Sprachideologin Kristin Kopf erklärt Grammatikpannen zu Sprachwandel

Nachdem ich gerade vor ein paar Tagen darüber geschrieben habe, wie und warum die Sprachdarwinisten verbreitete Lernfehler bei Grammatik und Rechtschreibung zu natürlichem  Sprachwandel umdeuten, liefert jetzt die Sprachideologin Kristin Kopf wie auf Bestellung ein Beispiel für dieses Denkmuster.

Ausgangspunkt ist ein harmloser Wissenstest zum Thema Sprachwissenschaften bei ZEIT-Online, ein Test von der Sorte, wie sie zu hunderten im Netz zu finden sind, und die eigentlich bloß als gleichzeitig unterhaltsames und lehrreiches Quiz fungieren, um Leser anzulocken. KK stellt zutreffend fest, dass die Fragen nicht viel mit Sprachwissenschaften zu tun haben (sondern eher mit allgemeiner sprachlicher Bildung). Dabei hätte sie es bewenden lassen können. Doch nein, sie erklärt in maßloser Übertreibung die ZEIT-Redaktion gleich zum FEIND.

Die ZEIT-Redaktion hat sich nämlich erlaubt, die Phrase Der Fluch des Judaskelch als grammatisch fehlerhaft zu werten, weil an Judaskelch das Genitiv-s fehlt. Für KK Anlass zu Hohn und Spott, da es sich beim Wegfall des Wes-Fall-s um ein aktuelles Sprachwandelphänomen handele, an dem die ZEIT sogar selber beteiligt sei, ohne sich dessen bewusst zu sein. Weil DER FEIND aber dem Volk das überkommene Genitiv-s weiterhin aufzwingen will, stellt er sich angeblich gegen den Sprachwandel, will in unterdrückerischer Manier die freie grammatische Entfaltung des Volkes behindern etc. Ja, die ZEIT ist wirklich ein erzkonservatives und ultrarechtes Blatt, und die Redaktion besteht nur aus alten weißen männlichen Katholiken. (Nicht.)

DER FEIND muss natürlich sofort mit dem spitzen Schwert der wissenschaftlichen Argumentation bekämpft werden. Und so versucht KK zu belegen, dass das Genitiv-s in der freien Volkssprache dem Untergang geweiht sei. Na zumindest bei Personennamen, aber das gilt schon lange. Und bei Eigennamen so tendenziell. Und bei manchen Fremdwörtern. Und bei fremdsprachlichen Eigennamen. Aha. Aber wo bleiben die ganz normalen deutschen Wörter? Von den 24 Beispielen, die KK einschließlich der Kommentare bringt, betrifft kein einziges ein ganz normales deutsches Wort.

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Betrachten wir nun die angeblichen Belege genauer.

Der Fluch des Judaskelch (Filmtitel)

Das Kelch in Judaskelch tritt, obwohl es aus dem Latein stammt (calix), als normales deutsches Wort auf, weil es phonologisch assimiliert wurde und nicht mehr als Fremdwort zu erkennen ist. Von daher sollte man eine normale Flexion erwarten. Doch aus mindestens drei Gründen könnte sich hier ein Fehler eingeschlichen haben. Erstens ist Judas ein Personenname, d.h. eine spezielle Form des Eigennamens, und die Verbindung von Judas und Kelch suggeriert einen individuellen Begriff. In der Tat kann es nur èin Exemplar des Judaskelches geben, und in der Welt der Phantasie (Filmtitel!) können Tiere und sogar Dinge den Rang von handelnden Personen einnehmen, womit deren individuelle Benennung einem Personennamen gleichkommen kann. Auch von der Logik her kommt nach Fluch des… der Name des Wesens, das den Fluch ausgesprochen hat. (Ein Titel wie Fluch des Verlangens ist in diesem Sinne eine Anomalie.) Wahrscheinlich haben sich die Schöpfer des Filmtitels aber keine großen Gedanken um die Logik gemacht, denn dass der Judaskelch den Fluch selbst ausgesprochen hat, ist unwahrscheinlich – aber Hauptsache, der Titel klingt gut. Damit sind wir beim zweiten Punkt: Es handelt sich um einen Filmtitel, und bei solchen nehmen die Kreativen künstlerische Freiheit für sich in Anspruch, die sie auch schon mal auf die Grammatik ausdehnen. Drittens könnte es sich hier auch schlicht um eine Interferenz beim Übersetzen handeln: Curse of the Judas Chalice hat kein Genitiv-s. Eine Interferenz könnte auch mit Der Fluch des Pharao vorliegen, einem bekannten Mem. Auch Pharao kann als Eigenname oder Personenname missgedeutet werden. Es sprechen also gleich mehrere Gründe dagegen, die Phrase als Beleg für aktuellen Grammatikwandel zu werten. Ob man sie als fehlerhaft einstufen muss, ist eine Frage davon, ob Judaskelch als Personenname zu verstehen ist, aber dazu müsste man sich den Film anschauen. Ich nehme an, weder die ZEIT-Redaktion noch KK haben das getan. Allerdings ist es sehr unwahrscheinlich, dass in dem Film Sätze vorkommen wie Judaskelch ist nicht mein Freund oder Hallo Judaskelch, heute schon geflucht? Von daher kann man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Filmtitelphrase fehlerhaft ist. Dass Personennamen mit vorangestelltem Artikel kein Genitiv-s bekommen müssen, wird die ZEIT-Redaktion sicher nicht anfechten. Im Gegenteil. Der Witz der Testfrage besteht ja gerade darin zu erkennen, dass Judaskelch eben kein Personenname ist, obwohl einer darin vorkommt! KK unterstellt hier der ZEIT-Redaktion mangelndes Verständnis des Zusammenhangs, obwohl gerade das Gegenteil der Fall ist.

