Entgegnung auf Anatol Stefanowitschens „Gerechte Sprache und Sprachpurismus“

Anatol Stefanowitsch hat schon vor einiger Zeit in einem Sprachlog-Artikel begründet, warum er sich „um politisch korrekte Sprache bemühe, obwohl dies doch im direkten Gegensatz zu [seiner] Grundüberzeugung stünde, dass ein normatives Herangehen an Sprache sinnlos und falsch sei.“

Leider enthält die Begründung unwahre Behauptungen und Widersprüche. Im Folgenden zitiere ich die aufschlussreichsten Textstellen und kommentiere sie.

Stefanowitsch beginnt mit der naiven Frage:

„Kann man den Sprachgebrauch einer Sprachgemeinschaft gezielt beeinflussen, und wenn ja, wie?“

Selbiges geschieht nämlich tagein, tagaus allerorten. Jedes Schulkind wird vom ersten bis zum letzten Tag seiner Schulzeit in seinem Sprachgebrauch durch die Lehrer gezielt beeinflusst, um sich am Ende seiner Schullaufbahn die amtliche Bestätigung abholen zu dürfen, dass es Standarddeutsch im für das Ausbildungsziel notwendigen Maße beherrscht. Das ist ja der Hauptsinn des ganzen verdammten Deutschunterrichtes. Im Erwachsenenleben geht es dann weiter mit Sprachregelungen am Arbeitsplatz, die meistens dem simplen Grundsatz folgen Der Chef und der Duden haben immer Recht. Demokratische Abstimmungen über Sprachgebrauch finden so gut wie gar nicht statt. Die einzigen, die sich für demokratische Abstimmungen einsetzen, sind die den Sprachideologen so verhassten Sprachpfleger. Doch die Sprachideologen sind so sehr in ihre sprachdemokratischen Phantasien verliebt, dass sie die für jedermann offensichtlichen Tatsachen vollkommen ausblenden. Die demokratischen Gesetzesinitiativen der Sprachpfleger halten sie für undemokratisch, das undemokratische Sprachdiktat durch privatwirtschaftliche Vorgesetzte dagegen nehmen sie nicht einmal wahr.

Stefanowitsch liefert in seinem Artikel zunächst gar keine Antwort auf die obige Frage, sondern wendet sich einer anderen zu:

Sollte man es [das Beeinflussen] überhaupt versuchen, und wenn ja, in welchen Fällen?

Anschließend führt er aus, dass eine Beeinflussung nur dann gerechtfertigt sei, wenn sie nicht linguistisch, sondern ethisch begründet ist, d.h. konkret bei angeblich sexistischer und rassistischer Sprache:

Bei der Vermeidung von sexistischer oder rassistischer Sprache geht es um etwas völlig anderes als bei der Vermeidung von Anglizismen. Hier soll die Sprache … nicht um ihrer selbst willen verändert werden. […] Stattdessen wollen die Vertreter einer politisch korrekten Sprache solche Wörter [wie ‚Neger‘ und ‚Studenten‘] und Konstruktionen vermeiden, weil diese dazu beitragen, Menschen zu demütigen, auszugrenzen und sprachlich unsichtbar zu machen.“

Die Sprachwissenschaft kann dabei helfen, sprachliche Diskriminierung zu erkennen und zu erklären.

Bei der Bewertung der Beeinflussung der Sprache „um ihrer selbst willen“, d.h. aus linguistischen Gründen, kommt sein sprachideologischer Ansatz von Sprachdemokratie und Sprachdarwinismus zum Tragen, demzufolge die Sprachgemeinschaft durch den allgemeinen Sprachgebrauch ganz von selbst dafür sorgt, dass nur linguistisch taugliche Entwicklungen sich in Sprache und Rechtschreibung durchsetzen. Expertenrat wäre demnach schlicht überflüssig. Doch dies ist leider nur eine oberflächliche Betrachtungsweise. Was die Sprachideologen grundsätzlich nicht beachten ist, dass die natürlichen Mechanismen der Sprachentwicklung durch die Schriftkultur und die Massenmedien zum Teil außer Kraft gesetzt sind. Die Selbstheilungskräfte der Sprache funktionieren unter heutigen Bedingungen nicht mehr vollständig. Schriftkultur und Massenmedien erfordern deshalb linguistische Kontrolle durch Experten. In der Realität führt gerade die Fremdwortschwemme zu vermehrten Fehlern bei Aussprache, Schreibweise und Grammatik, weil die Fremdsprachen nur unzulänglich beherrscht werden. Und Fehler werden nachgemacht, wenn sie von Autoritäten vorgemacht werden. Hier sollten Experten korrigierend eingreifen, und zwar notwendigerweise solche, die selbst Autorität besitzen.

