Warum ist „leichte Sprache“ so schwer?

Vor einiger Zeit entdeckte ich bei der Lektüre eines Sprachweblogs die sogenannte „leichte Sprache“. Es handelt sich dabei um ein vom Netzwerk Leichte Sprache erarbeitetes normatives Regelwerk zum Verfassen von Texten in einem höchst vereinfachten Deutsch, das auch für Menschen mit stark verringerter Sprach- und Lesekompetenz verständlich sein soll. So weit, so sozial, so barrierefrei.

Wenn ich selber jedoch Beispieltexte in dieser „leichten Sprache“ lese, beschleicht mich das Gefühl, dass mir da jemand debilen Schwachsinn verkaufen will. Es ist nicht das kinderleichte Deutsch, das z.B. in Schulbüchern für Grundschüler steht. Sowohl Grammatik als auch Rechtschreibung der „leichten Sprache“ weichen von den Standardregeln in einer Weise ab, die dazu führt, dass ich so gestaltete Texte nicht als vereinfachtes Deutsch wahrnehme, sondern als falsches und vor allem dümmliches Deutsch. Beruhen diese Empfindungen auf den menschenverachtenden Vorurteilen eines elitistischen, privilegierten, behindertenexkludierenden Bildungsbürgers? Ich glaube nicht. Ich glaube eher, es ist das gesunde Sprachgefühl.

Ich befürworte sehr eine klare und schlichte Sprache. Ich stöhne auch ständig bei Texten, die nicht komplizierte Zusammenhänge verständlich ausdrücken, sondern Inhaltslosigkeit durch umständliche Umschreibungen verdecken sollen. Ich sehe meine eigenen Texte immer wieder danach durch, ob nicht doch manche Stellen noch kürzer und prägnanter formuliert werden können (obwohl ich mir Sprachspielereien auch nicht nehmen lasse). Doch wenn ich „Leichte Sprache“-Texte lese, scheint mir, dass dort bei der Vereinfachung weit über das Ziel hinausgeschossen wurde.

Man kann es mit zwei Textfassungen – „schwer“ und „leicht“ – nicht jedem recht machen, da die Verständnisfähigkeit individuell zu verschieden ist und ein Spektrum mit vielen Abstufungen darstellt. Bei den „Leichte Sprache“-Regeln wurde aber offenbar versucht, auf alles und jeden Rücksicht zu nehmen; im Endeffekt sind die „Leichte Sprache“-Texte meiner Meinung nach gerade deshalb nur für einen sehr eingeschränkten Personenkreis geeignet: Menschen, die sowohl bei sprachlichen Wissensgebieten wie Wortschatz, Grammatik, Lesefähigkeit/Lesekompetenz als auch bei außersprachlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten wie Zahlenverständnis und Allgemeinbildung starke Defizite aufweisen. Wer auch nur auf einem dieser Gebiete im Bereich des Normalen liegt, dürfte sich von „Leichte Sprache“-Texten schnell genervt fühlen. Aber nicht unterfordert, sondern gebremst, weil die für den jeweiligen Leser überflüssigen Vereinfachungen dann stören.

Ich möchte hier einen anschaulichen Vergleich aus dem Bereich der Barrierefreiheit anstellen:

Wenn man eine Rampe für Rollstuhlfahrer so gestalten wollte, dass auch der Schwächste sich mit eigener Armmuskelkraft hinaufschieben kann, müsste man die Steigung so gering halten, dass die Rampe unverhältnismäßig lang würde. Der durchschnittliche Rollstuhlfahrer dürfte sich genervt fühlen, wenn er für 1 m Höhenunterschied 100 m Umweg machen muss. Außerdem würden die Baukosten einer solchen Rampe den vernünftigen Rahmen sprengen. Es liegt auch in der Natur der Dinge, dass Rollstuhlrampen nicht an jeder Ecke errichtet werden können. Somit sind der Barrierefreiheit Grenzen gesetzt.

Die „leichte Sprache“ kommt mir nun so unpraktisch vor wie eine überlange Rampe. Doch nicht nur das Lesen, sondern auch das Erstellen solcher Texte ist anstrengend und aufwendig, weil zahlreiche abweichende Regeln zu beachten sind. Es ist sogar fehlerträchtiger – also „schwerer“ – als das Schreiben normaler Texte. Darüber hinaus scheint mir die „leichte Sprache“ nicht geeignet, halbwegs komplexe Sachverhalte zu vermitteln.  Es ist deshalb m.E. sinnlos, wenn Politiker und Parteien sich in „leichter Sprache“ an Wähler wenden.

Nun zu den wichtigsten sprachlichen Kritikpunkten:

Syntax vs. Interpunktion

Die an sich sinnvolle Idee, nur kurze Sätze zu bilden, wird im Regelwerk verschlimmbessert. Die Regel lautet folgendermaßen:

Am Anfang vom Satz dürfen auch diese Worte stehen:

  • Oder
  • Wenn
  • Weil
  • Und
  • Aber

Zum Beispiel:

Bitte rufen Sie mich an.
Oder schreiben Sie mir.

(Seite 18)

So wie es da steht, widerspricht es zunächst einmal gar nicht den amtlichen Rechtschreibregeln, solange man in dieser Regel Satz als einen Satz versteht, der einen Hauptsatz enthält – wie auch der Beispielsatz Oder schreiben Sie mir. Insofern wird in der Regel gar nicht explizit das gesagt, was eigentlich damit gemeint ist: nämlich dass man vor den genannten Konjunktionen auch dann einen Punkt setzen darf, wenn der damit beginnende Satz nur einen Nebensatz enthält. Beispiel:

Ich gehe nicht nach draußen, wenn es heftig regnet. (SS)

Ich gehe nicht nach draußen. Wenn es heftig regnet. (LS)

(Vgl.: Ich gehe nicht nach draußen. Denn es regnet heftig.)

