Sprachliche Formenlehre für Stefanowitsch-Gläubige (oder: Steckt der Professor in der Professorin?)

Anatol Stefanowitsch hat im Sprachlog unter dem Titel Sprachliche Mengenlehre für Anfänger einen Artikel veröffentlicht, in dem er allgemeine Auffassungen über das generische Maskulinum scheinbar widerlegt.

Die allgemeine Auffassung ist, dass das generische Maskulinum das semantische Femininum miteinschließt.

                Ein Professor sollte seine Leser aufklären und niemals verwirren

Hier kommt man bei Anlegung üblicher Maßstäbe zu dem Schluss, dass auch Professorinnen und Leserinnen gemeint sein dürften.

Ein gewisser Professor, der sich der Aufklärung verpflichtet fühlt, drückt es laut Spiegel so aus, dass beim generischen Maskulinum „heutzutage die männliche die weibliche Form beinhalte“. Dieser Satz ist streng genommen nicht ganz korrekt. Nicht die weibliche Form ist in der männlichen Form enthalten, sondern die Bedeutung der weiblichen Form. Die männliche Form ist Professor, die weibliche Professorin, und rein formal kann letztere in ersterer nicht enthalten sein, da sie länger ist.

Dieser kleine logische Fehlgriff des Professors ist für ein Schlitzohr wie Anatol Stefanowitsch natürlich ein gefundenes Fressen. Er dreht den Spieß einfach um und stellt klar, dass „es genau umgekehrt ist: die weibliche Form beinhaltet die männliche, und zwar wortwörtlich“:

      Professorin

Tatsächlich, die Form Professor ist in der Form Professorin enthalten, sofern man Form als Lautfolge, Buchstabenfolge oder grammatische Form versteht.

Diese Erkenntnis ist aber im doppelten Sinne bedeutungslos, da sie sich nur auf die rein formale Ebene bezieht, nicht auf die semantische. Stefanowitsch weiß das natürlich, aber erwähnt es nicht. Er tut so, als würde er seine Leser für intelligent genug halten, um von selbst darauf zu kommen, dass hier nur der Professor vorgeführt werden soll (ja welch ein Wortspiel!), indem dessen scheinbare (doch in Wahrheit gar nicht so gemeinte) Argumentation ad absurdum geführt wird.  Aber Stefanowitsch nimmt sicherlich gerne in Kauf, dass wissenschaftshörige Leser die Information fehlinterpretieren und nun glauben, seriöse Sprachwissenschaftler würden die These vertreten, dass die männliche Bedeutung in der weiblichen Form enthalten sei, und dass deshalb das generische Femininum eine bessere Wahl sei als das generische Maskulinum. Er schreckt auch nicht davor zurück, eine krankhaft fanatische Feministin, die sich rein formal Sprachwissenschaftlerin nennen darf, als Quelle für die These zu zitieren.

Das Perverse daran: Stefanowitsch nutzt seine überlegene Intelligenz nicht dazu aus, seine Leser aufzuklären, sondern sie zu verwirren. Und bei Kritik kann er sich auch noch darauf berufen, nichts Falsches gesagt zu haben.

(Man beachte auch die Forumskommentare von Christoph Päper und Stefanowitschens Antwort darauf.)

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