Der Toni (von den Grünen), der Toli (der Sohn vom Stefan) und der schwere Brocken von der „leichten Sprache“

Anatol Stefanowitsch hat sich in einem seiner Sprachbröcken in gewohnt tendenziöser Weise über Kritiker geäußert, die ein Mindestmaß an Niveau im Umgang mit der deutschen Sprache fordern.

Im konkreten von Stefanowitsch kommentierten Fall bemängelt der Kapitalist (SCHLECHT) Frank Pöpsel den Text, den der Grünen-Politiker (GUT)  Anton Hofreiter in „leichter Sprache“ auf seinem persönlichen Websitus veröffentlicht hat. Laut Pöpsel würde man dem Text in der Schule „vermutlich eine Sechs“ verpassen, Stefanowitsch dagegen hält ihn für fehlerfrei. Zumindest bis zum nächsten Satz seines eigenen Textes, in welchem er diese Behauptung geschickt wieder relativiert, indem er sie auf die Benotung von Kindern (!) bezieht; denn als Karrierewissenschaftler weiß er, wie wichtig es ist, sich keine Angriffsfläche zu geben – und es kann leicht ins Auge gehen, wenn man einem Text Fehlerfreiheit attestiert, ohne ihn vorher eingehendst analysiert zu haben.

Diese Analyse werde ich jetzt vornehmen, denn anderen Leuten Fehler nachzuweisen, ist Balsam für mein von Selbstzweifeln geplagtes Ego.

Bei der Betrachtung der „leichten Sprache“ muss man wissen, dass es sich hierbei nicht einfach um besonders leicht verständliches Deutsch handelt (denn das wäre ja zu einfach), sondern um ein pseudowissenschaftliches Regelwerk, das von irgendwelchen Weltverbesserern willkürlich konstruiert wurde (wenn auch angeblich empirisch basiert). Um die „leichte Sprache“ von der leicht verständlichen Sprache abzuheben, heißt sie offiziell Leichte Sprache. Obacht! Großes L! Welchselbigen Rechtschreibfehler ich aber nicht mitmache. Die amtliche Rechtschreibung sieht nämlich aus guten Gründen nicht vor, dass irgendwelche Interessengruppen sich mit Hilfe von Großbuchstaben wichtigmachen und sprachliche Ausdrücke, die der Allgemeinheit gehören, für sich vereinnahmen. (In diesem Zusammenhang: Bbayerischer Landtag und Ddeutscher Bundestag sind weder Eigennamen  noch feststehende Ausdrücke – auch wenn Rechtschreibpopulisten das eine oder das andere behaupten – sondern einfach Funktionsbezeichnungen. Vgl. auch bayerische Landeshauptstadt.)

Manche der Regeln für „leichte Sprache“ widersprechen den üblichen Regeln für Grammatik und Rechtschreibung. Das ist im Prinzip durchaus legitim. Allerdings hat Stefanowitsch sich bei seiner Fehlerfreiheitsbehauptung betreffs des Toni-Textes auf die üblichen Regeln bezogen, weswegen diese bei der Analyse auch zum Maßstab zu machen sind. Wo Hofreiter (oder sein Geisterschreiber) die „schweren“ (s.u.) Regeln der „leichten“ Sprache verletzt, weise ich aber auch darauf hin, denn ich will nicht nur den Toli widerlegen, sondern auch den Toni. Zum Verständnis der LS-Analyse deshalb bitte erst das Regelwerk der „leichten Sprache“ bewundern.

Ich habe an die Grammatik und Ausdrucksweise der „leichten Sprache“ einen höheren Verständlichkeitsanspruch gestellt. Deshalb werte ich es z.B. als Fehler, wenn die Verständlichkeit darunter leidet, dass Sätze auseinandergerissen werden, weil sie sonst vermeintlich zu lang wären.