*

Wenn es aber um die ethisch begründete Beeinflussung des Sprachgebrauchs geht, so stellen die Sprachideologen ihre Behauptungen, die sie eben noch bezüglich der linguistischen Ebene machten, mal so eben auf den Kopf. Angeblich sorgen Sprachdemokratie und Sprachdarwinismus auf ethischer Ebene nicht für eine gesunde Entwicklung. Das Volk weiß hier angeblich auf einmal nicht mehr, was richtig und gut und was falsch und schlecht ist. Die Deutschen werden als Volk von latenten Rassisten und Unterdrückern eingestuft, ganz besonders die Männer.

Diese Denkweise ist widersprüchlich. Man kann nicht gerade so, wie es einem in den Kram passt, mal an Demokratie und das gesunde Volksempfinden glauben und mal nicht, und dabei behaupten, das sei wissenschaftlich stringent.

Die Sprachideologen vertreten gleichzeitig zwei gegensätzliche Auffassungen von Demokratie. Die èine – klassische – besteht darin, dass Demokratie verhindern soll, dass die Mehrheit der Bevölkerung von einer Minderheit unterdrückt wird. Diese Auffassung vertreten die Sprachideologen auf linguistischer Ebene. Die andere – alternativ-ideologische – besteht darin, dass Demokratie verhindern soll, dass Minderheiten von der Mehrheit unterdrückt werden. Diese Auffassung vertreten die Sprachideologen auf ethischer Ebene. Nicht nur, dass sich beide Auffassungen widersprechen, sondern die zweite ist auch in sich unlogisch, denn wenn die Mehrheit grundsätzlich dazu neigt, Minderheiten zu unterdrücken, wird sie ja nicht mehrheitlich entscheiden, dies nicht zu tun. Nur eine Minderheit kann dann die Mehrheit dazu zwingen, keine Minderheiten mehr zu unterdrücken. Dieses  Ziel kann jedoch nur auf undemokratischem Wege erreicht werden.

*

Weiterhin ist die Frage, ob die Vorwürfe, die auf ethischer Ebene gemacht werden, überhaupt gerechtfertigt sind. Die Antwort lautet: Nein. Sie widersprechen sogar allgemein bekannten Grunderkenntnissen der Sprachwissenschaft – und das ist der eigentliche Skandal: Die Sprachideologen missbrauchen ihre wissenschaftliche Autorität, um unwissenschaftliche Meinungen zu verbreiten.

Zum Beispiel behaupten die Sprachideologen, das Wort Neger sei grundsätzlich rassistisch und immer schon gewesen. Tatsächlich jedoch ist diese These eine Erfindung antideutscher Agitatoren der 1970er und 1980er (wann genau es angefangen hat, weiß ich nicht, weshalb diese Zahlen nur Anhaltspunkte sind), die sich das angloamerikanische  Wort Nigger zum Vorbild genommen haben. Die pejorative Semantik von Neger ist also sowohl im kulturellen als auch linguistischen Sinne ein Amerikanismus, der aus niederen politischen Beweggründen absichtlich eingeschleppt wurde, und hat mit dem vom Englischen unabhängigen deutschen Sprachgebrauch nichts zu tun. Weil die klügeren unter den Sprachideologen das wissen, haben sie kurzerhand eigenmächtig die Definition von Rassismus geändert, nur um an ihrem Vorwurf festhalten zu können: Rassistisch ist ihnen zufolge nun nicht mehr der Gedanke des Sprechers, sondern das Wort selbst, sodass selbst eine wohlmeinende Äußerung als rassistisch gilt, wenn sie das Wort Neger enthält. Dieses wiederum ist in zweifacher Hinsicht Verrat an der Sprachwissenschaft.

