„Schlag den Raab“-Kandidat verspielt 500.000-EUR-Chance wegen Fremdsprachenanalphabetismus (oder: Fremdsprachenanalphabetismus – das verniedlichte Problem)

Fremdsprachenanalphabetismus – das auf mangelnden Fremdsprachenkenntnissen in Wort und Schrift beruhende Unvermögen, Fremdwörter und fremdsprachliche Namen korrekt auszusprechen und zu schreiben – ist ein mit den zunehmenden internationalen Verflechtungen wachsendes Problem, das von den Sprachideologen komplett totgeschwiegen wird. Im Gegenteil: Sie versuchen sogar, dessen nachteilige Folgen zu natürlichem Sprachwandel zu verklären.

Fremdsprachenanalphabetismus und Sprachdarwinismus: Die heimlichen Profiteure

Nicht zu wissen, wie die Namen von Personen der Zeitgeschichte linguistisch korrekt auszusprechen sind oder sie wider besseres Wissen falsch auszusprechen, um sich einer falschen „Mehrheitsaussprache“ anzupassen (*[zʌkəbə:ɡ], *[bɛɪnɚ]), sie ohne diakritische Zeichen zu schreiben, sodass Leser die richtige Aussprache gar nicht ersehen können (*Zizek, *Cicek) – all das halten die Sprachideologen für den natürlichen Normalzustand der Sprachkultur, in den bitteschön kein Experte korrigierend eingreifen dürfe, da die Regulierung der Sprache „von außen“ undemokratisch sei.

Eine Folge des Fremdsprachenanalphabetismus ist jedoch, dass immer häufiger von ein-und-demselben Namen mehrere Aussprachevarianten kursieren, die sich meist von Sprachgebiet zu Sprachgebiet unterscheiden. Diese Vergrößerung des Chaos ist das heimliche Ziel derjenigen Sprachideologen, die sich bedauerlicherweise Sprachwissenschaftler mit Abschluss nennen dürfen, denn die Deskription der sprachlichen Vielfalt ist ihr Broterwerb. Je mehr Chaos und Anarchie in der Sprache herrscht, desto mehr gibt es zu beschreiben und zu berichten, und desto mehr bezahlte Arbeit gibt es für Sprachwissenschaftler. Deshalb boykottieren sie die Berichtigung von Aussprachen und die Vereinheitlichung von Schreibweisen von Wörtern und Namen auf nationaler und internationaler Ebene. Sie opfern eine funktionsfähige Sprachkultur von hunderten Millionen Menschen für ihre persönlichen Karrieren.

Sprachideologen werden an dieser Stelle fragen: „Was soll denn an ein paar Aussprachevarianten so schlimm sein? Schließlich gibt es ohne Mutationen keine Evolution, und eine sprachliche Evolution tut not“. Daran ist mehrerlei falsch: Erstens tut eine Ausspracheevolution feststehender Namen überhaupt nicht not, zweitens beschleunigen Mutationen (d.h. erratische Falschaussprachen) keineswegs die natürliche Sprachevolution, sondern halten sie auf. Drittens führen Aussprachevarianten rein praktisch gesehen nur zu Unannehmlichkeiten:

Welche Probleme durch Fremdsprachenanalphabetismus entstehen (oder: Wenn der Žižek mit dem Çiçek )

Fremdsprachenanalphabetismus offenbart sich meist in der Weise, dass jemand einen fremdsprachlichen Namen nach den rechtschreiblichen Ausspracheregeln seiner eigenen Muttersprachkultur ausspricht. Da es aber in Europa über zwei dutzend Sprachen mit mindestens ebenso vielen Rechtschreibungen gibt, kommt es europaweit gesehen bei Namen oft zu etlichen Aussprachevarianten. Häufig sind die Aussprachen von Buchstaben(folgen) aus anderen Rechtschreibungen auch schlicht undefiniert, sodass sich die Aussprache nicht einmal pseudologisch ableiten lässt. Solange sich die Menschen nur in ihrem eigenen Land aufhalten und nur mit Sprachgenossen kommunizieren, ist der Fremdsprachenanalphabetismus zwar bei definierter Aussprache die bequemste Lösung. Alle sprechen dann einen Namen automatisch auf die gleiche Weise falsch aus, wodurch er identifizierbar bleibt – und man muss sich um das Erlernen von fremdsprachlichen Regeln nicht bemühen. (Nur diejenigen, die den Namen richtig aussprechen, stören die Harmonie.) Doch sowohl bei undefinierter Aussprache als auch bei der internationalen Kommunikation führt Fremdsprachenanalphabetismus verstärkt zur Verwirrung. Wenn z.B. ein Deutscher gegenüber einem Türken  den Namen Žižek erwähnt, aber die Originalaussprache ([ˈʒiʒɛk]) nicht kennt und aus Unwissen die „deutsche“ verwendet ([ˈtsi:tsɛk]), dürfte der Türke den Namen kaum wiedererkennen, sondern hält ihn vielleicht für den türkischen Namen Çiçek ([ˈtʃitʃɛc]) in „deutscher“ Aussprache.

