Die Antiphysik der Sprachideologie (oder: Privater und öffentlicher Gebrauch der Unvernunft – oder: Von der Ästhetik in der Linguistik – oder: Fundierte Argumente gegen das verallgemeinernde Femininum – oder: Vom Fallobst in der Linguistik)

Die Sprachideologin Susanne Flach hat es Anatol Stefanowitsch gleichgetan und im Sprachlog einen Artikel veröffentlicht, in dem sie versucht, den Vorwurf zu entkräften, sie würde den sprachwissenschaftlichen Verhaltenskodex der Nichteinmischung in den Sprachgebrauch brechen.

Vieles  zu dem Thema habe ich bereits in meiner Entgegnung auf Anatol Stefanowitsch gesagt; deshalb geht es hier in erster Linie um den Unfug, den Flach noch oben drauflegt.

Zunächst betreibt sie ein Verwirrspiel mit dem Begriff (bzw. der Benennung – je nach Sichtweise) Sprachgebrauch, den sie als „Summe aller Äußerung [sic!] aller Mitglieder der Sprachgemeinschaft in allen Situationen definiert. Meines (und Wikipedias) Wissens nach bezeichnet Sprachgebrauch aber auch die übliche bzw. standardisierte Ausdrucksweise. Legt man die erste Definition zugrunde, dann ist bereits eine einzige sprachlich vom Standard abweichende Äußerung eines Einzelnen ein Eingriff in den Sprachgebrauch; nach der zweiten Definition erst ein Eingriff in die Ausdrucksweise Dritter. Ersteres kann man schlecht generell verbieten – auch Sprachwissenschaftlern nicht. Der Vorwurf an Flach wäre demnach unangebracht. Doch gemeint ist in der Kritik natürlich die zweite Definition: Eingriff in die Ausdrucksweise Dritter. Flach versucht nun, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, indem sie ihnen einfach die erste Definition unterschiebt. So etwas geht natürlich gar nicht. Man hat schließlich nicht das Recht, andere absichtlich falsch zu verstehen und ihnen die Definition im Munde herumzudrehen.

In der weiteren Argumentation spricht sie dann plötzlich vom „allgemeinen [!] Sprachgebrauch“, in den angeblich niemand eingreifen wolle. Aber allgemeiner Sprachgebrauch ist ja genau das, was im Vorwurf gemeint war. Unwahrscheinlich, dass Flach das nicht gemerkt hat. Wozu also erst die Umdefiniererei? Doch wohl nur, um den Kritikern Widersprüchlichkeit und unbegründete Vorwürfe anlasten zu können.

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Nun wird Flach unverschämt: Sie suggeriert, dass das Wiederersetzen eines englischen Wortes durch ein deutsches (jaja, ich weiß, Musikkapelle ist kein deutsches Wort – dieses Beispiel zu nehmen ist natürlich die reine Hinterfotzigkeit) gleichwertig sei zum umgekehrten Falle, dem Ersetzen eines deutschen Wortes durch ein englisches – und deshalb auch nicht besser. Das ist ganz schön dreist. Flach argumentiert wie ein Dieb, der behauptet, er sei bestohlen worden, nachdem sich der rechtmäßige Eigentümer das Diebesgut von ihm zurückgeholt hat. Aber dieses Verhalten ist typisch für die Sprachideologen: Sie stellen die Grundsätze unseres Rechtsstaates auf den Kopf, während sie vorgeben, diese zu verteidigen.

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Weiter tut Flach ganz unschuldig: Sie wolle doch niemandem etwas vorschreiben, genausowenig wie die Femigrammatiker an der Universität Leipzig, sondern lediglich „vor der eigenen Tür kehren“, was sie scheinbar bescheiden „Eingriff in den Mikrosprachgebrauch“ nennt. Doch statt rücksichtsvoll ist sie in Wahrheit rücksichtslos. Denn ihr ist egal, wie sehr es die Leser ankotzt, in genau demselben Text, in dem sie so rücksichtsvoll tut, mit unangekündigtem verallgemeinerndem (sage ich jetzt wegen der besseren Verständlichkeit statt generischem) Femininum belästigt zu werden. Man muss nämlich unterscheiden zwischen Texten, die man nur für sich selbst schreibt (privater Sprachgebrauch) und solchen, die man der Allgemeinheit präsentiert (öffentlicher Sprachgebrauch). Im ersten Falle hat man völlige künstlerische Freiheit und kann gerne auch in Spiegelschrift schreiben. Doch auch Leonardo da Vinci hat Spiegelschrift ja nur für seine persönlichen Notizen verwendet. Schreibt man für die Allgemeinheit, ist es eben kein Mikrosprachgebrauch mehr. Auch kann Flach nicht behaupten, niemand sei gezwungen, ihre Texte zu lesen. Ich selber kann mir 1000 angenehmere Dinge vorstellen, als einen linguistischen Flachtext zu lesen. Ich lese solche Ideologentexte nicht freiwillig, sondern weil sie Teil der Propagandamaschine sind, gegen die ich mich verteidigen muss, wenn ich verhindern will, dass mir mehr und mehr Freiheiten genommen werden. Flachs öffentlicher Gebrauch des verallgemeinernden Femininums ist ein Angriff auf die gesamte deutsche Sprachgemeinschaft, denn dadurch wird der Sprachgemeinschaft bis ins letzte Glied Frauenfeindlichkeit unterstellt. Aber wer in seinen Texten mit linguistischen Mitteln andere Leute angreift, darf nicht das Unschuldslamm spielen.