Der große Lauschangriff des Boulevard

Boulevard ist hier nicht nur ein Fremdwort, sondern auch eine Kurzform von Boulevardjournalismus. Bei lateinischen Wörtern, die auf -us enden, ist man dazu übergegangen, das Genitiv-ses wegzulassen. Dies ist eine Ausnahmeregel für ein ganz bestimmte Wortgruppe. Möglicherweise hat der Autor die abweichende Flexion auf die Kurzform übertragen, weil er sie nicht mit der Endung des Wortes, sondern mit dessen Bedeutung in Verbindung brachte. Manchmal sind ja auch Flexionsmorpheme (bzw. deren Fehlen) an bestimmte Bedeutungen gebunden. In dem Falle würde es sich bei dem Beleg um eine Lernpanne handeln. Auf jeden Fall aber wird Boulevard hier nicht in seiner Grundbedeutung verwendet, und das Fehlen der Flexion bezieht sich deshalb nicht auf das Wort Boulevard allgemein, sondern stellt eine Ausnahme dar.

Des Punkrock / des Shareholder-Value / des Fracking / des Chat

Alles englische Fremdwörter, und zwar neueren Datums. Hier könnte es sich tatsächlich um ein aktuelles Phänomen handeln, das sich speziell auf neue Fremdwörter bezieht (s.u.). (OK Punkrock ist auch nicht mehr so neu, aber der Musikerjargon gehörte ja bereits in den 1970ern zu den sprachlich progressivsten.)

Des Shuttle

Fremdwort, das in Deutschland lange Zeit als Eigenname verstanden wurde. Shuttle bezog sich in den 1980ern im allgemeinen Sprachgebrauch immer nur auf die Space-Shuttles, so wie auch hier. Meist im Singular gebraucht, vgl. die Saturn V.

Des Internet

Fremdwort und Eigenname.

Des Josef

Personenname. Die normale Form der nachgestellten Besitzanzeige wäre allerdings von Josef, also mit Dativ. Die Form mit Artikel und Genitiv wird bei Personennamen nur dann verwendet, wenn über eine Person distanziert berichtet werden soll, z.B. weil sie dem Leser nicht persönlich bekannt ist. (Vgl. Leben und Wirken von Kristin Kopf vs. Leben und Wirken der Kristin Kopf.)

Des Dialekt

Im zitierten Text kommt sechsmal des Dialektes vor, einmal des Dialekts und einmal des Dialekt. Im selben Satz wie des Dialekt steht auch des Standards. Hier kann man vielleicht von Schludrigkeit sprechen, aber nicht von einem regelmäßigen Phänomen.

Des Minister für Landwirtschaft und Umwelt / des US-Gefangenenlager Guantánamo

Hier liegt wieder eine gewisse Nähe zu Eigennamen vor: Die Rede ist von einem bestimmten Minister und einem bestimmten Gefangenenlager.

Des Mississippi / des Orinoco / des Yangtse

Hierbei handelt es sich sowohl um Eigennamen als auch um Fremdwörter, und zwar solche aus exotischen Sprachen.