Man könnte nun versuchen, die Regel zu etablieren, dass ein Name stets nach den Ausspracheregeln der Rechtschreibung derjenigen Sprache zu sprechen sei, in der man sich gerade unterhält. Doch nach dieser Regel müssten wir in Deutschland unter Deutschsprachigen alle englischen Namen nach deutschen Rechtschreibregeln aussprechen! Die Realität sieht aber so aus, dass man hierzulande meist sogar deutsche Namen nach englischen Regeln ausspricht, wenn sie Angloamerikanern gehören. Man könnte wiederum der englischen Sprache eine Sonderstellung einräumen. Doch dann müsste man sich den Vorwurf des Kulturkolonialismus oder gar des Kulturrassismus gefallen lassen. Das würde jedoch den Sprachideologen schlecht zu Gesicht stehen, weil sie auch für die Multikultiideologie eintreten.

Auch die Regel, stets die Mehrheitsaussprache zu verwenden, hilft nicht weiter, denn jene muss erst statistisch ermittelt werden. Weder ist das für Millionen von Namen durchführbar (die Aussprache muss dann nämlich für jeden Namensträger gesondert geprüft werden), noch gibt es objektive Kriterien für die Berechnungsweise. Wer darf z.B. die Aussprache deutschamerikanischer Namen in Deutschland bestimmen: die Mehrheit der Amerikaner oder die Mehrheit der Deutschen? Müssen wir in Deutschland (!) Sackerbörg sagen, weil die Mehrheit der US-Amerikaner das in Amerika (!) so tut?

Wie soll also die zu verwendende Aussprache ermittelt werden, wenn die linguistisch korrekte nicht der Maßstab ist?

Das Recht des Stärkeren

Tja, dann gilt einfach das Gesetz der Straße, des Dschangels (hihi), der Darwinisten und der Kapitalisten: Der Stärkere setzt sich durch bzw. der Boss hat immer Recht. Ob ein Nachrichtensprecher Sackerbörg oder Zuckerberg zu sagen hat, bestimmt einfach der Vorgesetzte (rekursiv) nach Kriterien, die er selbst gemäß seiner persönlichen Lieblingsideologie oder ggf. nach der durch das Arbeitsverhältnis vorgegebenen auswählt. Das ist dann der Endzustand der Entwicklung, die die Sprachideologen als Demokratisierung der Sprache bezeichnen.

Dass Unternehmen und seriöse Organisationen in ihren eigenen Reihen abweichende Aussprachen und Schreibweisen bei der externen Kommunikation hinnehmen, ist höchstens dann vorstellbar, wenn diese Tatsache aus Gründen des Öffentlichkeitsbildes gewollt ist – was nur in seltenen Ausnahmefällen zutreffen dürfte. Im Normalfall geht Einheitlichkeit über linguistische Korrektheit und erst recht über Mutation und Selektion. Bei der internen Kommunikation werden Varianten und Abweichungen von der Vorgabe soweit geduldet, wie sie auf der üblichen Unvollkommenheit und Begrenztheit der Sprachkompetenz der Mitarbeiter beruhen.