Normale Sprache „Leichte Sprache“
1 Mein Name ist Toni Hofreiter.
2 Ich bin ein Politiker von den Grünen. Ich bin ein Politiker der Grünen.
3 Viele Leute haben bei den letzten Wahlen die Grünen und mich gewählt. Viele Menschen haben bei den letzten Wahlen die Grünen und mich gewählt. Viele Menschen haben bei den letzten Wahlen die Grünen und mich gewählt.
4 Deshalb sitze ich jetzt im Deutschen Bundestag. Deshalb sitze ich jetzt im deutschen Bundestag. Deshalb sitze ich jetzt im deutschen Bundes-Tag.
5 Im Bundestag bin ich der Vorsitzender von allen Grünen Abgeordneten. Dort bin ich der Vorsitzender aller grünen Abgeordneten. Dort bin ich der Vorsitzender von allen grünen Abgeordneten.
6 Dort werden wichtige Entscheidungen getroffen. Im Bundestag werden wichtige Entscheidungen getroffen. Im Bundes-Tag treffen die Abgeordneten wichtige Entscheidungen.
7 Meine Ziele sind:    
8 Ich möchte dass es gerecht zugeht. Ich möchte, dass es in unserer Gesellschaft gerecht zugeht. Ich möchte, dass es in unserer Gesellschaft gerecht zugeht.
9 Und ich möchte die Umwelt schützen.
10 Tiere und Pflanzen sollen nicht aussterben.
11 Sauberes Wasser, reine Luft, gesunde Lebensmittel soll es auch in Zukunft geben. Sauberes Wasser, reine Luft und gesunde Lebens-Mittel soll es auch in Zukunft geben,
12 Damit auch unsere Kinder in vielen Jahren gut leben können. damit auch unsere Kinder in vielen Jahren noch gut leben können.
13 Wichtig ist mir auch der Verkehr.
14 Ich möchte, dass in Deutschland mehr Busse und Bahnen fahren. Ich möchte, dass in Deutschland mehr Busse und Züge fahren. Ich möchte, dass in Deutsch-Land mehr Busse und Züge fahren.
15 Und dass sie pünktlicher, schneller und nicht so teuer sind. Und ich möchte, dass sie pünktlicher, schneller und billiger sind.
16 Es sollen weniger Autos und Laster fahren.
17 Autos und Laster sind schlecht für das Klima.
18 Sie sind laut und gefährden Menschen.
19 Wer bin ich?    
20 Ich komme aus Bayern.
21 Als ich noch nicht Politiker war, war ich Forscher. Als ich noch nicht Politiker war, war ich Forscher: Als ich noch nicht Politiker war, war ich Forscher:
22 Biologe.
23 Ich habe Pflanzen im Regenwald in Süd-Amerika erforscht. Ich habe Pflanzen im Regenwald in SüdAmerika erforscht. Ich habe Pflanzen im Regen-Wald in Süd-Amerika erforscht.
24 Über diese Pflanzen habe ich auch eine Doktorarbeit geschrieben. Über diese Pflanzen habe ich auch eine Doktor-Arbeit geschrieben.
25 Für die Grünen arbeite ich, seit ich 14 Jahre alt bin. Für die Grünen arbeite ich, seit ich 14 Jahre alt war. Für die Grünen arbeite ich, seit ich 14 Jahre alt war.
26 Damals wollte ich etwas für den Umweltschutz tun. Damals wollte ich etwas für den Umwelt-Schutz tun.
27 Viele Jahre lang habe ich bei den Grünen im Land-Kreis München mitgearbeitet. Viele Jahre lang habe ich bei den Grünen im Landkreis München mitgearbeitet.
28 10 Jahre lang war ich dort der Sprecher (Vorsitzender). Zehn Jahre lang war ich dort der Sprecher (Vorsitzender). 10 Jahre lang war ich dort der Sprecher (der Vorsitzender).
29 Ich habe mich gekümmert damit unser Fluss, die Isar, wieder sauberer und natürlicher wird. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass unser Fluss, die Isar, wieder sauberer und natürlicher wird. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass unser Fluss, die Isar, wieder sauberer und natürlicher wird.
30 Und dass die S-Bahnen und Busse besser und öfter fahren. Und auch dafür, dass die S-Bahnen und die Busse besser ausgestattet sind und öfter fahren. Und auch dafür, dass die S-Bahnen und die Busse besser sind und öfter fahren.
31 Ich habe mich auch gekümmert, dass Solar-Anlagen gebaut werden. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, dass Solaranlagen gebaut werden. Ich habe mich auch dafür eingesetzt, dass Solar-Anlagen gebaut werden.
32 SolarAnlagen sind gut, weil sie uns Strom oder warmes Wasser bringen – aber der Umwelt nicht schaden. Solaranlagen sind gut, weil sie uns Strom oder warmes Wasser liefern – aber der Umwelt nicht schaden. SolarAnlagen sind gut, weil sie uns Strom oder warmes Wasser liefern, aber der Umwelt nicht schaden.
33 Ich habe auch im Bayerischen Landtag mitgearbeitet. Ich habe auch im bayerischen Landtag mitgearbeitet. Ich habe auch im bayerischen Land-Tag mitgearbeitet.
34 Bei zwei Abgeordneten: Ich war dort für zwei Abgeordnete tätig: Ich war dort für zwei Abgeordnete tätig:
35 Susanna Tausendfreund und Christian Magerl.
36 Abgeordnete sind Politiker, die bei Wahlen gewählt werden. [Hätte Satz 6 sein müssen] [Hätte Satz 6 sein müssen]
37 Seit 2005 bin ich auch ein Abgeordneter. Seit 2005 bin ich auch ein Abgeordneter. Seit dem Jahr 2005 bin ich auch ein Abgeordneter:
38 In Berlin, im Deutschen Bundestag. Im deutschen Bundestag in Berlin. im deutschen Bundes-Tag in Berlin.
39 Wenn Sie Fragen an mich haben oder einen Wunsch, schreiben Sie mir. Und wenn Sie mich jetzt für total bekloppt halten, kann ich Ihnen das nicht übel nehmen. War das primitiv genug für Euch?
40 Ich freue mich darauf. Nun lassen Sie uns gemeinsam die Existenzgrundlagen der deutschen Wirtschaft zerstören. Euer Jeti.
28 Fehler 41 Fehler

Und hier das katastrophale Ergebnis: Auf die gerade mal 310 Wörter des Textes kommen nach den normalen Regeln 28 Fehler, unter Berücksichtigung der Regeln der „leichten Sprache“ sogar 41 Fehler! Na wenn das keine glatte Sechs wert ist, dann will ich mit dem deutschen Bildungssystem nichts mehr zu tun haben. Es sind so viele Fehler, dass ich sie einfach nicht mehr alle kommentieren und begründen kann – also lasse ich es lieber ganz.

Leichte Sprache – schwere Sprache

Das Verrückteste an dem Ergebnis ist jedoch, dass die „leichte Sprache“ offenbar fehlerlastiger ist als die normale. Sollte es nicht umgekehrt sein? Irgendwie erinnert mich das an die Rechtschreibreform… Immerhin haben die Schöpfer der „leichten Sprache“ das Problem erkannt:

Leichte Sprache sieht einfach aus.

Aber Schreiben oder Sprechen in Leichter Sprache ist oft ganz schön schwer. Man muss auf viele Regeln achten.

(Regelwerk S. 2)

Ich gebe zu: Leichter hätte ich es nicht ausdrücken können.

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