Unser Wirtschaftswunder – die wahre Geschichte

In der ARD lief unter dem Titel Unser Wirtschaftswunder – die wahre Geschichte eine TV-Dokumentation, in der ein antideutscher Linksideologe versucht, den Deutschen einzureden, dass sie ihr Wirtschaftswunder nach dem zweiten Weltkrieg nicht sich selbst zu verdanken haben, sondern dem großzügigen Nachlass der halben Kriegsschulden durch die vormaligen Kriegsgegner, und dass sie deshalb nach moralischen Maßstäben nun im Gegenzug verpflichtet seien, den europäischen Krisenstaaten deren Schulden zu erlassen, anstatt von ihnen einzufordern, sich an deutschen Tugenden ein Beispiel zu nehmen und ihre Schulden abzuarbeiten. Der Autor Christoph Weber hat die eigentliche Botschaft ans Ende gesetzt und die 40 Minuten davor mit Pseudoargumenten gefüllt, die belegen sollen, dass das Wirtschaftswunder nicht auf deutschen Tugenden beruhte (wohingegen deutsche Untugenden im Spiel gewesen seien), sondern sich quasi ohne besondere Anstrengung der Deutschen aus den Zeitumständen ergab.

Dabei wirft der Autor unzulässigerweise Wirtschaftswunder (Wirtschaftswachstum) und Konsumwunder (Wohlstandswachstum) in einen Topf. Es mag sein, dass ohne Kriegsschuldennachlass der Wohlstand langsamer gewachsen wäre, weil ein größerer Teil des erwirtschafteten Vermögens ins Ausland hätte abgeführt werden müssen. Aber dadurch wäre nicht zwangsläufig das Produktionswachstum der Wirtschaft und das Wiedererstarken der Industrie aufgehalten worden: Statt der Deutschen hätten dann eben Ausländer das Geld gehabt, um deutsche Waren zu kaufen. Man kann auch davon ausgehen, dass das Ausland schlau genug war um zu begreifen, dass es nur dann Geld sehen würde, wenn die deutsche Wirtschaft floriert, weshalb man den Unternehmen genug Gewinne übriglassen musste, damit sie in Innovationen investieren konnten. Selbst wenn man die Deutschen dazu gezwungen hätte, in Naturalien zu bezahlen, hätte dies zumindest die Produktion angekurbelt und effiziente Strukturen geschaffen, sodass wichtige Grundlagen für eine leistungs- und konkurrenzfähige Wirtschaft gelegt worden wären. Letztlich wäre es nur darauf angekommen, dass aus der Belastung keine Überforderung wird, wofür weniger die Gesamtsumme als vielmehr die genehmigte Tilgungsdauer entscheidend ist.

Die Behauptung des Autors, dass es ohne Schuldennachlass kein Wirtschaftswunder gegeben hätte, ist also nicht erwiesen. Doch auch ganz unabhängig vom Schuldennachlass versucht er, das Wirtschaftswunder kleinzureden. Offenbar tut er dies, um zu beweisen, dass „deutsche Tugenden“ einer Wirtschaft auch nicht helfen könnten, weil sie eh nur Einbildung seien. Der Vorwurf an Krisenländer, dass ihre Wirtschaftsprobleme am Mangel an deutschen Tugenden lägen, wäre damit hinfällig, und als einziges Rettungsmittel bliebe der Schuldennachlass.

Soweit sind die Ansichten des Autors zwar unbewiesen, aber im Sinne des gesellschaftlich zu erduldenden Meinungsspektrums noch erträglich. Doch finden sich bei seinen Pseudoargumenten zur Entwertung des Wirtschaftswunders und in ihrer Beziehung zueinander zahlreiche Widersprüche, sodass man sich fragen muss, ob er davon ausgeht, dass das Gedächtnis seiner Zuschauer nicht von Anfang bis Ende der Sendung reicht. Offenbar ist er so blindwütig um antideutsche Miesmache des Wirtschaftswunders bemüht, dass seine Urteilskraft aussetzt. Ein rhetorischer und unwissenschaftlicher Trick, den er wiederholt anwendet, ist folgender: Er unterstellt allen Deutschen gewisse Ansichten und Überzeugungen und versucht dann, diese zu widerlegen. Allerdings handelt es sich dabei großenteils nur um Unterstellungen, weswegen die Widerlegungen ins Leere greifen. Wer aber dem Autor vertraut und seine Unterstellungen für Tatsachen hält, hat nun verzerrtes Bild von den Deutschen und von der Geschichte. Damit ist der Autor nur einer von zahl- und gewissenlosen linksideologischen Meinungsmachern, die mit immer wieder neuen Einfällen versuchen, die Geschichte zu fälschen.