Darüber hinaus spricht auch noch eine unerträgliche und anmaßende Arroganz und Selbstüberschätzung daraus, wenn eine Einzelperson absichtlich Grammatikfehler begeht, die das Textverständnis erschweren, und dabei gleichzeitig so tut, als läge der Fehler bei allen anderen. Dies ist eine Beleidigung aller Deutschsprachigen – und eine zynische Demütigung aller Deutschschüler auf der Welt, die sich die größte Mühe geben, um das zu erlernen, was im Lehrbuch steht, und denen so ein Fehler selbstverständlich in Prüfungen angestrichen würde. Unfassbar: Man muss heute Deutschschülern raten: Lest keine deutschen Texte von deutschen Sprachwissenschaftlern, wenn ihr euch nicht grammatisch fehlleiten lassen und dadurch möglicherweise um Prüfungspunkte bringen wollt! Kristin Kopf hat sich tatsächlich erdreistet zu schreiben: „Wer auf Quizentzug ist, die [sic!] kann Michael Mann vom LEXIKOGRAPHIEBLOG glücklich machen.“ Und solche Leute werden heutzutage auf Studenten losgelassen, von denen viele keine deutschen Muttersprachler sind! Und dann legen sie noch Wert darauf, dass sie Sprachwissenschaftler mit Abschluss sind. Nein, sie sind eine Schande für die Wissenschaft!

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Sodann hat Flach plötzlich Kapitalisten lieb, obwohl doch der Kapitalismus nach feministischer Ideologie eine unterdrückerische männliche Herrschaftsstruktur ist: Die Tatsache, dass kommerzielle, also kapitalistische Verlage Wörter wie Neger aus ihren Neuausgaben tilgen, hält sie doch tatsächlich für ein „Indiz […] , wie sich immer mehr Sprecherinnen einen gerechten Sprachgebrauch vorstellen“. Komisch: Ich dachte immer, Kapitalisten drucken nur das, womit sie am meisten Geld verdienen (und sind sowieso nur Männer). Mit  Neger kann man sich heute nämlich ruinieren, wenn die Gesinnungspolizei sich auf einen stürzt und zum Boykott aufruft. Ich glaube, hinter dem scheinbaren Sinneswandel steckt nur der kapitalistische Selbsterhaltungstrieb. Zudem nennt Flach von solchen Verlagen hunderttausendfach in Umlauf gebrachte Texte tatsächlich Mikrosprachgebrauch. Wo beginnt denn dann für sie Makrosprachgebrauch? Bei einer Auflage von 100 Millionen? Das Mikro soll bei ihr bloß den Anschein einer kleinen, harmlosen Aktion wecken, von der nur Spießer sich gestört fühlen müssen. In Wahrheit ist so eine Entscheidung ein gesellschaftliches Fanal mit der Wirkung, dass jetzt hunderttausende Eltern darüber nachdenken, ob sie es sich noch leisten können, ein Buch mit Negerkönig zuhause stehen zu haben, denn es wäre ein Gesichtsverlust für sie, wenn das Kind eines Tages in der Schule dieses Wort in den Mund nähme und beim anschließenden Gesinnungsverhör auf die Frage, woher es das Wort hat, antworten würde mit „aus dem Bücherschrank meiner Eltern“. Ich hätte mir bis vor Kurzem nicht träumen lassen, dass die „freiheitliche“ und „tolerante“ deutsche Gesellschaft im Jahre 2013 ein Gesinnungsklima schafft, in dem man ältere Pippi-Langstrumpf-Ausgaben so verstecken muss wie Mein Kampf.

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Schließlich kommt Flach auf das grundsätzliche erstrebenswerte Verhalten von Wissenschaftlern zu sprechen.

Wenn aus der Perspektive der Sozialwissenschaft im Allgemeinen und der Linguistik im Speziellen zahlreiche Evidenz dafür existiert, dass der gegenwärtige Sprachgebrauch diskriminierend ist, dann kann man daraus ohne Widerspruch gesellschaftspolitische Kommentare ableiten – um den überwiegend normativ konnotierten Begriff Forderung an dieser Stelle mal zu vermeiden.

Das ist vollkommen richtig, zumal das Wörtchen wenn voransteht (somit stimmt der Satz selbst dann, wenn es überhaupt keine Evidenz gibt). Ich habe auch nicht die geringsten Probleme mit wissenschaftlichen Kommentaren, doch was die Sprachlogger von sich geben, ist zum großen Teil antiwissenschaftliche Hetzpropaganda. Wenn Sprachwissenschaftler den Gebrauch normaler Wörter als rassistisch und den Gebrauch normaler Grammatik als sexistisch bezeichnen und das mit antiwissenschaftlichen Lügen rechtfertigen, dann hat dieses Verhalten mit wissenschaftlicher Neutralität nichts mehr zu tun. Ganz besonders übel ist, dass die Sprachlogger gerade so, wie es ihnen passt, sprachwissenschaftliche Grunderkenntnisse verleugnen. Zum Vergleich: Wenn ein Physiker behauptet, die Erde sei flach, ist das verachtenswerter, als wenn ein Bibelfundamentalist diese Meinung vertritt. Denn der Physiker weiß, dass es falsch ist, aber ihm wird eher geglaubt.

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Àpropos Physik: Flach versucht nun, mit folgendem Argument aufzutrumpfen:

Meine Lieblingsanalogie ist übrigens die, die sich ganz gut auf die Diskussionen um geschlechtergerechte Sprache als „verhunzte sprachliche Ästhetik“ anwenden lassen [sic!]: Wenn Physikerinnen beobachten, dass der Apfel vom Baum nach unten fällt und nicht nach oben, ist es unerheblich, ob sie es aus ästhetischen Gründen lieber andersrum hätten. Aus ihrer Beobachtung folgern sie, dass man von einem Apfel getroffen und verletzt werden kann. Sie könnten also ihre Mitmenschen davor warnen, sich bei Starkwind unter einen Apfelbaum zu stellen. Sie können es bei misanthropischer Grundhaltung aber auch sein lassen.