Zum einen ändert hier eine winzig kleine Interessengruppe hinterlistig die Bedeutung eines allgemeinsprachlichen Wortes, ohne die Bevölkerung vorab zu informieren, und verurteilt dann jeden, der es nicht mitbekommen hat, als rassistisch. Dies widerspricht nicht nur der natürlichen Sprachentwicklung (denn natürlich ist nicht Bedeutungsänderung, sondern zunächst nur Bedeutungserweiterung, Generationen später (!) dann Bedeutungsverengung), sondern es ist auch undemokratisch.

Zum anderen werden hier Grunderkenntnisse der Semiotik verleugnet, die jeder Sprachwissenschaftsstudent im ersten Semester lernt: Dass nämlich die Bedeutung eines Symbols niemals darin selbst liegt oder untrennbar damit verbunden ist, sondern allein im Kopf des Sprechers bzw. Hörers. Wenn Sprecher und Hörer dem Symbol unterschiedliche Bedeutungen zuordnen, dann handelt es sich um ein Missverständnis, und bei Missverständnissen gibt es nach allgemeiner Rechtsauffasssung keinen Schuldigen (Irren ist Menschenrecht). Doch die Sprachideologen nehmen sich selbstherrlich (autokratisch) das Recht, nach Gutdünken die Grundsätze des Rechtsstaates auszuhebeln, und das im Namen der Menschenrechte! Kraft ihrer wissenschaftlichen Autorität sind sie in der Lage, auch den Gesetzgeber dazu verleiten, das Unrecht zu Recht zu erklären.

Darüber hinaus ist den Sprachideologen nicht nur vorzuwerfen, dass sie auf undemokratische Weise der Bevölkerungsmehrheit die Bedeutung eines Wortes aufzwingen, sondern auch, dass sie dies mit der Absicht tun, die Interessen einer winzigen Minderheit über die Interessen der überwältigenden Mehrheit zu stellen. Vorgeblich geht es um die Interessen der Schwarzafrodeutschen, doch in Wahrheit werden diese nur instrumentalisiert für die Interessen der antideutschen Agitatoren. Niemand müsste unter der Titulierung als Neger leiden, wenn nicht die Agitatoren den Afrodeutschen eingeredet hätten, dass sie gefälligst zu leiden haben. Doch die Agitatoren brauchten Opferdarsteller, weil sie die Deutschen unbedingt zum Tätervolk machen wollten. Im Endeffekt ist eigentlich jeder Opfer der Agitatoren und der Sprachideologen: Die Afrodeutschen, weil sie sich ständig diskriminiert fühlen, und die restlichen 82 Millionen in Deutschland, weil sie ständig als Rassisten beschimpft werden. Das einfühlsame Getue von Leuten wie Stefanowitsch ist die pure Heuchelei, denn erst Leute wie er haben Neger zu einem Unwort gemacht.

Zur „geschlechtergerechten Sprache“ (Studierende statt Studenten etc.) habe ich mich bereits geäußert, und es wird noch einiges hinzukommen, was hier aber des Umfanges wegen nicht hineinpasst.

*

Nun gelangen wir zu einer wichtigen Frage an die Sprachideologen: Wenn Wörter wie Neger und Studenten wirklich die Wirkung haben, zu demütigen, auszugrenzen und sprachlich unsichtbar zu machen – warum sind dann Anglizismen eigentlich nicht demütigend, ausgrenzend und unsichtbarmachend? Ein Großteil der englischen Wörter im deutschen Sprachgebrauch wird nämlich nur deswegen benutzt, weil sie nicht deutsch sind (Kleinschreibung Absicht), sondern englisch bzw. angloamerikanisch. Ist aber die Benutzung von Fremdwörtern, nur weil sie keine deutschen sind, denn nicht rassistisch nach der Rassismusdefinition der politisch Korrekten? Ist die Vermeidung deutscher Wörter nicht im wahrsten Sinne eine Unsichtbarmachung deutscher Kultur? Und werden alte Menschen, die des Englischen nicht mächtig sind, denn nicht ausgegrenzt? Ist es nicht schizophren, wenn die Piratenpartei von liquid democracy für das deutsche Volk spricht, ohne sich darum zu kümmern, dass schätzungsweise Millionen Deutsche schon bei diesem Ausdruck nicht mehr folgen können?