Dem möchte ich durch diesen Kommentar entgegenwirken. Es folgen deshalb nun die einzelnen Pseudoargumente und Unterstellungen des Autors nebst Kritik derselben.

Deutschland zwingt anderen Ländern einen harten Sparkurs auf und erteilt ihnen Ratschläge: „Wenn ihr so fleißig seid wie wir nach dem Krieg, dann werdet auch ihr ein WW erleben.“

Deutschland zwingt niemandem etwas auf, sondern stellt nur Bedingungen für Hilfsleistungen. Zwang kann von Deutschland gar nicht ausgehen, sondern höchstens von der EU. Wenn die EU sich bei ihren Entscheidungen nach Vorschlägen der deutschen Regierung richtet, dann sind die dabei verantwortlichen Personen bei Weitem nicht identisch mit Deutschland.

Welche Rolle spielte der sprichwörtliche Fleiß der Deutschen? Waren die Deutschen fleißiger als andere? Nein: Fleiß ist weltweit ziemlich gleichmäßig verteilt. Deutsche haben nach dem Krieg nicht mehr gearbeitet als andere. WW/Rekordwachstum überall in Europa: D 8,5%, IT 6,3%, A 5,3%, F 5%. Trotzdem halten wir uns für fleißiger; Forschungserkenntnisse werden ignoriert.

Fleiß bemisst sich nicht allein durch die am Arbeitsplatz verbrachte Zeit. Man kann seine Zeit am Arbeitsplatz auch vertrödeln. Es waren früher zudem weniger die Deutschen selber, die sich für fleißig hielten – sondern dieses Klischee wurde von Ausländern erfunden, genauso wie das Klischee vom freundlichen Ami sicher nicht von den Amis selber stammt. Auch heute lese oder höre ich immer mal wieder Kommentare von Ausländern, die die Effizienz und Pünktlichkeit in der deutschen Arbeitswelt loben.

Bei den Wachstumszahlen ist leider der Zeitraum nicht angegeben, weswegen ich sie nicht beurteilen kann. Die Frage ist nämlich, was man alles zum WW zählt und ob man an diesem Begriff überhaupt festmachen kann, ob die Kernaussage stimmt, dass andere Länder sich ein Beispiel an der deutschen Wirtschaft nehmen sollten. Wenn nämlich zutrifft, dass es nach dem 2. WK in ganz Westeuropa einen Wirtschaftaufschwung gab, stellt sich doch erst recht die Frage, warum viele der Länder zurückgefallen sind. Wenn außerdem die Startbedingungen in Deutschland schwieriger waren, bedeutet gleiches Wachstum wie in anderen Ländern eine größere Leistung Deutschlands. Der Autor versucht deshalb als nächstes, die These der schwierigeren Startbedingungen zu widerlegen:

Es wurde und wird immer behauptet, dass Deutschland nach dem Krieg komplett in Trümmern lag. [Wochenschau:] „1945: Ganz Deutschland war ein Trümmerfeld … das Erbe der Hitlerzeit hieß totale Zerstörung.“ Doch die alliierte Bombardierung hat die Industrie-/Kriegsproduktion nicht maßgeblich beeinträchtigt; Deutschland war durch den Bombenkrieg keineswegs flächendeckend so verwüstet wie immer behauptet. [Albrecht Ritschl:] „Ich kenne das von meinen Studenten … doch Stadtränder und Kleinstädte waren nicht zerstört … es musste gar nicht von null aufgebaut werden … die Wochenschauen zeigen nur Ruinen … hätte man die Kameras umgedreht, hätte man intakte Vorstädte gesehen … der Anlagenpark nach dem 2. WK war größer als vorher … das war aber den Zeitgenossen nicht klar.“