Zunächst einmal ist es absurd, den Gebrauch von angeblich „geschlechterungerechter“ Sprache (also nichts anderes als ganz normales, korrektes Deutsch) oder diskriminierender Sprache mit Körperverletzung zu gleichzusetzen. Juristisch betrachtet könnte sexistische oder diskriminierende Sprache im schlimmsten Fall ein Beleidigung darstellen. Das ist weit entfernt von einer Körperverletzung. Auch hier sehen wir wieder ein Denken, das sich um rechtsstaatliche Kategorien nicht schert. Weiterhin ist bei mechanischen Gesetzen die Folge einer bestimmten Einwirkung immer objektiv die gleiche: Ein Apfel, der aus einer bestimmten Höhe auf einen Kopf fällt, hat immer die gleiche Stoßkraft und damit die gleiche Verletzungswirkung. Ob aber ein Ausdruck als Beleidigung empfunden wird und in welchem Maße, ist dagegen subjektiv. Vor allem hängt es davon ab, ob der Hörer überhaupt versteht, was gemeint ist. Wenn z.B. jemand Ostfriese nicht als Schimpfwort empfindet, kann man ihn 100 mal so bezeichnen, und er wird doch nicht beleidigt sein (nonverbale oder kontextuale Signale sind hier nicht berücksichtigt). Bei einem Stoß durch einem Apfel dagegen ist völlig unerheblich, ob der Getroffene weiß, wovon er getroffen wurde. Die Sprachideologen aber wollen uns einreden, dass z.B. die Betitelung als Zigeuner quasi naturgesetzlich eine Beleidigung sei, selbst wenn weder Benennende noch der Benannte es so empfinden. Nach der pseudophysikalischen Logik der Sprachideologen ist es also sogar jedesmal eine Beleidigung, wenn man Johnny Depp als Johnny Depp bezeichnet, selbst wenn dieser kein Deutsch versteht! (Natürlich haben ihn philanthropische Deutschsprachige längst über die Bedeutung seines Namens aufgeklärt.)

Die Straftatbestände der Körperverletzung und der Beleidigung erfordern übrigens Vorsatz. Wer einen Apfel wirft und zufällig jemanden am Kopf trifft, kann höchstens wegen Fahrlässigkeit verklagt werden. Die Sprachideologen nun stehen vor dem Problem, dass auch Frauen das angeblich frauenfeindliche verallgemeinernde Maskulinum benutzen. Denen Vorsatz zu unterstellen, passt natürlich nicht ins Konzept. Insofern kann nicht davon ausgegangen werden, dass Flach jeden Gebrauch des verallgemeinernden Maskulinums (also auch durch Frauen) mit Körperverletzung, also bewusster Straftat gleichsetzen will. Täter wären demnach nicht alle diejenigen, die heute das verallgemeinernde Maskulinum benutzen, sondern diejenigen, die es in der Sprache etabliert haben, also unsere Vorfahren, und von denen natürlich nur die männlichen.

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Flach wertet die Bedeutung der Ästhetik als Kriterium für sprachliche Korrektheit ab. Doch tatsächlich ist es genau umgekehrt wie Flach suggeriert (haha, umgekehrt mal wieder): Die Ästhetik ist natürlicherweise das wichtigste Kriterium für sprachliche Korrektheit. Denn unter natürlichen sprachlichen Verhältnissen, d.h. ohne Grammatikunterricht in seiner Muttersprache gehabt zu haben, kann man sich nicht bewusst an einem Regelwerk orientieren, sondern nur an seinem Sprachgefühl. Und dieses wiederum schlägt sofort „ästhetischen Alarm“, wenn es auch nur leichte Abweichungen von der beim Erstspracherwerb gelernten Grammatik und Semantik wahrnimmt. Das ist gut und richtig und vor allem notwendig so. Es ist auch der Grund, warum wir dialektale und fremdsprachliche Akzente so intensiv wahrnehmen: Wir spüren, dass dabei die Phonologie, die der Grammatik des Dialektes bzw. der Fremdsprache entstammt, und der ganze Rest, der der Muttersprache entstammt, einfach  nicht zusammengehören. Das führt zu einem wichtigen Punkt: Bei Fremdsprachen ist das ästhetische Empfinden umso schwächer, je schlechter man die Sprache beherrscht – was Interessengruppen ausnutzen können. Nur deshalb war es nämlich möglich, in Deutschland das Wort Shitstorm salonfähig zu machen, während es im englischsprachigen Raum weitgehend tabu ist, weil es bei jedem englischen Muttersprachler sofort ästhetischen Alarm auslöst. Und nur deshalb war es möglich, dem Fremdwort (!!!!!!) Neger eine neue, negative Ästhetik aufzupfropfen. Schließlich heißt Neger dem eigentlichen Wortsinne nach auch nur Schwarzer, was aber zu wenige Leute wissen und was die Sprachideologen natürlich verleugnen.

