sich um eine Transliteration bzw. Transskription aus dem Ukrainischen oder dem Russischen handelt. Aufgrund der größeren Bedeutung und Reichweite des Russischen gehe ich aber von Letzterem aus. Im Ukrainischen wird das Wort mit [aji] gesprochen, im russischen mit [ai], weshalb die übliche deutsche Aussprache mehr der russischen entspricht. Der Digraph ai steht nun unglücklicherweise sowohl in der englischen als auch in der französischen Rechtschreibung standardmäßig für einen anderen Lautwert als [ai], nämlich [ɛɪ] bzw. [ɛ].

Im Französischen setzt man zur Kennzeichnung einer getrennten Aussprache von Vokaldigraphen (Diärese) ein Trema auf den zweiten Vokal. Dies wurde hauptsächlich für Fremdwörter geschaffen. Die korrekte französische Schreibweise für Ukraine (ausgehend von der russischen Aussprache) wäre demnach Oukraïne. Die Franzosen schreiben übrigens auch Poutine. Ja, es ist wirklich Putin gemeint. Viele Sprachen bzw. deren Rechtschreibungen haben ihr eigenes System für die Transskription oder Transliteration slawischer Namen und Wörter (also genau das, was in englisch-russischer Richtung so schwierig ist und auch in allen anderen Kombinationen verlustbehaftet), und es gibt überhaupt keinen stichhaltigen Grund, hier für die Ukraine eine Ausnahme zu machen. Im Gegenteil: Die Tatsache, dass man im Englischen und Französischen sich die Mühe der Transskription nicht gemacht hat, weist darauf hin, wie wenig Bedeutung man der Ukraine bisher beigemessen hat!

Auch in der englischen Rechtschreibung benutzt man zur Kennzeichnung von [ai] das Trema. Offiziell jedenfalls. Paradebeispiel ist das Wort naïve, das in exakt dieser Schreibweise aus dem Französischen entlehnt wurde. Ein Weglassen des Tremas ist offiziell nur aus technischen Gründen erlaubt. Jedoch würde kein erwachsener englischer Muttersprache jemals auf die Idee kommen, naive (ohne Trema) nach englischen Regeln auszusprechen. Warum also bei Ukraine? Das Paradoxe ist: Bei naive gilt die linguistisch falsche Aussprache als ungebildet, bei Ukraine die richtige!

Einfacher und besser wäre jedoch, wenn man bei Ukraine nicht die russische, sondern die ukrainische Aussprache zugrundelegte. Dann würde man zwischen a und i ein y (im Dt. j) einfügen und könnte das Trema vergessen: Ukrayina/Oukrayina.

An dieser Stelle eine kleine Horrorliste mit Wörtern, die [ai] bzw. [aji] enthalten und je nach Sprache mehr oder weniger verhunzt wurden, und das auch noch unsystematisch.

DE EN FR
naiv r Naïve/naive r naïf/naïve r
Kokain r cocaine f cocaïne r
Kain r Cain f Caïn r/f
Haiti r Haiti f Haïti r
Ukraine r Ukraine f Ukraine f

 

Die deutsche Sprache schneidet hier eindeutig am besten ab, weil die deutsche Laut-Buchstaben-Zuordnung bei ai nicht vom lateinischen Standard abweicht.

Fazit

Man kann sich leicht ausrechnen, dass sich das Chaos aufgrund des allgemeinen Fremdsprachenanalphabetismus langsam aber sicher vergrößert, wenn nicht eine wissende Autorität einschreitet und für Ordnung sorgt. Die antikonservativen Ideologen unter den Sprachwissenschaftlern dagegen freuen sich über die Ausbreitung des Chaos; erstens weil sie sich dann als Wegweiser durch den Dschungel des Formenwildwuchses wichtigmachen können, zweitens weil sie diese „Mutationen“ für wichtige Schritte in der Sprachevolution halten und drittens, weil sie sich aus purem Sadismus daran aufgeilen, wenn vermeintlich Konservative angesichts dieser Befunde über den Sprachverfall jammern.

Homophone wie Crimea – cry me a entstehen nicht bei natürlicher Sprachentwicklung, sondern durch unnatürliche fremdsprachenanalphabetische Falschaussprachen. Der englischen Sprachkultur würde es gut zu Gesicht stehen, in solchen sprachlichen Unfällen etwas Ernsteres zu sehen als nur Futter für die Humorindustrie.

Und die Freunde der Anglobalisierung sollten sich abschminken, dass sich die englische Sprache überall so leicht verbreiten und in andere Sprachkulturen integrieren ließe wie in Deutschland. Dagegen sprechen sowohl inkompatible Grammatiken als auch inkompatible Schriftsysteme, wie z.B. das russische.

 

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