Noch nie ist eine Sprache wegen der Entlehnung von Wörtern ausgestorben.

Dieser Satz ist aus dem Munde eines Sprachwissenschaftlers wirklich so gedankenlos, dass man sich nur an den Kopf fassen kann. Betrachten wir dazu Stefanowitschens große Liebe, die sogenannte „englische Sprache“. Diese enthält heute eine große Anzahl Fremdwörter (viel mehr als das Deutsche), die im Laufe etlicher Jahrhunderte durch kulturelle Umwälzungen hinzukamen. Die Fremdwörter haben die englischen Wörter nicht einfach ergänzt, sondern einen Teil davon verdrängt, die Semantik verschoben und die Morphologie zerstört.

Und deshalb ist das Englisch von heute eine andere Sprache als das Englisch vor 500, 1000 oder 1500 Jahren. „Englische Sprache“ ist nur ein Sammelbegriff für mehrere Sprachen, und zwar nicht nur für diverse Dialekte, sondern verschiedene Sprachstufen. Das moderne Englisch hat mit Altenglisch weniger zu tun als Italienisch mit Latein. Und wenn Latein tot ist (was Stefanowitsch jederzeit befriedigt bestätigen würde… na gut jetzt natürlich nicht mehr), dann ist Altenglisch erst recht tot.

Die „englische Sprache“ hat sich in einem Maße und mit einer Geschwindigkeit gewandelt, die in Europa ziemlich einmalig sind. Möglich wurde dies nicht durch friedliche Völkervereinigung, sondern nur durch Eroberungskriege. Es ist deshalb ein Unding, dass gerade diese Sprache als der alleingültige Maßstab für Sprachwandel hingestellt wird, nach dem Motto: Deutsch hat sich gefälligst genauso dramatisch zu verändern wie Englisch, alles andere wäre abnorm. Nein, es ist umgekehrt (haha, umgekehrt mal wieder): Die Entwicklung der englischen Sprache ist abnorm.

Wer aber hat nun das Recht zu bestimmen, dass es keinen Verlust bedeutet, wenn das Deutsch von heute den Nachfahren in 100 Jahren kaum noch verständlich ist und Großeltern den Worten ihrer Enkel nicht mehr folgen können? Gerade eine Wissensgesellschaft funktioniert nur, wenn auch ältere Informationen entschlüsselt werden können, denn sonst muss man mit dem Erkenntnisprozess immer wieder von vorne anfangen. Bei fortwährendem Sprachwandel jedoch müsste man jeden Text alle 100 Jahre übersetzen, was undurchführbar ist. Und wer hat das Recht zu behaupten, dass niemand sagen darf: Mir geht der Sprachwandel einfach zu schnell? Wieso nimmt Stefanowitsch, der Negerversteher, andererseits auf alte Menschen, die Englisch nicht einmal in der Schule gelernt haben, keine Rücksicht? Wieso wird die eine Minderheit hofiert, die andere geächtet?

Übrigens herrscht in der englischen Sprache seit Generationen genau die umgekehrte Tendenz wie früher in ihr selbst und heute im Deutschen (haha, umgekehrt mal wieder): Das englische Vokabular ändert sich kaum noch, abgesehen von der Einführung von Kunstwörtern wie Blog oder Notpology, die aber fast immer verkürzte Zusammensetzungen aus vorhandenen Wörtern sind. Der große Sprachwandel des Englischen fand im Mittelalter statt. Müssen wir uns für das Deutsche im 21. Jahrhundert wirklich mittelalterliche Zustände aufzwingen lassen? Oder will jemand ernsthaft behaupten, das Englische sei dem Deutschen um 1000 Jahre voraus?