Flach liefert passenderweise im fraglichen Text ein Beispiel dafür, wie sehr sie selbst sich von Ästhetik beeinflussen lässt – wenn auch in diesem Falle nicht auf dem Gebiet der Sprache selbst, sondern der Rechtschreibung: Sie schreibt Band für das englische Wort [bænd], obwohl diese Zeichenfolge nach deutscher Rechtschreibung für das deutsche Wort [bant] steht. So muss man als Leser erst überlegen, welches Wort nun gemeint ist, zumal kein Artikelwort voransteht, das einen Hinweis geben könnte (das Band vs. die Band). Nichts wäre logischer, naheliegender und lesefreundlicher, als einfach Bänd oder noch besser Bähnd zu schreiben, um ein Homograph zu vermeiden. Wäre Flach wirklich der Leuchtturm der Vernunft, für den sie sich hält, würde sie hier mit gutem Beispiel vorangehen. Stattdessen zieht sie es vor, zur Masse derjenigen zu gehören, die lieber anderen und sich selbst mit zahlreichen deutsch-englischen Homographen das Leben schwer machen. Und warum? Na weil Bänd eben einfach bescheuert aussieht! Finde ich auch. Aber ich weiß eben auch, dass dieses ästhetische Empfinden nur eine Pervertierung der natürlichen Ästhetik ist und darauf beruht, dass die Hierarchie der Sprachen und ihrer Rechtschreibungen in Deutschland aus nichtsprachlichen (!) Gründen auf den Kopf gestellt wurde: Nicht Deutsch gilt nach stiller Übereinkunft als maßgeblich, sondern Englisch. Die englische Rechtschreibung ist unantastbar. Dieses Dogma hat das ästhetische Empfinden der Deutschen geprägt. Um z.B.  eine Verwechslung von Service-Tag mit Service-Tag zu verhindern, schreibt die Firma Dell nicht einfach Service-Täg, sondern umständlich Service-Tag-Nummer, sozusagen als Gegensatz zu Service-Tag-Datum. Und das alles nur, weil Umlautpunkte auf englischen Vokalbuchstaben tabu sind. Doch halt, da stimmt was nicht: Ich wette, Susanne Flach verachtet jeden, der – wie es sich nach englischer Rechtschreibung eigentlich gehört – Motorhead und Motley Crew schreibt. Schließlich weiß doch jeder amerikahörige Duckmäuser… äh… Gebildete, dass man Motörhead und Mötley Crüe schreibt! Was wäre denn die Heavy-Metal-Ästhetik ohne Heavy-Metal-Umlaute? Genau! Aber auf keinen Fall darf man die Heavy-Metal-Umlaute tatsächlich als Umlaute sprechen – das ist doch total unästhetisch… Leuten, die nicht Bänd, aber Motörhead schreiben, geht eben Ästhetik über eine verlässliche, logisch nachvollziehbare Laut-Buchstaben-Zuordnung und für Schulkinder leicht erlernbare Rechtschreibung. Bloß um grölenden Hurenböcken zu gefallen, machen diese Menschen wissentlich deren Rechtschreibverarsche nach – solange die Hurenböcke auf Englisch daherbrüllen. (Nicht, dass man mich missversteht. Ich habe vor Huren mehr Respekt als vor Susanne Flach.)

Wer also aus ästhetischen Gründen auf sinnvolle Umlautpunkte verzichtet, ist unglaubwürdig, wenn er anderen vorwirft, dass sie aus ästhetischen Gründen auf das Binnen-I und ähnliche sinnlose Spielereien verzichten wollen.

Um es noch einmal deutlich zu machen: Das ästhetische Empfinden funktioniert als Kriterium für sprachliche Korrektheit fehlerfrei nur in einer rein natürlichen Sprachumgebung, d.h. ohne künstliche Beeinflussung durch schriftkulturelle Artefakte (z.B. Xenoanalphabetismus) oder massenmediale Autoritäten. In der heutigen Sprachumgebung dagegen wird es immer häufiger notwendig, den Verstand über das ästhetische Gefühl siegen zu lassen. Zum Beispiel kann uns der Verstand sagen, dass nichts Schlimmes daran ist, wenn in einem Pippi-Langstrumpf-Buch das Wort Negerkönig steht, auch wenn wir beim Lesen innerlich zusammenzucken, weil uns das Wort heute aufgrund propagandistischer Beeinflussung schmutzig vorkommt. Bei feministischer Grammatik allerdings ist auf den Ästhetik-Alarm Verlass, denn sie greift Teile der Sprache an, die schon vor dem Aufkommen jeglicher unnatürlicher Beeinflussung feststanden.

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Aber nicht nur die Ästhetik, sondern auch die Physik der Sprache hat Flach gründlich missverstanden. Physik ist die Erforschung der Gesetzmäßigkeiten hinter den Naturerscheinungen. Viele Prozesse, die sich aus den Naturgesetzen ergeben, sind unumkehrbar: Ein Apfel, der zu Boden fällt und zerplatzt, kann nicht wieder an den Baum hüpfen und sich zusammensetzen. Nur lebendige Wesen können solche Prozesse im groben Maßstab umkehren: Ein Mensch kann den Apfel nehmen, notdürftig zusammenflicken und wieder am Baum befestigen. Es ist dann jedoch nicht mehr derselbe Gegenstand und Zustand wie vorher, da der Apfel nicht mehr exakt dieselben Eigenschaften aufweist und nicht wieder anwachsen kann.

Genauso ist es beim natürlichen Sprachwandel. Sprachliche Phänomene können sich nicht einfach nach Belieben ausbilden und wieder zurückbilden oder umgekehrt, während ansonsten in der Sprache alles gleich bleibt. Der natürliche Sprachwandel hat eine Grundrichtung, die nur durch künstlichen Eingriff umgedreht werden kann, und dann auch nur mit unvollkommenem Ergebnis.

Genau wie in der Physik und in der Biologie können sprachliche Elemente (die es auf mehreren Kombinationsebenen gibt – grob gesagt Laute, Silben und Wörter) von Natur aus nicht spontan aus dem Nichts entstehen, sondern nur aus vorhandenen Elementen abgeleitet werden.

Entsprechend ist es mit Wortbedeutungen. Es werden natürlicherweise nicht einfach neue Bedeutungen für ein Wort oder neue Wörter für eine Bedeutung willkürlich aus dem Nichts geschaffen. Wenn ein neuer außersprachlicher Begriff benannt werden muss, sucht man nach einem vorhandenen Wort, dessen Bedeutung mit dem zu benennenden Begriff charakteristische Eigenschaften gemein hat. So kam es zu der Benennung Maus für ein gewisses Komputerzeigegerät. Das Wort hat eine neue Bedeutung hinzugewonnen, wobei die alte wohlgemerkt bestehen blieb (Polysemie). Man kann den Vorgang auch Bedeutungserweiterung nennen. Die richtige Bedeutung ergibt sich jeweils aus dem Zusammenhang. Umgekehrt können auch Bedeutungen durch Wortbildung verschmelzen. Sprachideologie etwa übernimmt Eigenschaften der Bedeutungen von Sprache und Ideologie, ist aber nicht die Summe derselben, sondern hat eine eingeschränktere Bedeutung. Ob Bedeutungserweiterung zur Benennung eines neuen Begriffes alleine ausreicht (d.h. ob Polysemie möglich ist), hängt davon ab, ob der neue Begriff kontextual ausreichend vom alten getrennt ist (z.B. ist die Komputerwelt getrennt von der Tierwelt). Bedeutungserweiterung und Verschmelzung lassen sich auch kombinieren (Komputermaus, Funkmaus).