Niemand hat je ernsthaft behauptet, dass ganz Deutschland komplett zerstört gewesen sei. Derartige Äußerungen, die sich möglicherweise wirklich in zahlreichen Texten finden, sind als rhetorische Dramatisierung zu verstehen, was den damaligen Zeitgenossen, die nicht mit unbedarften Studenten von heute zu vergleichen sind, aufgrund ihrer eigenen Erfahrung natürlich bewusst war. Ein hervorragendes Beispiel dafür liefert auch der zitierte Wochenschautext. Der Hinweis, dass die „totale Zerstörung“ das „Erbe der Hitlerzeit“ gewesen sei, legt nahe, dass durch den Wochenschaubericht die Deutschen nicht als Opfer gemeiner Bombardierungen hingestellt werden sollten, sondern als Täter, die sich die Zerstörung selbst zuzuschreiben hatten. Um die doch wohl nicht zu kritisierende Botschaft eindringlicher zu machen, wurde eben dramatisiert. Dass ein Linksideologe hier versucht, eine offenbar antifaschistische Belehrung als Beleg für revisionistische Propaganda zu verkaufen, ist ein mieses Spiel. Es ist auch absolut lächerlich, der Nachkriegsbevölkerung zu unterstellen, sie hätte sich durch Wochenschaufilme und Photographien einreden lassen, in einem total zerstörten Land zu leben, während um sie herum noch fast alles intakt gewesen sei – als ob die Leute damals keinen Verstand im Kopf gehabt hätten. Gerade heutige Journalisten – die meist linksgerichtet sind – übertreiben maßlos, wenn es um die Beschreibung von Gewalt und Zerstörung geht. Wenn irgendwo ein paar Jugendliche einige Autos abfackeln, ist gleich die Rede von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“, eine kaum messbare Erwärmung der Atmosphäre ist eine „Klimakatastrophe“ usw. Der Autor selber übertreibt ja in einer Tour. Wie kann er anderen vorwerfen, was er selber ständig tut?

Doch nicht nur, dass der Autor den Deutschen unterstellt, sie würden behaupten, dass Deutschland komplett zerstört gewesen sei, nein, er selber postuliert nun, es sei fast gar nichts zerstört worden – nur um die vermeintliche Lüge möglichst groß aussehen zu lassen. Und wenn nichts kaputt war, dann musste auch nichts wieder aufgebaut werden, und dann gab es auch kein Aufbauwunder, dass es zu würdigen gilt und an dem man sich ein Beispiel nehmen kann – so seine Logik.

Dass der „Anlagenpark“ nach dem zweiten Weltkrieg größer war als vorher, mag durchaus zutreffen. Schließlich wurde für den Krieg massiv investiert. Insofern kann diese Behauptung selbst dann stimmen, wenn ein Großteil der Rüstungsanlagen zerbombt wurde. Doch was der Autor mit keinem Wort erwähnt (es sei denn, ich habe etwas überhört), ist die Demontagepolitik der Siegermächte, besonders der Sowjetunion in der DDR.

Überhaupt muss man bedenken, dass die BRD heute alle Lasten tragen muss, die durch den verhinderten Fortschritt in der DDR entstanden sind, deren Existenz durch die SU allein erzwungen wurde. Das Wirtschaftswunder fand schließlich nur in Westdeutschland statt. Die 40-jährige Existenz der DDR hat Deutschland mit Sicherheit mehr finanzielle Verluste zugefügt, als bei Nichterlassung der Kriegsschulden entstanden wären. Das diktatorische Regime der DDR kann jedoch nicht einmal als gerechte Bestrafung für den Krieg angesehen werden. Im Übrigen hat sich die SU ja noch weitere Gebiete geholt (wenn auch zum großen Teil indirekt über Polen), deren Annexion als Reparation gerechnet werden muss, und die zusammen etwa so groß waren wie ganz Griechenland!

Über das Ausmaß der Zerstörungen (und die Folgen der Demontage) kann man sich in zahlreichen Quellen kundig machen und wird dann sehen, dass es keineswegs so vernachlässigbar gering war wie vom Autor behauptet. Doch dabei geht es mir gar nicht um die Frage, ob der schnelle Wiederaufbau ein Wunder war oder nicht, sondern darum, dass es geradezu zynisch ist so zu tun, als hätte man Deutschland erobern und zur bedingungslosen Kapitulation zwingen können, ohne nennenswerte Personen- und Sachschäden zu verursachen, während der Hauptvorwurf der Linksideologen gegen den Iraqkrieg der USA stets die Kollateralschäden waren.