„…wäge ich natürlich ab, mit welchem Wort ich am besten ausdrücken kann, worum es mir gerade geht. Wenn das ein Lehnwort ist, nehme ich es, wenn ein ‚deutsches‘ Wort treffender ist oder mir eine ausdrucksstarker selbstgeschöpfter Begriff einfällt, verwende ich den.  Aber das ist etwas völlig anderes, als sich in Vereinen zu organisieren, um anderen die Verwendung von Lehnwörtern zu verbieten.

Es ist schon dreist, wie Stefanowitsch hier die Verhältnisse auf den Kopf stellt. Die Sprachschützer wollen ein Gesetz zum Schutz der deutschen Sprache initiieren. Das geht in Deutschland nur über den amtlichen demokratischen Weg. Ein jeden betreffendes Verbot des Gebrauches englischer Vokabeln kann in der BRD nur durch den Gesetzgeber, also den Bundestag erteilt werden, wozu eine parlamentarische Mehrheit nötig ist. Man mag persönlich zu der Frage, ob jede Mehrheit der Volksvertreter tatsächlich den Volkswillen vertritt, stehen wie man will. Doch man darf niemanden dafür verdammen, den amtlichen demokratischen Weg unseres Rechtsstaates zu gehen und per Petition an das Parlament heranzutreten. Wer sich selbst als lupenreine Demokraten verkauft wie die Sprachideologen, kann nicht allen Ernstes anderen eine korrekte demokratische Vorgehensweise zum Vorwurf machen.

Wie ich oben schrieb, ist es in Deutschland an der Tagesordnung, dass Vorgesetzte ihre Untergebenen, oder Universitäten ihre Studenten zum Englischen zwingen, doch keinen Sprachideologen stört das, obwohl es vollkommen undemokratisch ist. Dieses undemokratische Verhalten hat ja die Sprachschützer erst auf den Plan gerufen. Die demokratischen Bemühungen der Sprachschützer, diesen Missstand zu beseitigen, brandmarken die Sprachideologen dagegen als unterdrückerisch und antidemokratisch. Das ist von himmelschreiender Ungerechtigkeit.

Die Entscheidung, auf sprachliche Diskriminierung zu verzichten oder eben nicht, muss jeder für sich aus ethischen Überlegungen heraus treffen.“

Für eine Durchsetzung von gerechter Sprache mittels Sprachverboten bin ich schon deshalb nicht zu haben, weil ich das Recht auf freie Meinungsäußerung in Deutschland eher noch gestärkt als geschwächt sehen möchte, und weil mir die Sprache meines Gegenübers wertvolle Hinweise auf dessen Gesinnung liefert, auf die ich nicht verzichten möchte.

Statt anderen vorzuschreiben, wie sie sprechen und schreiben sollen, kann jedes Mitglied der Gemeinschaft mit gutem Beispiel vorangehen.

Und wenn ich darüber nachdenke, wie ich sie dazu bekomme, das zu tun, was ich sage, liegt der Gedanke nahe, ihnen einzureden, dass sie sich sonst als bildungsferne Witzfiguren outen (das ist Bastian Sicks Strategie), oder als amerikahörige Duckmäuser (das ist die Strategie des Verein Deutsche Sprache); oder sie gar gesetzlich dazu zu zwingen (auch das ist eine Wunschstrategie des VDS, die er kurioserweise mit manchen Verfechtern politisch korrekter Sprache teilt).

Das Problem an all diesen Strategien ist, dass sie wirkungslos sind. Sprache lässt sich von außen nicht regulieren, das lehrt und die Geschichte des Sprachpurismus in all seinen Spielarten.

Wer die Sprache verändern will, muss es von innen tun. Schriftsteller/innen, Journalist/innen, Übersetzer/innen und natürlich auch Blogger/innen erreichen mit ihren sprachlichen Produkten ungleich mehr Mitglieder der Sprachgemeinschaft als durchschnittliche Sprecher/innen und können so eine gewichtigere Rolle im Entwicklungsprozess der Sprache spielen.