Wichtig: Die vorangegangenen Thesen beziehen sich auch wieder auf eine natürliche Sprachumgebung. In einer künstlichen Umgebung dagegen können z.B. ausgestorbene Wörter, die in schriftlichen Aufzeichnungen wiederentdeckt werden, neubelebt werden, Fremdwörter künstlich importiert werden oder Wörter aus dem Nichts geschaffen werden. Meistens werden bei Letzterem Anfangsbuchstaben zusammengesetzt (Nato). Das ist zwar auch eine Form der Ableitung, aber keine natürliche, denn sie bringt das natürliche Gefüge durcheinander, was sich z.B. in einer vermehrten Zahl von Homonymen zeigt: Gau kollidiert mit Gau, Uno mit Uno, Pisa mit Pisa etc. Die Regeln der natürlichen Sprachentwicklung haben gerade den Zweck, genau solche Unfälle zu vermeiden, doch heute werden letztere manchmal sogar von Menschen absichtlich herbeigeführt (Linse, Esel, Obst). Organisationen kapern ein bekanntes Wort so wie Piraten ein großes Schiff, um es für ihre Eigeninteressen zu verwenden. Dabei wird der Effekt ausgenutzt, dass sich reguläre Wörter besser merken lassen als zufällige Laut- oder Buchstabenfolgen, was darauf beruht, dass das Gehirn auf die natürliche Sprachentwicklung eingestellt ist. Auf diese Weise können sich Organisationen schneller ins Gedächtnis der Zielgruppe einbrennen. Die negativen Folgen dieser Zweckentfremdung von Wörtern (Bedeutungswirrwarr) werden ignoriert. Keinesfalls dürfen solche Machtspielchen („Das Wort gehört jetzt UNS, da staunt ihr, was?“) mit regulärem und funktionierendem Sprachwandel gleichgesetzt werden.

Was in der natürlichen Sprachumgebung auch nicht passiert ist, dass sich Wortbedeutungen ohne Bedeutungserweiterung oder Verschmelzung von Bedeutungen ändern. Dass ein Wort wie Neger eine rassistische Konnotation bekommt und im selben Moment (!) seine neutrale Bedeutung vollständig verliert, KANN NICHT GESCHEHEN. Es kann höchstens passieren, dass der benannte Gegenstand seine Eigenschaften ändert und sich entsprechend auch die Wortbedeutung anpasst, so wie heute Komputermäuse häufig keinen „Schwanz“ mehr haben und dadurch eigentlich eher wie Käfer aussehen, trotzdem aber weiterhin Maus genannt werden. Das Wissen über eine Bedeutungsänderung kann sich nicht von selbst mit Überlichtgeschwindigkeit verbreiten. Es ist physikalisch unmöglich, dass eine kleine Gruppe von Menschen beschließt, dass Neger ab sofort rassistisch ist (oder schon immer war) und am nächsten Morgen alle Deutschsprachigen aufwachen und darüber informiert sind. Deshalb darf man den Gebrauch einer alten Bedeutung Sprechern nicht zum Vorwurf machen, auch nach 30 Jahren nicht! Eine neue Bedeutung verbreitet sich natürlicherweise zusammen mit dem zugehörigen neuen außersprachlichen Begriff, sodass sie entweder auf Grundlage der alten Bedeutung aus dem Zusammenhang oder aber aus der Begriffserklärung hervorgeht und nicht gesondert erläutert werden muss. Benennungen sind meistens Gattungsnamen. Da es so gut wie nie vorkommt, dass sich alle Objekte einer Gattung gleichzeitig ändern, sondern nur allmählich alte Varianten durch neue ersetzt werden, ist die Sprache darauf abgestimmt, Wortbedeutungen zu erweitern. Deshalb löst eine neue Bedeutung eine alte nie unmittelbar ab, sondern ergänzt sie. Erst wenn der durch die alte Bedeutung (bzw. Variante) benannte außersprachliche Begriff (bzw. Variante) verschwindet (z.B. wenn Mäuse aussterben oder alle drahtlosen Mäuse durch Funkmäuse ersetzt wurden) oder das Wort in seiner alten Bedeutung solange nicht mehr verwendet worden ist, bis sich keiner mehr an diese erinnert (was bei Neger frühestens in Jahrzehnten der Fall sein wird), ist die alte Bedeutung obsolet. Die natürliche Sprachsystematik sorgt für einen gleitenden, reibungslosen Übergang. Wenn sich dagegen irgendjemand aus dem Nichts und ohne Wandelung des außersprachlichen Begriffes eine neue Bedeutung für ein Wort ausdenkt und es entsprechend benutzt, wird der Hörer ihn mit großer Wahrscheinlichkeit missverstehen, solange der Sprecher nicht ausdrücklich auf die Bedeutungsänderung hingewiesen hat. Bestenfalls erkennt der Hörer einen logischen oder grammatischen Widerspruch. Dann ist aber die natürliche Reaktion nicht diejenige, den Fehler bei sich selbst zu suchen, sondern beim Sprecher, denn jeder Mensch weiß instinktiv, dass Sprache so nicht funktioniert. Wer das andersrum sieht, die ist größenwahnsinnig!