Kam der Wohlstand mit der DM und war Ludwig Erhard dafür verantwortlich? Das „Konklave“ der deutschen Währungsexperten war nur zum Schein: Die Amis hatten schon alles entschieden. [Bernd Niesel:] „Die Deutschen hätten einen Misserfolg den Amis zugeschrieben, haben aber den Erfolg für sich verbucht. Die Amis haben heimlich Geldscheine gedruckt und nach Deutschland verschifft.“ LE saß nicht einmal im Konklave und hat von der WR kaum früher als die Bevölkerung erfahren Doch er nutzte die Gunst der Stunde und wandte sich in einer Radioansprache als erster an das deutsche Volk. [LE:] „…ein fleißiges Volk mit harter Arbeit trotz aller Widrigkeiten wieder zu neuer Wohlfahrt kommen kann.“ Als sich am Tag nach der WR die Schaufenster wieder mit Waren füllten, erlebten die Deutschen das als ihr Wunder. Doch sie jubelten dem Falschen zu. LE strickte weiter an seiner Legende. Er verkündete stolz, er habe sich gegen die Anweisung der amerikanischen Militärregierung durchgesetzt, als er die Preisbindung aufheben ließ. [Peter Sichel:] “LE could not have done this without allied headquarters.” LEs Bedeutung für die WR war allenfalls zweitrangig. Aber wie bedeutend war die WR für das WW? [Peter Sichel:] “It was only after the currency reform that people started to work. Without it we would not have had a WW.“ Langsam wird mir klar, dass es die Amerikaner waren, die nach dem Krieg die wirtschaftlichen Weichen in Westdeutschland stellten.

Der Autor behauptet, dass zwar die Währungsreform entscheidend für den Wirtschaftsaufschwung war, jedoch weder Ludwig Erhard noch Deutsche überhaupt sie mitgestaltet hätten. Der Erfolg der WR sei also nicht den Deutschen, sondern den Amerikanern zu verdanken.

Das mag alles stimmen. Jedoch hat niemand von den Krisenländern verlangt, sie sollten sich die WR zum Beispiel nehmen. Dem Autor geht es nur darum, die Deutschen möglichst blöd aussehen zu lassen: Alle guten Ideen stammten angeblich von den Amis, und die Deutschen seien gar nicht so wirtschaftskompetent wie sie glauben. Allerdings war ja die WR gar nicht das WW, sondern nur notwendige Voraussetzung dafür. Und allein aus der Tatsache, dass die WR amigesteuert war zu schließen, dass die Deutschen nur Blender sind, ist schon ziemlich weit hergeholt.

Was den Ludwig-Erhard-Kult angeht, so wird er hauptsächlich vom CDU-Lager gepflegt und ist Teil der üblichen Parteipropaganda; so etwas gibt es ja auch in Form des Willy-Brandt-Kults bei der SPD.

Der Marshall-Plan wurde von der Bevölkerung als Segen empfunden. Warum aber waren die Amis so großzügig? [Peter Sichel:] „Sonst wären die Westeuropäer Kommunisten geworden, nicht weil sie uns leidtaten.“ [Werner Abelshauser:] „Der MP war mehr Propaganda als Taten. Die Amerikaner wollten Rohstoffe absetzen. Sie lieferten Baumwolle und Tabak, keine Wiederaufbaugüter wie Maschinen. Der MP war auf wirtschaftlichem Gebiet nicht wichtig.“ Der MP war unbedeutend. Selbst in der Schule hat man uns noch Legenden beigebracht.

Warum soll die „wahre“ Motivation des Marshall-Plans hier eine Rolle spielen? Da fällt mir nur èine Interpretation ein: Der Autor meint, wenn die Siegermächte uns das WW eigentlich gar nicht aus echter Zuneigung gegönnt haben, dann haben wir es auch nicht verdient, und deshalb zählt es nicht als Eigenleistung. Das ist schon ein ziemlich krummer Gedankengang, dem wohl kein vernünftiger Mensch folgen dürfte. Unverständlich ist auch, warum hier Legendenbildung durch schönfärberische US-Propaganda den Deutschen angelastet werden soll.

Aber was war es dann, das den ungeheuren Buhm auslöste? Top-Unternehmen aus dem Osten flüchteten in den Westen und brachten ihre Top-Leute mit. Es waren die Flüchtlinge und Vertriebenen, die das WW ermöglichten, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt. Der Osten blutete aus. Der Westen musste dafür nicht einmal investieren.