Stefanowitsch beantwortet jetzt also seine eingangs gestellte Frage, ob man den Sprachgebrauch einer Sprachgemeinschaft gezielt beeinflussen kann. Doch plötzlich unterscheidet er zwischen einer Beeinflussung „von außen“ und einer „von innen“. Unter von außen versteht er den Versuch, anderen Personen durch Regeln die Sprache vorzuschreiben. Dies sei, wie die Geschichte zeige, nicht möglich. Unter von innen versteht er, mit gutem Beispiel voranzugehen und darauf zu hoffen, dass andere mitziehen, was sehr wohl möglich sei. Das klingt ja schön und gut. Doch hat es mit der Realität wenig zu tun. (Man muss sich auch fragen, welche Selbstauffassung jemand hat, der meint, dass Menschen, die anderen nicht einmal unter Zwang folgen würden, ihm sogar freiwillig hinterherlaufen.)

Einerseits ist Beeinflussung von außen sehr wohl möglich und findet auch in hohem Maße statt, wie ich oben dargestellt habe. Letztlich hängt der Erfolg der Beeinflussung von außen von zwei Faktoren ab: Der Macht der Beeinflusser und den intellektuellen Fähigkeiten der Beeinflussten (denn man kann ja nicht Chinesisch an èinem Tag lernen, auch wenn man es noch so sehr möchte). Die Macht der Beeinflusser muss in gesellschaftlicher Autorität und der technischen Möglichkeit zur Vervielfältigung von Texten liegen.

Bei seiner Vorstellung von der Beeinflussung von innen bestätigt Stefanowitsch ungewollt meine These, dass die Sprachentwicklung im Zeitalter der Massenmedien nicht durch den kleinen Mann auf der Straße geprägt wird – wie die Sprachdemokraten es gerne hätten –, sondern durch Multiplikatoren, was ja prinzipiell auch nicht anders ist als bei der Beeinflussung von außen. Hier widerlegt er sich wieder einmal selbst. Offiziell will er niemanden zwingen, aber wer der von den Multiplikatoren vorgegebenen politisch korrekten Linie nicht folgt, wird gesellschaftlich geächtet. Den trifft die Hasspropaganda der antikonservativen Meinungsmacher, bei der Stefanowitsch eifrig mitmischt. Angeblich können wir so reden und schreiben, wie wir wollen, doch wenn wir das tun, werden wir als Sexisten und Rassisten beschimpft und riskieren unseren Arbeitsplatz. Wer möchte dieses Risiko schon eingehen? Politisch korrekte Sprache ist ein Angebot, das man nicht ablehnen kann – wie bei der Mafia. Die Sprachideologen leisten angeblich nur Aufklärungsarbeit, doch in Wahrheit ist es Hetzpropaganda. Selbst der Gesetzgeber fällt darauf herein. Während Stefanowitsch seine Hände in Unschuld wäscht, kann er genüsslich zuschauen, wie die Regierung für ihn die Drecksarbeit erledigt: Gesetze für politisch korrekte Sprache erlassen und durchsetzen. Da kann er noch so sehr beteuern,  dass er damit nichts zu tun habe: Ich halte seine zur Schau gestellte Zurückhaltung für Selbstbetrug. (Es ist sehr wohlwollend von mir, dass ich ihm hier nur unterstelle, dass er sich selbst betrügt und nicht andere.) Und warum sollte er wohl Wert darauf legen, an der politisch unkorrekten Sprache seines Gegenübers dessen Gesinnung erkennen zu können, wenn nicht, um ihn anschließend diskriminieren zu können? Die scheinbare Toleranz dient in Wahrheit nur zur Identifikation des Feindes.