Das verallgemeinernde Maskulinum ist ein Produkt der natürlichen Sprachentwicklung. Auch bei sèiner Entstehung haben sich die Bedeutungen erweitert, als neue außersprachliche Begriffe bzw. Varianten entstanden. Man muss dabei bedenken, dass erst in neuerer Zeit ständig und überall von Gruppen aller Art die Rede ist. In alter Zeit, also vor Jahrhunderten, hatte man Benennungen für allgemeine gemischtgeschlechtliche Gruppen, die selbst nach Flachschen Maßstäben als geschlechtergerecht durchgehen würden: Die Leute, das Volk, die Gruppe, die Gemeinde, die Allgemeinheit, die Familie, die Verwandtschaft, Reisende, Fahrende, alle, viele, wenige etc. Spezielle Gruppen dagegen waren nicht nur selten (oder man sprach selten darüber), sondern auch selten gemischtgeschlechtlich. Das lag weniger an absichtlicher Geschlechtertrennung als vielmehr daran, dass früher die Tätigkeiten viel körperbetonter waren als heute und die körperlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau sie in verschiedene Gruppen zwangen. Erst seit die Zivilisation soweit fortgeschritten und differenziert ist, dass sie sich in zahllose, meist gemischtgeschlechtliche Gruppen aufgespalten hat, müssen diese benannt werden. Zunächst waren solche Gruppen aber meist männlich geprägt, weil ein langsamer Übergang stattfand. Es entspricht von daher der natürlichen Sprachentwicklung, dass für gemischtgeschlechtliche Gruppen die Benennungen männlicher Gruppen übernommen wurden, da sie meist aus diesen entstanden. Es gibt aber auch noch weitere natürliche Begründungen, wie das natürliche Gewicht in Verbindung mit dem Schätzproblem, oder die Unmarkiertheit der männlichen Form. Alles in allem gab es genug linguistische Motivation, das verallgemeinernde Maskulinum zu grammatikalisieren und es zum Standard für all jene Gruppen zu erheben, die nicht praktisch ausnahmslos aus Frauen bestehen.

Andererseits spricht man heute meist von Feministinnen, auch wenn man männliche Feministen mitmeint, weil man diese Gruppe als ursprünglich und ihrer grundsätzlichen Natur nach weiblich ansieht. (Ich selbst spreche aber bewusst von Feministen, weil ich der Meinung bin, dass der heutige Feminismus letztlich männergesteuert ist. Gell, Anatol? Gib’s doch zu!) Um ein verallgemeinerndes Femininum im grammatischen Sinne handelt es sich dabei allerdings nicht, da es keine Regel darstellt, die auf andere Gruppen angewendet werden kann.

Doch nun kommen Antiwissenschaftler wie Susanne Flach und versuchen, die natürliche Sprachentwicklung durch das verallgemeinernde Femininum zu konterkarieren. Flach spricht von Physikerinnnen und meint damit auch männliche Physiker. Doch Isaac Newton, Albert Einstein, der verrückte Professor und Kollegen waren und sind nun mal fast alle Männer. Selbst wenn das die Folge fieser Unterdrückung weiblicher Forscherinnen gewesen wäre, müsste man trotzdem akzeptieren, dass die Sprache nun mal die neue, gemischtgeschlechtliche Bedeutung bereits von der männlichen Form abgeleitet hat und eine Umkehrung oder Änderung des Bedeutungsgefüges nur mit Gewalt durch einen künstlichen Eingriff in die natürliche Sprachentwicklung möglich wäre.

Wenn nämlich die logische und natürliche Begründung für den Gebrauch eines verallgemeinernden Maskulinums in der Ableitung von einer männlichen Gruppe besteht, dann wird der Gebrauch des verallgemeinernden Femininums für dieselbe Gruppe automatisch unlogisch. Wenn die èine Ableitung richtig ist, muss die andere falsch sein und ist damit ungültig. Eine ungültige Ableitung entspricht aber kèiner Ableitung.

Das verallgemeinernde Femininum für eine ursprünglich männliche Gruppe ist also quasi ableitungslos und widerspricht damit dem oben dargestellten Grundsatz der natürlichen Sprachentwicklung. Es ist eine selbstherrliche Schöpfung aus dem Nichts. (Und das von Leuten, die jeden verachten, der an die Schöpfung glaubt.) Man kann nicht für ein-und-dieselbe Gruppe wahlweise und abwechselnd das verallgemeinernde Maskulinum und das verallgemeinernde Femininum benutzen, ohne dass dies im Widerspruch zur natürlichen Sprachentwicklung steht.

Das Problem ist: Es gibt keine linguistische Begründung, die Bedeutung der weiblichen Pluralform in der von Sprachideologen vorgeschlagenen Weise zu ändern. Und weil es keine linguistische Begründung gibt, kann eine solche Änderung auch nur durch gewaltsamen Eingriff in die Sprache herbeigeführt werden. Eine linguistische Begründung gibt es auch deshalb nicht, weil das verallgemeinernde Femininum den Informationsgehalt eines Textes nicht nur nicht erhöht, sondern sogar verringert.