Was der Autor hier als ketzerische Enthüllung verkauft, ist ein so alter Hut, dass er inzwischen schon wieder vergessen wurde. Im Jahre 1959 erschien ein Buch namens Grenzen des Wunders, das sich mit den wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen Nachkriegsdeutschlands auseinandersetzte. Das erste Kapitel beginnt mit dem Satz: „Das deutsche Wirtschaftswunder ist weder ein Wunder, noch hat es mit Wirtschaft zu tun.“ Im weiteren Verlauf des Kapitels steht: „Ehemalige Flüchtlinge … halfen … Westdeutschlands Wirtschaft aufbauen. Sie brachten die Arbeitsmethoden, die Betriebsgeheimnisse und die Handelsverbindungen aus der feindlichen Außenwelt mit.“ Das Buch enthält bereits wesentliche Thesen von Christoph Weber (z.B. auch das Fleiß-Argument), obwohl der deutschamerikanische Buchautor sich zuvor vom Linksideologen zum amerikanischen Falken gewandelt hatte, und erreichte damals eine Auflage von 100 000 Exemplaren, was ein großes Medienecho und öffentliche Diskussionen impliziert. Es kann also keine Rede davon sein, dass die wichtige Rolle der Vertriebenen für das WW weitgehend unbemerkt blieb.

Aber warum überhaupt sollten die Vertriebenen die Bedeutung des WW schmälern? Waren sie etwa kèine Deutschen? Ungerechtfertigte Legendenbildung wird höchstens von den südlichen Bundesländern verübt, die vom Flüchtlingszustrom am meisten profitiert haben, sich aber gegenüber anderen deutschen Regionen für aus eigener Kraft überlegen halten.

Weiterhin widerspricht sich der Autor hier selbst, wenn er plötzlich doch von einem „ungeheuren Buhm“ spricht, obwohl der ja laut dem Anfang seiner Argumentation gar nicht stattgefunden haben sollte.

1950 explodierte der Export, der erstmalig den Import übertraf. Grund war der Korea-Krieg. Die Deutschen hatten noch Kapazitäten frei, da Ihnen die Herstellung von Maschinen zur Rüstung [nicht Rüstungsbau selbst!] vorher verboten worden war.

Wieder kommt der Autor mit der Moralkeule, nach dem Motto Für das deutsche WW mussten Millionen Koreaner sterben, also hätte es gar nicht stattfinden dürfen (kein Zitat). Allerdings wagt er nicht einmal zu behaupten, dass die Deutschen Waffen geliefert hätten. Das wäre auch schlecht möglich gewesen, denn den Waffenbau hatten die Siegermächte zu jener Zeit ja verboten. Nein, lediglich von „Maschinen zur Rüstung“ ist die Rede – was auch immer das heißen mag. Doch an wen hätten diese geliefert werden müssen und wer hätte sie nötig gehabt? Ein Blick auf den englischen Wikipedia-Artikel zum Koreakrieg zeigt, dass auf der westlichen Seite Südkorea 602.902 Mann, die USA 326.863 Mann, das VKGBNI 14.198 Mann, Kanada 8.123 Mann und der Rest der Welt nur etwa 20.000 Mann gestellt hat. Dass Deutschland in riesigem Umfang Maschinen und/oder Rohstoffe direkt an das gerade in Schutt und Asche versinkende Korea um den halben Globus geschickt hätte, ist sowohl logisch als auch logistisch unglaubwürdig. Und will jemand ernsthaft behaupten, dass die anglokulturellen Siegermächte, die in Deutschland nach Belieben Besatzungstruppen aufstellten und die größte Kriegsmaschinerie aller Zeiten unterhielten, es damals nötig gehabt hätten, vom besiegten Feind Maschinen zur Rüstung zu kaufen?

Zwar bestätigt der Wikipedia-Artikel zum Korea-Buhm die These. Jedoch findet sich dort auch ein Hyperlink zu einer Forschungsarbeit, in der sie als krasse Fehleinschätzung eingestuft wird. Der Aufwärtssprung in der Exportkurve zum Zeitpunkt des Koreakrieges, der auf der Graphik in der TV-Doku vergrößert dargestellt wird, erweist sich in der Forschungsarbeit bei weiterer Perspektive nur als kleiner Buckel.

