Die Chemie der Sprachideologie (oder: Die Kemie der Sprachideologie oder: Die Schemie der Sprachideologie)

Die Sprachideologin Kristin Kopf hat im Sprachlog einen Artikel veröffentlicht, in dem sie für die Gleichberechtigung verschiedener Aussprachen des Wortes Chemie eintritt:

Auf manche Aussprachefragen gibt es keine eindeutige Antwort — zum Beispiel darauf, wie man <Chemie> ausspricht: Schemie, Chemie oder Kemie?

(Genaugenommen hätte es heißen müssen: auszusprechen hat.)

Anlass für den Artikel war wohl eine lustige Statistik im Atlas zur Aussprache des deutschen Gebrauchsstandards (AADG), die ihr in den ideologischen Kram passt. Ziel des Artikels ist, den Lesern zu suggerieren, dass es keine Bestrebungen geben dürfe, die deutsche Sprache zu standardisieren bzw. einheitlich zu halten, weil solches gegen die Erkenntnis der Sprachwissenschaft liefe, dass die deutsche Sprache nun mal plurizentrisch sei. Da zeigt sich schon die erste Irreführung: Der Plurizentrismus wird von den Sprachideologen als ein unabänderliches Gesetz der deutschen Sprache dargestellt, das man gar nicht in Frage stellen darf – obwohl diese Eigenschaft in Wahrheit jederzeit entstehen und vergehen kann, abhängig von kulturellen und technischen Entwicklungen und gesellschaftlichen Entscheidungen. Normalerweise ist immer dann, wenn vom Plurizentrismus einer Sprache die Rede ist, nicht eine einzelne Sprache gemeint, sondern die Gesamtheit aller Dialekte (und in neuerer Zeit auch Regiolekte, s.u.). Man spricht ganz allgemein von verschiedenen Varietäten einer Sprache, um zum Ausdruck zu bringen, das sprachliche Elemente wie etwa Wörter abhängig vom Dialekt oder anderen Trennungslinien in verschiedenen Varianten vorkommen. Die Varietäten einer Sprache sind aber streng genommen mit verschiedenen Sprachen gleichzusetzen (es sind nur besonders ähnliche Sprachen). Die Sprachideologen jedoch wollen uns einreden, dass es normal sei, wenn innerhalb einer einzigen Sprache, d.h. innerhalb einer einzigen Varietät verschiedene Varianten eines Wortes vorkommen. Kopf interpretiert die Macher des AADG so, dass sie für „die Akzeptanz von mehr Variation im Standard plädieren“. Da muss man sich fragen, ob man es mit Besinnungslosen oder aber mit Gewissenlosen zu tun hat. Schließlich weiß jeder, dass es der Zweck eines Standards ist, Variationen abzuschaffen und für Einheitlichkeit zu sorgen! Wer also für Variation im Standard plädiert, hat entweder sein Gehirn ausgeschaltet oder will seine Leser für dumm verkaufen in der Hoffnung, dass sie ihm aufgrund seines wissenschaftlichen Ansehens einfach alles kritiklos glauben. Die Sprachideologen wollen also, dass die sprachlichen Elemente im deutschen Sprachraum sich nicht mehr nur zwischen Dialekten unterscheiden, sondern auch innerhalb der Standardsprache! Kristin Kopf drückt es in Bezug auf die Standardsetzung bei ihrem Beispiel (auf das ich gleich noch komme) so aus: „…hier eine Norm angesetzt wird, die sich nicht halten lässt.“ Auch diese Bemerkung ist wieder entweder besinnungslos oder gewissenlos. Anders ausgedrückt ist damit ja Folgendes gemeint: Die deutsche Standardsprache lässt sich nicht normieren. Ja geht’s noch? Standard und Norm sind allgemeinsprachlich etwa gleichbedeutend: Man setzt einen Standard bzw. eine Norm, um etwas zu vereinheitlichen. Ein „nicht normierter Standard“ ist ein Widerspruch in sich (wie gesagt ausgehend von der allgemeinsprachlichen Bedeutung der beiden Wörter). Ob die Durchsetzung gelingt, ist für die Existenz eines Standards bzw. einer Norm prinzipiell unbedeutend. Die Regeln müssen nur irgendwo klar erkennbar festgelegt sein, unabhängig davon, ob sie auch eingehalten werden. (Die Regeln einer Sprache sind auch implizit in Äußerungen und Texten enthalten.) Kristin Kopf aber will uns einreden, dass wir kein Recht besäßen, einen Standard oder eine Norm zu setzen, wenn er/sie sich nicht sowieso wie durch Zauberhand von selbst einstellt (was durchaus manchmal vorkommt). Sie will doch tatsächlich im Namen der Wissenschaft verbieten, eine bestimmte Aussprache zum Standard zu erklären, wenn mehrere Varianten übr den Sprachraum verteilt in etwa gleicher Häufigkeit existieren. Die Tatsache, dass es verschiedene Aussprachevarianten eines bestimmten Beispielwortes je nach Region gibt, soll bei ihr als Begründung dafür herhalten, dass es auch im Standarddeutschen verschiedene Aussprachevarianten eines Wortes geben dürfe. Dabei geht es wohlgemerkt nicht um Dialektwörter, sondern um standardsprachliche Wörter.