Und was Stefanowitschens Erwähnung der Übersetzer angeht, kann ich ja nur schallend lachen. Ich schreibe hier vor allem deswegen, weil Leute wie Stefanowitsch dafür verantwortlich sind, dass ich mich als Übersetzer eben nicht so ausdrücken könnte, wie ich es für richtig halte. Der Übersetzer ist ein linguistischer Sklave des Auftraggebers – was Stefanowitsch als weltfremder Sprachdemokrat natürlich nicht wahrhaben will – und der Auftraggeber orientiert sich am Zeitgeist, da er ja mit seinem Produkt nicht negativ auffallen will. Die Sprachideologen wiederum sind dafür verantwortlich, dass der aktuelle Zeitgeist zum Ziel hat, die bewährte Sprache durch ein Multikulti-Genderbender-Sprech zu ersetzen.

Zudem ist ja auch das Verwenden bestimmter Ausdrucksweisen oder Schreibweisen in eigenen Texten dann ein Aufzwingen, wenn andere verpflichtet sind, diese Texte zu lesen. Einen Text lesen zu müssen, in dem das generische Femininum vorkommt, ist ja sogar schlimmer, als einen solchen Text schreiben zu müssen: Wer einen solchen Text schreibt, weiß immerhin noch, was er gerade meint, während der Leser häufig in die Irre geführt wird (Begründung siehe hier).

*

Unabhängig von der Innen/außen-Frage ist eine Beeinflussung der Sprache umso leichter, je linguistisch sinnvoller sie ist, und umso schwerer, je stärker sie die sprachliche Verständigung beeinträchtigt. Wo dabei die Toleranzgrenze der Bevölkerung liegt, hängt in hohem Maße von der Autorität der Beeinflusser ab. Die Sprachideologen arbeiten auf eine Sprache hin, die fehlerhafter, unverständlicher, umständlicher und sperriger ist als die normale Sprache. Wie können sie ernsthaft glauben, dass irgendjemand so einer Tendenz freiwillig folgt, der nicht selbst ein opferbereiter ideologischer Fanatiker ist?

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Wissenschaftler sollen, wenn sie als solche auftreten, nicht ethischen Rat geben, sondern Expertenrat auf ihrem Fachgebiet; es sei denn, sie sind Philosophen oder Theologen o.ä. (ach, Theologen sind ja gar keine Wissenschaftler, ich vergaß…). Die Sprachwissenschaftler (abgesehen von den wenigen, die keine Sprachideologen sind) sehen es umgekehrt (haha, umgekehrt mal wieder): Den fachlichen Rat (also Auskunft darüber, was linguistisch besser ist und was schlechter) verweigern sie, aber spielen sich stattdessen als Zeigefingermoralisten auf. Ihr Hauptanliegen besteht heutzutage darin, die Welt in gut und böse zu unterteilen: Gute und böse Worte, an denen man jeweils gute und böse Menschen erkennt.

Fazit: Wenn hier jemand ethisch versagt, dann die Sprachwissenschaftler, die ihr Expertenwissen dem Volk aus ideologischen Gründen vorenthalten, selbst wenn sie um Rat gefragt werden.

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2 Antworten zu Entgegnung auf Anatol Stefanowitschens „Gerechte Sprache und Sprachpurismus“

  1. Sanduhr schreibt:

    Bis vor kurzem habe ich gemeint, es gebe drei Glaubensgebiete: Religion, Politik und Ernährung. Aber es gibt noch ein viertes: die gerechte, politisch korrekte Sprache.

    Wer sich wie Stefanowitsch, Kopf und Flach auf dieses Thema kapriziert und alle mit einer anderen Meinung verhöhnt, lächerlich macht und diskreditiert, ist leider schon lange nicht mehr objektiver Wissenschaftler, da hier die Ideologie vor die Objektivität gestellt wird. Er handelt vielmehr wie ein Rechtsanwalt, der alle Argumente zugunsten seines Mandanten zurechtbiegt, und alle belastenden Argumente unterschlägt oder schönredet.

    Nur: beim Rechtsanwalt ist es von vornherein klar, dass er so handelt; beim Linguistikprofessor darf man anderes erwarten.

  2. Pingback: Die Antiphysik der Sprachideologie (oder: Privater und öffentlicher Gebrauch der Unvernunft – oder: Von der Ästhetik in der Linguistik – oder: Fundierte Argumente gegen das verallgemeinernde Femininum – oder: Vom Fallobst in der Linguistik) | FURO

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