Es wäre ein 100%iges Synonym zum verallgemeinerndem Maskulinum, doch 100%ige Synonyme, d.h. in 100% der Positionen ohne Änderung der Textaussage austauschbare Wörter gibt es unter natürlichen Sprachbedingungen nicht. Betrachten wir z.B. die Appellativa Frau und Dame. Es handelt sich trotz scheinbarer Bedeutungsgleichheit nicht um Synonyme: Frau Flach als Anrede ist sprachlich korrekt, aber Dame Flach nicht. Die Sätze Susanne Flach ist keine Frau und Susanne Flach ist keine Dame haben sogar völlig unterschiedliche Bedeutung. Was für verschiedene Wörter gilt, gilt auch für verschiedene von derselben Grundform abgeleitete Wortformen. Und wenn der Unterschied nicht in der De- oder Konnotation liegt, dann in der Stilebene oder etwas anderem. Wenn man zwei Wörter in die Sprache wirft, die zunächst als 100%ige Synonyme definiert sind, dann wird dieser Überlagerungszustand nach kurzer Zeit zerfallen und die Wörter werden anfangen, sich irgendwie zu unterscheiden, sei es in der eigentlichen Bedeutung oder der Stilebene oder der Häufigkeit. Aber vom verallgemeinernden Femininum wird ja gefordert, dass es zur Herstellung der Geschlechtergerechtigkeit in exakt gleicher Häufigkeit verwendet wird wie das verallgemeinernde Maskulinum. Solch ein Gleichgewichtszustand ist in der natürlichen Sprache gar nicht dauerhaft herstellbar, denn er ist aufgrund der inhärenten Logik der Sprache instabil. (Auf die abstruse Forderung, dass zur Herstellung der Geschlechtergerechtigkeit jetzt zur Abwechslung mal die Frauen 1000 Jahre lang die Männer sprachlich „unterdrücken“ dürfen, gehe ich nicht weiter ein. Auch sie ist eine Verhöhnung rechtsstaatlicher Grundsätze.) Man könnte sich bestenfalls darauf einigen, dass alle Frauen das verallgemeinernde Femininum verwenden, alle Männer das verallgemeinernde Maskulinum. Doch das ist auch keine Lösung, denn es kommt noch schlimmer:

Die gleichzeitige Verwendung von verallgemeinerndem Maskulinum und verallgemeinerndem Femininum senkt den Informationsgehalt der Sprache. Bisher war klar: Bei der weiblichen Pluralform besteht die bezeichnete Gruppe nur aus Frauen. Maskulinum und Femininum bilden bislang ein Wortfeld, das alle Zusammensetzungsmöglichkeiten auf folgende Weise abdeckt: Maskulinum: Nur/viele/wenige/keine Männer. Femininum: Nur Frauen. Hierbei kann eine Nur-Männer-Gruppe lediglich mit Hilfe des Kontextes vermittelt werden, während eine Nur-Frauen-Gruppe bereits allein durch die Femininum-Form definiert wird. Führt man nun das verallgemeinernde Femininum ein, können auch Nur-Frauen-Gruppen nicht ohne Kontext vermittelt werden. Die Aussagekraft des Textes ist also herabgesetzt, solange der Informationsverlust nicht kompensiert wird. Diesen Effekt meinte ich, als ich oben schrieb, es kann nicht ein sprachliches Element geändert werden, ohne dass sich dies auf die umgebende Struktur der Sprache auswirkt. In der natürlichen Sprache gibt es keinen absoluten Verlust, sondern nur Verwandlung. Für alles, was verschwindet, muss etwas Neues hinzukommen, das durch Ableitung oder Umstellung gewonnen wurde. (Und umgekehrt. Deshalb verdrängen Fremdwörter einheimische Wörter oder grammatische Formen.) Ist jedoch eine kompensierende Ableitung oder Umstellung nicht möglich, kann auch natürlicherweise nichts verschwinden.

Um den Informationsverlust des verallgemeinernden Femininum  zu kompensieren, gibt es zwei Möglichkeiten:

Entweder man fügt, wie schon beim Maskulinum üblich, bei Gefahr von Missverständnissen eine Geschlechtsinformation im Kontext hinzu: Weibliche Physikerinnen. Das wäre die natürliche Reaktion, um den Verlust auszugleichen.

Oder man legt fest, dass das Maskulinum von nun an nicht mehr verallgemeinernd sei.

Beide Lösungen sind unbefriedigend. Bei der ersten wird die alleinstehende weibliche Form langfristig entweiblicht.

Dies zeigt übrigens auch, dass dem feministischen Bestreben, „Frauen in der Sprache sichtbarer zu machen“, durch das verallgemeinernde Femininum  allein nicht geholfen ist, denn beim verallgemeinernden Femininum denkt man ja auch wieder mehr an Männer. Waren bisher 100 Physikerinnen stets 100 Frauen, können es nunmehr auch 99 Männer und bloß èine Frau sein.

Jedoch bringt das verallgemeinernde Femininum dem Feminismus ja gar nichts, wenn man aufgrund des Weltwissens bei Physikerinnen ohne weiteren Geschlechtshinweis irgendwann doch bloß wieder denkt, „och, sind ja eh nur Männer“. Sprachideologen werden das allerdings nicht zugeben, da ihre Unterstützung des verallgemeinernden Femininums ja auf der These beruht, dass das Maskulinum durch das verallgemeinernde Femininum nicht entmännlicht wurde. Wer weibliche Physikerinnen sagt, muss anerkennen, dass auch das Maskulinum aufgeweicht wurde und widerlegt sich damit selbst; also werden die Sprachideologen es nicht tun.

Zur zweiten Lösung: Eine Abschaffung des verallgemeinernden Maskulinums gleichzeitig mit der Einführung des verallgemeinernden Femininums würde dazu führen, dass der weibliche Plural in Texten sehr viel häufiger vorkommt als der männliche, denn man kann dann nicht mehr zwischen verallgemeinerndem Femininum und verallgemeinerndem Maskulinum wählen, also auch nicht mehr das verallgemeinernde Femininum auf überwiegend weibliche Gruppen beschränken (was übrigens wegen des Schätzproblems eh nicht funktioniert). Der weibliche Plural ist jedoch die markierte Form und zwei Silben länger als der männliche (außer bei unregelmäßigen Wörtern). Im vorliegenden Flachtext samt zugehörigem Forum kommt nach meiner Zählung neun mal verallgemeinerndes Femininum vor. Das heißt, der Text ist um innen innen innen innen innen innen innen innen innen länger, ohne dass das geringste Bisschen an Information hinzugefügt wurde. Dabei feiern die Sprachideologen sonst immer jeden Wegfall eines Flexionsmorphems als sprachlichen Fortschritt, wie z.B. bei Zauberin statt Zaubererin und ähnlichem Müll. (Zauberin ist Kindergrammatik, und Kindergrammatik gildet nicht.)