Warum wurde gerade die Autoindustrie zum Motor des Wirtschaftsaufstiegs? [Carl Hahn:] „VW hat sein Erfolgsrezept aus USA kopiert, die Erfahrung mit Massenproduktion hatten, und rückkehrende Deutschamerikaner akquiriert.“ [Albrecht Ritschl:] „Die ersten Werke von Ford, Opel, VW waren vollständig mit US-Maschinen ausgerüstet.“ Bei VW setzte man auf nur èin Auto zur Senkung der Herstellungskosten. Der Käfer war nicht gut und nur erfolgreich, weil er billig war. Er sollte für den Krieg billig produziert werden, um den Nachschub zu sichern. [Lutz Budras:] „Die deutsche Industrie hat im Krieg gelernt, schlecht zu werden, weil die Kriegsmaschinen nur kurze Lebensdauer hatten, bis sie abgeschossen wurden.“ Mindere Qualität zu unschlagbar günstigen Preisen war ein Erfolgsrezept der dt. Industrie im Krieg und blieb es in weiten Teilen auch danach. Nicht mit Spitzentechnologie eroberte man den Weltmarkt, sondern mit erschwinglicher Massenware. VW wäre nie so erfolgreich geworden, hätte man nicht auf den Massenmarkt gesetzt.

Der Autor versucht hier wieder, die Eigenleistung der deutschen Wirtschaft kleinzureden und zu behaupten, dass sie von den Deutschen bisher legendenartig überschätzt worden sei. Dabei stellt er auch wieder Banalitäten und Allgemeinwissen als revolutionäre Enthüllungen dar: Hat denn wirklich irgendjemand ernsthaft geglaubt, der VW Käfer könne es mit einem Mercedes aufnehmen? Den möchte ich sehen. Doch auch ein billiges Auto verkauft sich nicht, wenn es nicht gut ist – es sei denn, es gibt keine Konkurrenz. Der Käfer jedoch hat sich auf dem Weltmarkt durchgesetzt. Aber was in Gottes Namen soll daran negativ sein, auf den Massenmarkt zu setzen? Linksideologen wollen doch Motorisierung für alle, oder etwa nicht? Und was soll daran schockierend sein, dass Ford und Opel amerikanische Maschinen einsetzten? Weiß der Autor denn nicht, dass es sich um amerikanische Unternehmen handelt? Schließlich setzen deutsche KFZ-Hersteller in ihren ausländischen Fabriken heute ja auch deutsche Maschinen ein. À propos Abgucken vom Ausland: Wo wäre Japan heute, wenn es nicht vom Westen hätte lernen können?

Irre auch die These eines Experten, dass sämtliche „Kriegsmaschinen“, also Waffen, auf billig gebaut worden seien, weil man mit der baldigen Zerstörung rechnete. Es kommt ganz auf die Waffenart an. Bomben werden natürlich zum Explodieren gebaut. Aber Panzer werden dazu gebaut, um Explosionen zu überstehen, zumal sie Menschen beherbergen. Und die deutschen Panzer wurden im Lauf des Krieges immer besser. Aber das spielt hier eh keine Rolle, da der Urtyp des Käfers gar nicht als Militärfahrzeug konzipiert war, sondern als Volkswagen, und zwar bereits vor dem Kriege. Außerdem wurden ja auch die Industrien der meisten bedeutenden anderen Länder auf Kriegsproduktion eingestellt.

Heinrich Nordhoff, unumschränkter Herrscher von VW, war dafür verantwortlich. Er konnte seine Karriere nach dem Krieg nahtlos fortsetzen, wie alle aus „Speers Kindergarten“. Sie hatten Zwangsarbeiter herumkommandieren können (Arbeitszeiten 72h) und waren unendliche Machtausübung gewohnt. Die Arbeitsorganisation verlief nach dem Führerprinzip. Deutsche Ingenieure waren viel billiger als englische, denn sie brauchten neue Stellen, nachdem die Rüstungsindustrie zugrunde gegangen war. Das Schlaraffenland für Unternehmer – hochqualifizierte Arbeitskräfte zu niedrigen Lohnkosten – war späte Frucht von Krieg und Diktatur. Es war die besondere Kombination aus machtbewussten Managern und unterwürfigen Belegschaften, die dt. Unternehmen nach dem Krieg großmachte. [Werner Abelshauser:] „Das WW hat Bedingungen geschaffen, die eigentlich Unternehmer überflüssig gemacht haben. Unternehmerisches Talent war nicht notwendig, da die Märkte immer aufwärts gingen.“ Das WW lief wie von selbst. Riesige Gewinne führten zu schnellen Investitionen.