Scheinbar hat man nun aus èinem langen Satz zwei kurze gemacht – aber nur an der schriftlichen Oberfläche. Denn der tiefere syntaktische Zusammenhang bleibt ja exakt derselbe. Normalerweise ist die Unterscheidung zwischen Punkt und Komma an solchen Stellen eine Orientierungshilfe. Diese fällt bei der „leichten Sprache“ weg, so dass der Leser sogar noch mehr nachdenken muss als sonst, weil er überprüfen muss, ob der Satz nach dem Punkt weitergeht, was bei der Normalschreibung ja durch den Punkt bereits ausgeschlossen wurde. Wie dieser Nachteil den Schöpfern der Regel entgehen konnte, ist mir ein Rätsel. Statt leichter haben sie mit dieser Regel die Sprache schwerer gemacht.

Übrigens sieht man an meinen eigenen Texten, dass auch ich Phrasen, die keinen Hauptsatz enthalten, gelegentlich durch Punkt abtrenne. Aber nur dann, wenn es mir passend erscheint. Die Regel der „leichten Sprache“ dagegen ist eine Aufforderung, Sätze auch dann interpunktionell auseinanderzureißen, wenn es einem normalkompetenten Schreiber falsch erscheint. Und das ist der Moment, wo die Sache kontraproduktiv wird: Man kann sich nämlich nicht mehr auf sein Sprachgefühl verlassen. Nun zeigt aber die Erfahrung bei der Rechtschreibreform, dass eine Regel, die zur Änderung auffordert, von den Schreibern, sofern sie diese überhaupt annehmen, überinterpretiert wird, wenn sie es besonders gut machen wollen. Seit es heißt „Nun schreiben wir nicht mehr Fluß, sondern Fluss“, liest man allerorten Fuss und Gruss. Auch die Regel der „leichten Sprache“ lädt geradezu zur Überinterpretation ein. In den Beispieltexten wirken die Sätze jedenfalls oft sehr abgehackt. Dies ist meiner Ansicht nach der Grund dafür, warum die Syntax der Texte in „leichter Sprache“ mir (und nicht nur mir) so gegen den Strich geht.

Gewöhnungsbedarf

Ein Grundproblem ist auch, dass schon allein die Andersartigkeit der „Leichte Sprache“-Regeln die entsprechenden Texte gewöhnungsbedürftig macht. Schreibweisen wie Bundes-Tag und Grund-Gesetz machen diese Wörter für alle Menschen, die sie schon in normaler Schreibweise kennen, schwerer lesbar. Umgekehrt tun sich dadurch Menschen, die „Leichte Sprache“-Texte gewöhnt sind, mit normalen Texten noch schwerer. Ist es aber wirklich zielführend, Menschen mit mangelnder Sprachkompetenz noch weiter von der Alltagssprache zu entfernen? Ich glaube nicht.

Komplexität

Man kann ein gewisses grammatisches und lexikalisches Komplexitätsniveau nicht unterschreiten, ohne dass die Kohäsion (grammatischer Zusammenhang) und die Kohärenz (Sinnzusammenhang) des Textes darunter leiden – es sei denn, man drückt wirklich nur primitive Gedanken aus. Es reicht nicht aus, schwierige Wörter durch einfache Allerweltswörter wie gut zu ersetzen; man muss den Begriff stattdessen mit mehreren Wörtern umschreiben. Das wiederum verkompliziert die Syntax und verlängert den Gesamttext: eine Zwickmühle.

Gesellschaftliche Bedeutung der „leichten Sprache“

Vor diesem Hintergrund erscheint mir die aktuelle Aufmerksamkeit für „leichte Sprache“ unverdient groß. Im Grunde handelt es sich bei vereinfachter Sprache ja auch um alles andere als eine neue Idee. Alle paar Jahrzehnte kommt ein Visionär oder ein ganzer Schwarm davon und versucht mit einer Plansprache oder kontrollierten Sprache, sämtliche Verständigungsprobleme der Menschheit zu lösen. Bislang ist jeder damit gescheitert. (Kontrollierte Sprachen kommen hauptsächlich in hochtechnisierten und hochkritischen Arbeitsumgebungen zur Anwendung.) Neu ist bei der „leichten Sprache“ bestenfalls die Idee, speziell auf die Bedürfnisse Behinderter einzugehen. Doch warum kommt das Thema jetzt erst auf und nicht schon vor Jahrzehnten? War die Gesellschaft damals wirklich so viel ignoranter als heute? Oder handelt es sich bei der „leichten Sprache“ bloß um den Auswuchs eines Polittrends, der durch eine UN-Konvention losgetreten wurde – der sogenannten Inklusion? Genau das vermute ich. Plötzlich meint jeder, der auf ein menschenfreundliches Öffentlichkeitsbild bedacht ist, sein Engagement für Behinderteninklusion zeigen zu müssen, auch wenn die konkrete Maßnahme nur Symbolcharakter hat. Wenn Politiker und Parteien ihre Internetauftritte jetzt mit „Leichte Sprache“-Texten schmücken, ist das meiner Meinung nach nur die gleiche Effekthascherei wie mit Gebärdensprachdolmetschern bei Wahlkampfreden. Dass es „leichte Sprache“ bisher nicht gab, ist meines Erachtens kein Zeichen von Ignoranz, sondern von Realismus, der heutzutage leider immer weiter verloren geht und durch ideologisch motivierte Weltverbesserungsfantasien ersetzt wird. Die „leichte Sprache“ in der vom gleichnamigen Netzwerk propagierten Form fällt für mich unter das Prinzip „gut gemeint ist das Gegenteil von gut gemacht“.

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