Die Macher des AADG treiben auch ein falsches Spiel mit dem Wort Standard. Sie (oder wer auch immer das erfunden hat) führen den Begriff Gebrauchsstandard ein, womit jedoch gerade kein standardisiertes Deutsch gemeint sein soll, sondern alle möglichen Regiolekte. (Ein Regiolekt ist sozusagen der Versuch, Standarddeutsch zu sprechen, wobei es aber nicht gelingt, alle dialektalen Elemente zu vermeiden.) Im Grunde hat man zwar das Recht, jeden Regiolekt als eigenen Regionalstandard zu bezeichnen (als Standard, der sich von selbst ergeben hat), doch hat damit der Begriff Gebrauchsstandard keinen informativen Mehrwert gegenüber dem Begriff Regiolekt mehr. Wozu ihn also verwenden? Na um die Leute zu manipulieren natürlich: Standard und Regiolekt sollen auf eine Stufe gestellt werden. „Sie [Gebrauchsstandards] müssen als Bestandteile der deutschen Standardsprache betrachtet werden“ (AADG). Gebrauch soll hierbei bedeuten, dass die entsprechenden Varianten zwar im Gebrauch, aber nicht „kodifiziert“ sind, d.h. in keinem mehr oder weniger amtlichen Regelwerk verzeichnet. Durch diesen Gebrauch (hihi) des Begriffs Standard soll suggeriert werden, dass das (im AADG-Sinne) Standarddeutsche variantenreicher sei, als die Regelwerke es darstellen. Wenn etwa im Duden eine bestimmte Aussprache eines Wortes als Standardaussprache angegeben ist, in den Regiolekten jedoch weitere Varianten vorkommen, würde der vernunftbegabte Mensch daraus schließen, dass es sich bei den Alternativaussprachen nicht um die Standardaussprache handelt. Die AADG-Macher und Kristin Kopf schließen jedoch daraus, dass es mehrere (!) Standardaussprachen gibt, von denen der böse Duden aber alle bis auf eine unterdrückt. (Dabei steht der Duden doch schon längst auf der Seite der Sprachideologen. Aber echte Ideologen kriegen eben nie genug.)

Realistisch betrachtet gibt es in der Sprachwirklichkeit natürlich immer eine gewisse Bandbreite der Variation, auch in Standardsprachen. Doch ist selbstverständlich das Ziel, diese Bandbreite so gering zu halten, dass weder die Verständlichkeit und damit die Verständigung beeinträchtigt wird, noch dass die Sprache überkomplex und dadurch unnötig schwer zu erlernen wird. Vor allem sollte es keine grammatischen  und alphabetischen (d.h. Aussprache/Schreibweise-bezogenen) Konflikte geben. Insofern muss man unterscheiden zwischen einerseits relativ harmlosen und andererseits zerstörerischen Varianten. Harmlose Varianten sind z.B. die regional verschiedenen Aussprachen des r, weil sie gleichwertige, nicht-konfligierende Alternativen darstellen und der gleichen Regelhaftigkeit folgen. Zerstörerische Varianten sind z.B. xenoanalphabetische Falschaussprachen, die von Sprechern mit mangelhaften Fremdsprachenkenntnissen in Umlauf gebracht werden – weil solche Falschaussprachen die natürliche Systematik der Sprache(n) völlig durcheinanderwerfen. Sprachideologen erfreuen sich besonders an den zerstörerischen Varianten, wie wir gleich am Beispiel sehen werden.

Skandalös ist nämlich, welches Wort Kopf als Paradebeispiel für Variantenreichtum bei der Aussprache der Wörter der deutschen Standardsprache präsentiert: Ausgerechnet Chemie! Liebe Leute, Chemie ist alles Mögliche, aber nie und nimmer ein deutsches Wort! Die Tatsache, dass Kopf gerade ein Fremdwort als Beleg für ihre These der Aussprachevarianten im Standarddeutschen heranzieht, ist ihrerseits der beste Beleg dafür, dass diese These nicht stimmt! Kopf greift nämlich nur deshalb auf ein Fremdwort zurück, weil es echte deutsche Wörter mit solcher auffälligen Aussprachevarianz im Standard(!)deutschen schlicht nicht gibt!