Es ist wieder das gleiche Lied: Der Autor kommt mit der Moralkeule, unterstellt den deutschen schlechten Charakter, erklärt ganz normale Wettbewerbsvorteile zu unlauterem Wettbewerb und verstrickt sich in Widersprüche:

Gerade eben hieß es noch, die Deutschen waren nicht fleißiger als andere. Aber nun wird behauptet, sie mussten schuften wie Zwangsarbeiter. Wie passt das zusammen? Und wenn man aus der Not heraus jede Stelle annimmt: Was hat das mit Unterwürfigkeit zu tun? Welche Art von Unterwürfigkeit soll es in der KFZ-Industrie überhaupt geben, wenn es die Bereitschaft zu Überstunden schon nicht sein kann? Despotische Scheffs gibt es überall, auch ohne vorherigen Krieg. Und auch in Japan und den USA wurden ganze Jahrgänge von späteren Wirtschaftslenkern im Krieg oder der Kriegswirtschaft „gestählt“.

Dass in Zeiten der Vollbeschäftigung auch bescheidenere Talente unternehmerischen Erfolg haben können, ist ebenfalls eine Binsenweisheit. Es ist aber Quatsch zu behaupten, dass unternehmerisches Talent überflüssig war. Vielmehr haben damals die großen Talente die Freiheit gehabt, ein Wirtschaftsklima zu schaffen, von dem auch die beschränkteren profitieren konnten. Heute dagegen werden die unternehmerischen Freiheiten in Deutschland immer weiter eingeschränkt, sodass immer mehr Talente abwandern. Außerdem: Wenn unternehmerisches Talent überflüssig war, warum war es dann für den Aufstieg von VW entscheidend, dass das Unternehmen einen charismatischen Scheff hatte?

Waren alle Deutschen Gewinner des WW, wie es immer erzählt wurde? Arisiertes Unternehmen Rosenthal: [Jürgen Lillteicher:] „Man hat mit vorgeschobenen Argumenten versucht, die Rückgabe zu verhindern. Ludwig Erhard hat sich an die Amerikaner gewandt, sie „im Interesse der Wirtschaft“ zu verhindern. Warum? Er hatte einen gutdotierten Beratervertrag mit der Firma, wurde also gekauft. [Peter Sichel:] „Lack of character, greed.“ Waren auch andere Politiker bereit, die Moral über Bord zu werfen, nur um das WW nicht zu gefährden? Damals stellten die Deutschen keine Fragen, sondern pflegten lieber die Legende vom Fleiß.

Zum Schluss nochmal ein deftiger Schlag mit der Moralkeule. Aber dieser Versuch, aus kapitalistischen Besitzstreitigkeiten um ein einzelnes Unternehmen mittels einer rhetorischen Frage abzuleiten, dass das WW ohne ein generelles moralisches Versagen deutscher Politiker (nicht einmal Unternehmer) nicht möglich gewesen wäre, rutscht ins Beleidigende ab:

Laut dem Autor hat die deutsche Nachkriegsgeneration wirtschaftlich nicht mehr geleistet als die in anderen Ländern auch, doch gelang ihr dies nur mit Hilfe von übelsten Nazi-Methoden!

Die deutschen Arbeitskräfte schaffen es also nur dann, so produktiv zu sein wie etwa die französischen, wenn sie auf Nazi-Methoden zurückgreifen? Ja geht’s noch?

Die Kriegsschuldenlast betrug 30 Mrd. DM = unfassbare 500 Mrd. Euro. Auf der Londoner Schuldenkonferenz wurde 1953 die Hälfte aller Schulden erlassen. [Albrecht Ritschl:] „Ohne dies wäre die Situation ähnlich wie heute in Griechenland und Portugal gewesen.“ Alle Länder, die von D ausgeplündert worden waren, verzichteten auf Reparationen, „weil die Amerikaner ihnen die dt. Waren (Maschinen, Lokomotiven) schmackhaft machten. Man müsste einfach nur die deutsche Kriegsmaschinerie zivilisieren. Da wird zwar dann irgendeinem deutschen Vermögenskonto etwas gutgeschrieben, aber ob das dann auf die Dauer wirklich geleistet und bezahlt wird, das kann man ja erst mal sehen, das ist dann ein Problem der Zukunft. Ihr kriegt also von Deutschland mehr, als ihr nach Deutschland liefern müsst. Und dieses Spiel spielen wir jetzt seit 60 Jahren.“