Doch es kommt noch schlimmer. All das, was ich bis hierher über das verallgemeinernde Femininum schrieb, gilt nur unter der Voraussetzung, dass man beim Lesen eines Textes weiß, ob darin das verallgemeinernde Femininum angewandt wird oder nicht. Doch da das verallgemeinernde Femininum weder aufgrund seiner Form noch aus der Sprachlogik heraus erkennbar ist, wird es normalerweise nicht oder erst nach dem Lesen längerer Textpassagen als solches erkannt. Dies führt zu zahlreichen Missverständnissen und setzt den Informationsgehalt des Textes noch weiter herab. Es ist genau jener Fall von willkürlicher Bedeutungsänderung, den ich oben angeprangert habe, weil es Unmögliches verlangt: Dass die Hörer und Leser wissen, was sie nicht wissen können, ohne dass Newtons Mechanik und Einsteins Relativitätstheorie außer Kraft gesetzt werden. Es hilft auch nichts, Texte mit verallgemeinerndem Femininum stets als solche zu kennzeichnen zu versuchen. Das kann nicht flächendeckend gelingen, weil nur in Ausnahmefällen Anfang und Ende von Texten überhaupt definiert sind. Der Normalfall ist ja das mündliche Durcheinanderreden mit kürzeren oder längeren Pausen, das morgens beginnt und abends endet. Auch schriftliche Texte werden häufig aus Fragmenten zusammengesetzt, die von verschiedenen Autoren stammen. Um hier ein Verallgemeinerndes-Femininum/verallgemeinerndes-Maskulinum-Wirrwarr zu verhindern, müsste man die Autoren vorher auf èine Möglichkeit festlegen – was schon wieder Präskription wäre und damit für Sprachideologen tabu. Außerdem ist es praktisch unmöglich durchzusetzen. Die Autorenschaft ist sowieso bei einem Großteil der Texte nicht zu klären. Deshalb funktioniert auch das oben vorgeschlagene Prinzip „Männer verwenden verallgemeinerndes Maskulinum, Frauen verallgemeinerndes Femininum“ als Erkennungsmerkmal halbwegs sicher nur bei mündlichen Texten, wo man das Geschlecht an der Stimme erkennen kann. Doch von Frauen zu verlangen, dass sie mit unverwechselbar hoher Stimme sprechen, um nicht für einen Mann gehalten zu werden, ist natürlich im Sinne der Geschlechterrollentheorie eine Zementierung von Geschlechterklischees und damit wiederum tabu.

In schriftlichen Texten ist deshalb die einzig zweckerfüllende Option, jede Okkurrenz des verallgemeinernden Femininums durch ein lustiges Zusatzzeichen zu kennzeichnen, so wie die Sprach- und Geschlechterrollenideologen es bereits zur Darstellung verschiedener geschlechtlicher Pervertierungen pflegen. In mündlichen Texten müsste dieses dann durch ein akustisches Signal ersetzt werden, etwa einen kurzen Pfeifton. Doch Spaß beiseite: All das läuft darauf hinaus, dass die einzige Möglichkeit, das verallgemeinernde Femininum lückenlos zu kennzeichnen, darin besteht, ein neues Morphem oder eine neue Kombination vorhandener Morpheme einzuführen. Dies ist jedoch auf Basis logischer Ableitungen nicht möglich, denn sonst wäre es ja schon längst geschehen. Damit will ich sagen: Dass es das verallgemeinernde Femininum in der deutschen Sprache nicht gibt, ist keinesfalls die Folge einer Unterdrückung „weiblicher“ Sprache, sondern beruht auf den limitierten Entwicklungsmöglichkeiten der natürlichen Sprache, also ihren „Naturgesetzen“.

Die Wörter sind nun mal mit bestimmten Bedeutungen vorbelegt, und man kann ihnen nicht ohne Gewalt neue Bedeutungen aufzwingen, die zu den alten im logischen Widerspruch stehen. Flach verhält sich wie eine Physikerin, die einen Apfel vom Boden aufhebt und behauptet, dieser Vorgang entspreche den Gesetzen der Schwerkraft. Nein, tut er nicht, es ist ein bewusster Eingriff in die Natur. Genauso wie ein Apfel niemals „von selber“ an den Baum zurückhüpft, wird sich das verallgemeinernde Femininum aufgrund der Tatsache, dass es nicht logisch abgeleitet werden kann und sich mit der umgebenden Sprache nicht verträgt, niemals „von selber“ durchsetzen, sondern nur durch Präskription. Da Flach aber Präskription ablehnt, weil sie diese für widernatürlich hält, kann sich nach ihrem eigenen Verhaltensideal das verallgemeinernde Femininum niemals durchsetzen. Eigentlich müsste sie so schlau sein, das selbst zu erkennen. Warum plädieren Sprachwissenschaftler reihenweise für das verallgemeinernde Femininum, obwohl es sich bei Beachtung ihrer eigenen Verhaltensideale niemals durchsetzen kann? Es ist, als würde Isaac Newton sagen: „Ein Apfel kann niemals nach oben fallen – außer, ich will es“, dann einen Apfel aufheben und prahlen: „Seht ihr?“ Solche Leute kann man doch nicht für voll nehmen. Sie sind entweder miserable Wissenschaftler oder Betrüger oder größenwahnsinnig. Wahrscheinlich aber alles zusammen.

Fazit:

Was Susanne Flach so an Thesen fallenlässt, ist ungenießbar wie Pferdeäpfel. Selbstherrlich die Grammatikregeln der eigenen Muttersprache zu brechen und alle, die einem nicht folgen wollen, zu Verbrechern zu erklären: Größenwahnsinniger können Sprachwissenschaftler nicht sein. Die allgemein anerkannten Grunderkenntnisse der Sprachwissenschaft für eigene Machtinteressen zu verleugnen: Tiefer können Sprachwissenschaftler nicht fallen.

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