Die juristische Dimension des Fremdsprachenanalphabetismus…

Schreibweisen und Aussprachen von Wörtern und besonders Eigennamen sind heutzutage juristisch relevant – nicht nur im Markenrecht. Die Sprachideologen wollen das nicht wahrhaben. Sie tun einfach so, als könne in jedem Unternehmen und jeder Behörde jeder Mitarbeiter frei nach Schnauze reden und schreiben wie er will, ohne Sanktionen befürchten zu müssen, wenn er glaubt, beim Thema Sprache etwas besser zu wissen als sein ungebildeter Chef, der vielleicht nicht einmal Latein von Englisch unterscheiden kann. Das Üble ist: Nach der neuen Sprachideologie gibt es keine objektiven linguistischen Kriterien mehr, wie die Regeln einer Sprache lauten. Man kann sich also im Streitfall nicht mehr auf sein linguistisches Wissen berufen und darf erst recht keinen Sprachwissenschaftler als Gutachter heranziehen. Sprachwissenschaftler werden auf die Mehrheitsmeinung verweisen (außer bei politisch korrekter Sprache – da stellen sie Minderheitsmeinungen über die Mehrheitsmeinung). Doch bei der Ermittlung der Mehrheitsmeinung tricksen sie solange herum, bis das ideologisch gewünschte oder das bequemste Ergebnis herauskommt.

…am Beispiel von „Schlag den Raab

Vor einiger Zeit habe ich einen Zwischenfall kommentiert, bei dem ein US-amerikanischer Nachrichtensprecher wegen eines Fluchs, den er aufgrund akuter fremdsprachenanalphabetischer Verwirrung vor laufender Kamera ausstieß, seinen Arbeitspatz verlor. In jenem Falle war der Fremdsprachenanalphabetismus nur indirekt schuld. Doch nun gibt es einen sehr schönen Beleg dafür, dass Fremdsprachenanalphabetismus auch direkt Rechtskonflikte von hohem Streitwert auslösen kann:

Seit geraumer Zeit verfolge ich das Ratespiel „Blamieren oder Kassieren“, das Teil der TV-Schau „Schlag den Raab ist, mit besonderem Interesse. Dort muss häufig als Antwort der Name eines Prominenten genannt werden. Wer die Sendungen kennt weiß, dass Stefan Raab selbst gerne darüber diskutiert, ob eine als falsch gewertete Antwort nicht doch als korrekt gelten sollte, z.B. wenn er einen Namen „im Prinzip“ richtig nannte, nur in der falschen Form. Ich habe immer darauf gewartet, dass einmal Raab oder ein Kandidat einen fremdsprachlichen Namen aufgrund von Fremdsprachenanalphabetismus so ausspricht, dass die Antwort als falsch gewertet wird. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, wie das Sendungsteam reagieren würde, wenn ich der Kandidat wäre und einen Namen wie John Boehner oder Kirsten Dunst als Antwort nicht nach der vermeintlichen Mehrheitsaussprache, sondern der linguistisch korrekten nennen würde. Nunmehr hat ein Kandidat einen Namen aufgrund von Fremdsprachenanalphabetismus auf eine Weise ausgesprochen, die als falsch gewertet wurde, aber auch aufzeigt, wie vertrackt die Wahrheitsfindung bei der Frage nach der richtigen Aussprache sein kann, und wie sehr die Sprachkultur bereits seit Langem von Fremdsprachenanalphabetismus durchdrungen ist.

Gefragt war nach der Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, der Tochter von Serge Gainsbourg. Beide gelten hierzulande als Franzosen (obwohl Charlottes Mutter Jane Birkin Engländerin ist) und ihre Namen werden dementsprechend so ausgesprochen, wie man es in Frankreich zu tun pflegt – in dem Glauben, dies sei selbstverständlich die linguistisch korrekte Aussprache. Der Kandidat namens Michael Jentzsch wusste „im Prinzip“ die richtige Antwort, sagte aber Charlotte Gainsborough, so als handele es sich um einen englischen Namen. Dazu muss man wissen, dass der Kandidat als Kind und Jugendlicher etliche Jahre im englischsprachigen Ausland verbrachte (Liberia) und heute als Englischlehrer arbeitet. Im Sinne der Multikultiideologie also ein vorbildlicher Lebenslauf, bei dem man sich auch nicht wundern darf, wenn er zu sprachlichen Interferenzen führt. Aus Sicht der neuen Sprachideologie ist Gainsborough deshalb eine interessante Variante von Gainsbourg, und richtig oder falsch spielt dabei keine große Rolle. Doch wenn es um 500.000 EUR geht wie bei „Schlag den Raab“, stehen ganz andere Werte im Vordergrund: Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch kann hier existenzielle Bedeutung bekommen. Wäre die Antwort des Kandidaten als richtig gewertet worden, hätte das in der konkreten Spielsituation seine Siegchance noch einmal wesentlich erhöht – doch stattdessen war die Wertung als falsch ein dicker Sargnagel für ihn. Der Moderator des Spiels war erst drauf und dran, die Antwort gelten zu lassen, als sich plötzlich der Vorgesetzte über den Knopf im Ohr des Moderators einmischte. Der Moderator sagte daraufhin:

Es geht hier um jede Menge Kohle, es tut mir leid. Ich hätte dir den Punkt vielleicht gegeben, aber der Schiedsrichter [zeigt nach oben] sagt nein.

Wenn Ideologie auf Wirklichkeit trifft: Sprachdarwinismus versus Realität

Sehr schön wird hier deutlich, dass Fremdsprachenanalphabetismus in einem kapitalistischen System (und SdR ist hochgradig kapitalistisch, da es die Ungleichheit der Vermögensverteilung fördert) nicht zu sozialistischer Verbrüderung führt, sondern ein Diktat durch hierarchische Machtstrukturen geradezu erzwingt: Ohne Machtwort von oben hätten die Kandidaten ewig darüber diskutiert, wer den Punkt kriegen soll. Außerdem wird offenbar, dass der ganze ideologische Hintergrund der behaupteten Selbstorganisation durch Mutation und Selektion bei der Sprache zusammenbricht, weil die Selektion durch einen Schiedsrichter erfolgen muss, dessen Autorität nur durch eine höhere Hierarchiestufe gegeben sein kann. Die Realität kann einfach nicht warten, bis sich die „bessere“ Lösung herausgemendelt hat – stattdessen wird kurzer Prozess gemacht. Àpropos Prozess: Der Kandidat hätte sich auch mit einem durch den sprachideologischen Großmeister Anatol Stefanowitsch persönlich erstellten Gutachten keine zweite Chance erstreiten können, denn der Rechtsweg ist bei Quizsendungen bekanntlich ausgeschlossen. So sieht’s aus, wenn Ideologie auf Wirklichkeit trifft.

Von Günzburg nach Gainsbourg in 7 Schritten – oder: Nymomaniac

Nun ist allerdings noch zu prüfen, wie die Aussprachevarianten eigentlich linguistisch zu werten sind. Hat der Schiedsrichter die richtige Entscheidung getroffen? Ist dem Kandidaten tatsächlich Unkenntnis der französischen Sprache vorzuwerfen? Und hier kommt man mit etwas Internetrecherche zu überraschenden Einsichten:

Gainsbourg ist gar kein echter Name. Es ist nicht nur ein Künstlername, sondern ein Fantasiename, der nicht vollständig etymologisch abgeleitet werden kann. Echte Namen dagegen beruhen stets vollständig auf echten Wörtern und sind linguistisch stringent  ableitbar (d.h. abgesehen von Übertragungspannen und soweit man es zurückverfolgen kann) und enthalten keine künstlichen Ersetzungen von Bestandteilen. Serge Gainsbourg hieß in Wahrheit Lucien Ginsburg. Ginsburg ist eine Variante des deutsch-jüdischen Namens Günzburg. Die Verwandlung des ü zum i ist anzunehmenderweise der Phonologie des Jiddischen geschuldet (wie es sich auch im Wort jiddisch selbst zeigt). Nz und ns sind nach deutschen Rechtschreibregeln gesprochen lautlich gleich, sodass die Schreibweise sich offenbar durch einen bloßen Übertragungsfehler (für die Sprachdarwinisten eine Mutation) verändert hat.

Serge Gainsbourg war ursprünglich Maler und hat sich durch den englischen Maler Thomas Gainsborough zu seinem Künstlernamen inspirieren lassen. Borough ist ein englisches Kognat mit dem deutschen Wort Burg, von dem bourg wiederum eine französisierte Form ist. Gainsbourg ist seiner Schreibweise nach also nur eine französisierte Form von Gainsborough. Als Brücke zwischen Gins und Gains fungiert die „französische“ Aussprache dieser Silben, die in beiden Fällen oberflächlich betrachtet  gleich ist. Der Künstlername Gainsbourg ist also ein kleines Wortspiel mit Schreibweisen und Aussprachen – welcherlei man je nach Anspruch geistreich finden kann oder auch nicht.