Nun, so unfassbar ist die Summe von 500 Mrd. Euro gar nicht, folgt man unseren modernen Ideologen: Sie entspricht ungefähr den Gesamtkosten der Energiewende. Seltsam, dass Deutschland diese Summe angeblich stemmen kann, wenn es um das Ökowunderland geht, nicht aber, wenn es um das Wirtschaftswunder geht. Noch ein paar weitere Relativierungen: Die Hälfte von 500 Mrd. Euro ist immer noch 250 Mrd. Euro. Wäre das die ursprüngliche Summe gewesen, hätten die Kritiker wahrscheinlich ebenso gesagt, sie wäre nicht zu bewältigen gewesen. Die ursprüngliche Summe war sowieso willkürlich. Genauso könnte man sagen, eigentlich war schon sie viel zu hoch oder zu niedrig.

Deutschland hat vor allem mit Gebietsverlusten bezahlt: 20% des Staatsgebiets. Wenn man das in Geld umrechnen würde… Die Griechen können sich ihren Teil deshalb gerne von den Rechtsnachfolgern der SU holen.

Das eigentlich Unfassbare ist hier aber die Aussage des Wirtschaftshistorikers Albrecht Ritschl. Sie ist so unfassbar, dass ich selber sie erst nach mehrmaligem Hören überhaupt begriffen habe: Albrecht Ritschl ist doch tatsächlich der Meinung, dass es von Anfang an von der Siegermacht USA so geplant war, dass diejenigen Länder, die beim Londoner Schuldenabkommen auf Reparationen verzichteten, sich diese etliche Jahrzehnte später durch Ätschibätsch-Nichtbezahlung ihrer Schulden bei Deutschland zurückholen!

Das nenne ich mal eine schöne Verschwörungstheorie. Allerdings ist sie als Verschwörung der Guten zu verstehen. Albrecht Ritschl findet nämlich, dass es moralisch absolut gerechtfertigt und völlig in Ordnung ist, wenn die Deutschen von ihrer Schutzmacht seit 60 Jahren über den Tisch gezogen werden. Denn jedes Mittel ist Linksideologen recht, wenn es darum geht, die Deutschen für ihre Nazi-Verbrechen zu bestrafen. Schließlich nehmen sie keine Rücksicht auf ihr eigenes Volk, wie es für fanatische Ideologen typisch ist.

Das WW war nur möglich, weil andere Länder uns unsere Schulden erließen und auf Reparationen verzichteten. Und die Amerikaner stellten die entscheidenden Weichen aus Angst vor Übergreifen des Kommunismus. Alles andere ist nur Legende.

Dazu noch ein paar Relativierungen:

Die Griechen berechnen für ihre heutigen Reparationsforderungen die Zinsen mit ein. Nach neuestem Stand der Linksideologie ist die Zinswirtschaft aber böser Kapitalismus und mitverantwortlich für die Finanzkrise. Doch die damaligen zerstörten Sachwerte wären ohne Zinsaufschlag nach heutigen Maßstäben nicht viel wert.

Was die Plünderung archäologischer Schätze angeht: Der Markt für diese wurde durch die deutsche Faszination an der Antike erst geschaffen.

Außerdem sind die Krisenländer diejenigen, mit denen Deutschland Gastarbeiterverträge geschlossen hat. Durch die Überweisungen der Gastarbeiter in ihre Heimat haben diese Länder bereits hervorragend vom WW profitiert.

Und hier die nach meiner Kenntnis wahren Ursachen für das WW:

  • Bevölkerungswachstum (Vertriebene und Geburtenrate)
  • Wiederaufbau
  • Struktur der deutschen Wirtschaft (Mittelstand, breite Angebotspalette)
  • allgemeiner technischer Fortschritt

Wenn es aber eine Sache gibt, in der ich mit dem Autor übereinstimme, dann ist es die Ansicht, dass „deutsche Tugenden“ einer geschwächten Wirtschaft wie der griechischen nicht mehr helfen können. Siehe dazu hier:

Benutzen Sie den Euro, solang‘ es ihn noch gibt (Über die wahren Ursachen der Griechenlandkrise)

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Eine Antwort zu Unser Wirtschaftswunder – die wahre Geschichte

  1. Ludwig schreibt:

    Du Nazi!

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