Des Getränkekühlschrank

Für diese Form finden sich im Internet nur sehr wenige Treffer, die letztlich auf etwa vier Quellen zurückgehen. In èiner fungiert Getränkekühlschrank als Teil eines Produktnamens. Bei Produktnamen werden Schreibweise und grammatische Anbindung häufig absichtlich verfälscht (Firma Superhypermegafrost baut nicht Getränkekühlschränke, sondern GetränkeKühlSchränke etc.). Bei weiteren Treffern stehen im jeweiligen Text auch Gastronomie Bedarf bzw. Hunde Bekleidung. Soll man solche Texte etwa als Quelle ernstnehmen?

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Alles in allem haben sämtliche Belegstellen wenn nicht mit Flüchtigkeitsfehlern, dann mit grammatischen Pannen der Autoren zu tun, wobei die Pannen systematisch mit der Problematik von Eigennamen, Fremdwörtern oder beidem zusammenhängen.

Die eine Pannenart besteht darin, die Klasse Eigenname über Gebühr auszudehnen und Regeln, die manche Unterkategorien von Eigennamen betreffen, auch auf andere zu übertragen. Es handelt sich also um grammatische Ungenauigkeiten. Eine Ungenauigkeit ist aber noch lange kein Wandel. Grammatische Ungenauigkeiten unterlaufen jedem Muttersprachler in unterschiedlichem Maße.

Die andere Pannenart beruht auf der Unsicherheit im Umgang mit Fremdwörtern. Grundsätzlich gehört zu jedem Wort auch eine Grammatik, und die ist naturgemäß von Sprache zu Sprache verschieden. Die Grammatik eines Fremdwortes ist deshalb im Normalfall mit der deutschen Grammatik inkompatibel. Somit muss èine Seite dran glauben: Entweder man zwingt dem Fremdwort die deutsche Grammatik auf, oder man macht für dieses Wort eine Ausnahme von der deutschen Grammatik (vgl. Zirkusse (Pl. dt.) vs. Boni (Pl. lat.). Übernahme der Fremdsprachengrammatik ist meist nur partiell möglich. In der Vergangenheit hat es im deutschen Sprachgebrauch je nach Epoche und Fremdsprache verschiedene Tendenzen gegeben, aber keine durchgängige Regelung. (Ach hätten die Deutschsprachigen doch mehr Sprachpflege betrieben.) Außerdem sind die fremdsprachlichen Grammatiken den meisten Deutschsprachigen unbekannt. Aus beiden Gründen herrscht bei Fremdwörtern Unsicherheit. Besonders deutlich sieht man das bei der Numerusbildung von Ethnonymen, bei denen nämlich häufig gar nicht klar ist, in welchem Numerus die übernommene Form steht. Aus Unkenntnis verwendet man dann für Sgl. und Pl. die gleiche Form (vgl. Taliban –> ein Taliban). Die Unsicherheit bei Fremdwörtern kann wiederum in eine Hyperkorrektur umschlagen, die darin besteht zu glauben, dass eine bestimmte grammatische Sonderbehandlung des Wortes der Fremdsprache gerecht werde, obwohl sie mit der Fremdsprachengrammatik gar nichts zu tun hat.

Möglicherweise zeigen manche Sprecher eine dementsprechende Tendenz, bei neuen oder exotischen Fremdwörtern das Genitiv-s wegzulassen, weil ebendies vermeintlich neu und exotisch wirkt. Da solcherlei aber nur Fremdwörter und die damit verbundenen Probleme betrifft, hat es nichts mit einem Grammatikwandel der deutschen Sprache zu tun.

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Ich kann zwar nicht ausschließen, dass es auch bei ganz normalen deutschen Nomen eine Tendenz weg vom Genitiv-s gibt. Ich vermag das nicht zu beurteilen, da mir genaue Daten fehlen. Aber was KK an Belegen auffährt, hat mit ernsthaftem Grammatikwandel nichts zu tun. Ihre Schüsse gegen die ZEIT-Redaktion sind Rohrkrepierer. Sie versucht trotzdem zwanghaft, in jede Abweichung von der Standardgrammatik einen Beweis für Sprachwandel hineinzuinterpretieren, weil sich laut ihrer Ideologie Sprache pausenlos ändern muss.

Wer den natürlichen Sprachwandel aber in Wahrheit aufhält, sind die Sprachideologen mit ihrer künstlichen feministischen Grammatik. Anstatt anzuerkennen, dass das männliche Genus im Plural mehr und mehr das weibliche ersetzt und für beide (Sexusse? Sexen? Sexi? Achnee, u-Deklination:) Sexūs steht, versuchen sie es zurückzudrängen.

PS: Offenbar war mir in der Überschrift zunächst eine kleine Grammatikpanne unterlaufen… 🙂

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Eine Antwort zu Sprachideologin Kristin Kopf erklärt Grammatikpannen zu Sprachwandel

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