Bezüglich der „französischen“ Aussprache von Gins und Gains ist allerdings festzustellen, dass Gins den französischen Ausspracheregeln nach eigentlich im Anlaut mit [ʒ] gesprochen werden müsste. Das [g] ist eine Beibehaltung der Originalaussprache, während die folgenden Laute [in] französisierend nasaliert wurden. Weiterhin ist den normalen Regeln nach das s eigentlich nicht mitzusprechen. Allerdings werden im Französischen bei Namen oft Ausnahmen gemacht. Was aber m.W. nicht vorkommt ist, an der entsprechenden Stelle (am Silbenende und nach n) das s stimmhaft zu sprechen. Genau das tut aber Charlotte Gainsbourg, wenn sie ihren eigenen Namen sagt. Vermutlich beruht auch dies auf einem weit zurückliegenden Übertragungsfehler, denn es findet sich von Günzburg auch die russische Variante Гинзбург ([ginzburk]).

Die Eigenaussprache der Ginsburgs/Gainsbourgs ist also streng genommen nicht die echte „französische“ (die ja auch wiederum in Wahrheit nur eine fremdsprachenanalphabetische wäre), sondern eine Mischaussprache, die zwar alle Multikulti-Sprachbreiideologen begeistern wird, aber das Prinzip der Buchstabenschrift über den Haufen wirft und mühevoll auswendig gelernt werden muss wie ein chinesisches Schriftzeichen. Der Sdr-Kandidat hat dagegen intuitiv eine Aussprache verwendet, die linguistisch stringent ist!

Auf dem Weg von Günzburg nach Gainsbourg hat es insgesamt etwa ein halbes dutzend fremdsprachenanalphabetische und fremdsprachenaphonologische (= aus dem Unvermögen, Fremdwörter korrekt auszusprechen resultierende) Fehler gegeben, die noch durch eine künstliche Ersetzung gekrönt wurden. Sich bei dem Namen Gainsbourg in der üblichen Aussprache auf linguistische Korrektheit berufen zu wollen, ist deshalb witzlos.

Da es sich bei Gainsbourg aber um einen Künstlernamen handelt, ist die einzig wahre Autorität in dieser Frage der Künstler selber. Die Sprachideologen wollen uns übrigens einreden, dass es bei jedem Namen so sei. Angeblich darf immer der Namensträger selbst die Aussprache bestimmen. Das ist natürlich Quatsch. Namen werden in unserer Kultur Personen zugeteilt und nicht von ihnen selbst gewählt. Doch Künstlernamen sind hier die Ausnahme. Allerdings darf man auch hier nicht gezwungen werden, jeden Schwachsinn mitzumachen. Vor allem dann nicht, wenn versucht wird, jede fremdsprachenanalphabetische Eigen-Falschaussprache von Stars und Sternchen mit dem Verweis auf Künstlernamen zu rechtfertigen.

Streng genommen müsste man also Charlotte Gainsbourg als Rechtsnachfolgerin ihres Vaters selbst fragen, welche Aussprachen sie gutheißt und welche nicht. Es könnte ja schließlich sein, dass sie auf der Seite der Sprachideologen steht und so manche Variante als kreative Bereicherung begrüßt (sie ist ja scheinbar für so manches ()ffen). Doch solch ein Aufwand ist natürlich utopisch für eine Quizsendung. Wie gesagt, in der freien Wildbahn wird kurzer Prozess gemacht, wenn die Vielfalt für das effiziente Fortkommen zu bunt wird.

Fremdsprachenanalphabetismus biblischen Ausmaßes

Noch an anderer Stelle trat das Problem bei der betreffenden SdR– Ausgabe zutage. Der Name des Kandidaten ist wie erwähnt Michael Jentzsch. Wer den Namen bis hierher nur gelesen, aber nicht gehört hat, geht mit Sicherheit davon aus, dass es sich bei dem Namensträger um einen ganz normalen deutschen Michael handelt. Äußerlich sieht dieser Mensch sogar wie ein Norddeutscher aus dem Bilderbuch aus, und sein Akzent klingt norddeutscher als meiner. In der Sendung wurde sein Vorname jedoch „englisch“ ausgesprochen. Dies passt zwar zu der Tatsache, dass er Liberia seine Heimat nannte. Doch sind wir hier im deutschen Sprachraum, und wenn einer die genannten Eigenschaften hat und vermutlich auch einen deutschen Pass, sehe ich keinen Grund, warum man seinen Namen nicht „deutsch“ aussprechen sollte. Mit der Aussprache von Namen wie Michael ist es nämlich folgendermaßen bestellt:

Es gibt etliche biblische Namen wie Michael, David, Sarah, Hannah, Rachel, die international verbreitet sind und jeweils zwar gleich oder ähnlich geschrieben, jedoch nach landestypischen Ausspracheregeln gesprochen werden, teils beruhend auf echtem natürlichem Sprachwandel, teils beruhend auf Fremdsprachenanalphabetismus. Man könnte sagen, die Bibel liefert die ersten klassischen Beispiele für Fremdsprachenanalphabetismus und andere zwischensprachliche Übertragungspannen. Im deutschen Sprachraum werden die biblischen Namen meist linguistisch korrekter ausgesprochen als in vielen anderen, wie vor allem dem englischen und französischen. Dies liegt an der relativ konservativen deutschen Sprachkultur. (Sprachideologen werden an dieser Stelle allerdings sagen: „Wenn es konservativ ist, muss es schlecht sein.“) Das gleiche wie für biblische und andere religiöse Namen trifft auch auf klassische Namen lateinischen oder griechischen Ursprungs zu.

Auch hier gilt wieder das Prinzip: Bleiben Sprachgemeinschaften jeweils unter sich, funktioniert es so, aber je mehr internationalen Austausch es gibt, desto mehr rächt sich die anfängliche Bequemlichkeit. Wo kommen wir denn hin, wenn man bei jedem Michael, David oder Justin, dessen Namen man im deutschen Sprachraum liest, erst noch in Erfahrung bringen und anschließend auswendig lernen  muss, wie er sich denn nun auszusprechen lassen beliebt, und man sich nicht einmal mehr am Nachnamen orientieren kann?

Es gibt ja auch seit langer Zeit schon viele assimilierte Varianten solcher Namen wie Hennes, Klaas etc., die man (landestypisch) genauso schreibt wie man sie spricht. Von daher sehe ich keinen Grund, es mit Michael anders zu halten. Wenn also im deutschen Sprachraum jemand  [mkəl] genannt werden möchte, dann soll er sich bitte Meikel oder Maikel schreiben.

Lösungsmöglichkeiten

Grundsätzlich gibt es für Fremdsprachenanalphabetismus keine einfache Lösung. Nichts dagegen zu tun, führt jedoch ins Chaos. Für die daraus folgenden Unannehmlichkeiten können wir uns bei denjenigen bedanken, die die Völker zwangsverheiraten wollen.

Auf rechtschreiblicher Ebene müsste man die Rechtschreibungen vereinheitlichen, national (wegen der fremdsprachlichen Namen von Inländern) oder besser noch international. Beides wird nur ansatzweise gelingen, da viele Buchstaben(kombinationen) weltweit notwendigerweise mit mehreren Lauten belegt sind, weil es in allen Sprachen zusammen bedeutend mehr Laute gibt, als das ABC Buchstaben hat. Aber es würde schon viel helfen, wenn man z.B. im Englischen und Französischen nicht mehr ch schriebe, sondern tsh (Englisch, für [ʧ]) und sh (Französisch, für [ʃ]).

Für Namen könnte man auch generell Lautschrift einführen. (Ich meine ernsthafte Lautschrift und nicht diese Zumutungen, die oft als Lautschrift bezeichnet werden.) Falls die IPA-Lautschrift sich als untauglich erweist, muss man eben eine bessere erfinden. Wozu sind Sprachwissenschaftler eigentlich da, wenn nicht für so etwas?

Darüber hinaus hilft nur ein Grundkurs in Fremdsprachenrechtschreibung und -phonologie in jeder Schule, in dem jedem Schüler die türkischen Ausspracheregeln beigebracht werden, die polnischen, die russischen, noch mal die russischen (wg. verschiedener Transskriptionssysteme), noch mal die russischen, die arabischen, noch mal die arabischen, noch mal die arabischen, die italienischen, die spanischen, die ungarischen…  Das ist eben der Preis, den man für Multikulti bezahlen muss. Wer das nicht einsieht, ist leider multikultiunfähig.

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