Stefanowitsch isst (ein) Berliner

Anatol Stefanowitsch hat sich im Sprachlog unter dem Titel Ich bin ein Sprachmythos zum wiederholten Male mit der Frage beschäftigt, ob J. F. Kennedy sich mit seinem Bekenntnis Ich bin ein Berliner zum Gebäck der Welt gemacht hat oder nicht.

Laut der Legende ist der Satz Ich bin ein Berliner nur dann grammatisch richtig, wenn er von einem Berliner Pfannkuchen geäußert wird. Aus dem Munde eines Menschen müsse es heißen Ich bin Berliner.

Stefanowitsch bemüht sich ausnahmsweise ohne Ideologie (dafür mit umso mehr Eitelkeit) zu begründen, warum hier ein oder nicht ein keine Frage von essen oder gegessen werden ist (vgl. Überschrift), sondern eine Frage der Gruppenzugehörigkeit. Wenn das Prädikatsnomen eine „allgemein anerkannte Gruppe“ bezeichne, verzichte man auf den Artikel. (Sind Sprachideologen eigentlich eine allgemein anerkannte Gruppe? Heißt es also Stefanowitsch ist Sprachideologe oder doch nur Stefanowitsch ist ein Sprachideologe?) Vorsicht: Eine Teilgruppe einer anerkannten Gruppe kann wiederum nicht-anerkannt sein.

Da Stefanowitsch es sich mit den Kennedy-Fäns nicht verscherzen will (hier muss er sich zügeln, denn JFK war ja immerhin ein mächtiger, christlicher, weißer, gebrechlicher (i.S.v. alter) und vor allem Frauen auf ihren Körper reduzierender Mann), versucht er nun zu beweisen, dass JFKs Satz korrekt war, obwohl es sich bei den Berlinern um eine anerkannte Gruppe handelt. Das geht natürlich nicht, ohne die Logik zu verbiegen.

Stefanowitsch tut zu diesem Zweck so, als würde die Tatsache, dass Kennedy in seiner Rede nur auf einen Teil aller Berliner Eigenschaften abzielte (die Freiheitsliebe), grammatisch den gleichen Effekt haben, als hätte er nur eine nicht anerkannte Teilgruppe der Berliner gemeint. Diese Argumentation ist nicht nachzuvollziehen. Teil der Eigenschaften einer Gruppe ist nicht identisch mit Teilgruppe. Also warum sollten zwei nichtidentische Konzepte zwangsläufig identische grammatische Konsequenzen haben? Und unabhängig davon: Warum sollten die freiheitsliebenden Berliner nicht anerkannt sein? Stattdessen meinte Kennedy es umgekehrt (haha, umgekehrt mal wieder): Die Berliner sind eine Teilgruppe aller Freiheitsliebenden. Und alle Freiheitsliebenden identifizieren sich laut ihm mit dieser Teilgruppe, erkennen sie also in höchstem Maße an.

Zuvor vermerkt Stefanowitsch, Kennedy wollte „ja aber eben nicht behaupten, dass er einen Wohnsitz in Berlin habe oder dass er – ohne dass die Welt bislang davon wusste – eigentlich in Berlin zur Welt gekommen sei. Genau das aber würde ‘Ich bin Berliner’ bedeuten.“ Die Grundbedeutung von Ich bin Berliner ist Ich bin Bürger Berlins, mit Wohnsitz und allem. Und was sagte Kennedy? „All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin.” Also: Alle freien Männer [damals durfte sich ein US-Präsi noch generisches Maskulinum erlauben], wo sie auch leben mögen, sind Bürger Berlins. Schon vorher in der Rede hat Kennedy den Satz Ich bin ein Berliner sogar mit Civis Romanus sum gleichgesetzt. Aus Kennedys Rede lässt sich also gleich zweifach ableiten, dass es ihm sehr wohl um die Identifikation mit vollen Bürgerrechten ging und nicht nur um eine bestimmte Eigenschaft.

Die Gruppentheorie taugt also nicht als Begründung, warum der Artikel ein in Kennedys Satz in Ordnung geht. Nach meiner Auffassung ist es eher eine Frage des Registers bzw. der Textsorte. Ich bin (ein) Berliner ist in diesem Sinne zu vergleichen mit Ich bin (der) Anatol: Mit Artikel klingt es kumpelhafter, passt aber nicht ins Verwaltungsdeutsch.

Zum Glück stellt sich die Artikelfrage nur im Singular. Sonst würden wir wahrscheinlich heute noch darüber diskutieren, ob es am 11.9.2001 grammatisch korrekt war zu sagen: Heute sind wir alle Amerikaner.

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