Ein deutsches Wort kann nur ein Wort sein, dass den Regeln der deutschen Grammatik (bzw. einer der Dialektgrammatiken) folgt. Alle anderen Wörter sind Fremdwörter (oder in der Sprachideologenterminologie Lehnwörter). Zur Grammatik gehören nämlich auch die Phoneme und die phonotaktischen Regeln, nach denen Wörter aus Lauten zusammengesetzt werden – und die sich von Sprache zu Sprache unterscheiden. Manche (meist assimilierte) Fremdwörter sehen in diesem Sinne so aus wie deutsche Wörter und können deshalb als solche behandelt werden, etwa Fenster. Chemie gehört allerdings nicht dazu. Wenn man die Varianten eines Wortes betrachtet, ist jedoch auch die Systematik der Varianz von Bedeutung. Der natürliche Sprachwandel folgt nämlich Regeln, die dafür sorgen, dass sich Aussprachen beim Entstehen von Dialekten nur in bestimmter Weise ändern (Lautwandelgesetze). Gerade bei Fremdwörtern aber kommen häufig Aussprachevarianten auf, die mit dieser Systematik nichts zu tun haben. Dieser Effekt beruht darauf, dass die Kenntnisse der Fremdsprachen und der Assimilationsregeln von Person zu Person sehr unterschiedlich sind und bei Fremdwörtern schlicht und ergreifend häufig Fehler gemacht werden.

In lateinischen Wörtern wird z.B. nach den traditionellen Assimilierungsregeln das v als [v] ausgesprochen, wie in Vase, Virus, Verb etc. Bei manchen Wörtern, wie etwa Vers und Vize, hat eine so hohe Sprecherzahl (oder irgendwelche maßgeblichen Persönlichkeiten) diese Regel jedoch aus Unwissenheit nicht beachtet, dass die Falschaussprache mit [f] letztlich von fast der gesamten Sprachgemeinschaft als vermeintliche Standardaussprache übernommen wurde und deshalb heute auch tatsächlich nach dem Motto Der Klügere gibt nach als Standard gilt (außer in Österreich). Das ist unschön, weil es zu erhöhtem Lernaufwand führt (denn jede Ausnahme muss zusätzlich gelernt werden) und die natürliche Ordnung zerstört, aber zu verschmerzen, solange es nur selten vorkommt. Mit notwendigem Sprachwandel, kreativen Aussprachevarianten oder gar bereichernder Vielfalt, alles Dinge, von denen die Sprachideologen schwärmen, hat so etwas jedoch rein gar nichts zu tun, sondern ist ganz nüchtern als sprachlicher Unfall zu werten. Àpropos Unfall-Metapher: Statt helfend (d.h. korrigierend) einzugreifen, schauen die Sprachwissenschaftler und Germanisten bei solchen Fehlentwicklungen bloß tatenlos zu wie sensationsgeile Gaffer.

Bei Fremdwörtern kann es (wie eben angedeutet) auch passieren, dass die Aussprachen sich zufallsbedingt (!) regional unterschiedlich entwickeln. So wird m.W. in Bayern auch das v in Valentin und Viktualienmarkt als [f] gesprochen. Man könnte also sagen, dass manchmal ganze Regionen auf regelwidrige oder sinnlose Falschaussprachen von Fremdwörtern „hereinfallen“, manchmal sogar der ganze Sprachraum mit Ausnahme èiner Region. Und so etwas Ähnliches geschah auch mit dem Wort Chemie.

Dessen Herkunft ist wohl ungewiss, jedoch war es zumindest zwischendurch mal griechisch, nahm eine griechische Form an und wird deshalb im Deutschen wie ein griechisches Fremdwort behandelt, auch wenn der Stammvokal mehrere Wandlungen durchlaufen hat. Die Stammsilbe beginnt mit einem Chi (Χ/χ). Das Chi wurde im Altgriechischen als aspiriertes [k] ausgesprochen [kʰ]. Der [k]-Laut wird in der klassischen lateinischen Schrift als c wiedergegeben. Das ch in griechischen Fremdwörtern im Latein war also ursprünglich lateinische Lautschrift für das Chi. Das Chi selbst kann man in der lateinischen Schrift wegen der Verwechslungsgefahr mit dem X ja nicht verwenden. Später wandelte sich die Aussprache im Griechischen abhängig vom phonologischen Kontext zum [ç] bzw. [x], was mysteriöserweise fast genauso ist wie bei den gleichlautenden Phonemen im Deutschen, allerdings mit dem Unterschied, dass im Griechischen die Aussprache durch den nachfolgenden Vokal des gleichen Morphems bestimmt wird (hell –> [ç], dunkel –> [x]), im Standarddeutschen dagegen durch den vorangehenden. (Quiz: Wie spricht man also Achill?) Aus dieser Logik ergibt sich, dass im Standarddeutschen [ç/x] nicht am Anfang einer Silbe und damit auch nicht am Anfang eines Wortes stehen kann. Chi in neugriechischer Aussprache am Wortanfang widerspricht also der standarddeutschen Grammatik. Das dürfte ein wesentlicher Grund dafür sein, warum viele Deutschsprachige Chemie nicht mit [ç] sprechen, sondern Aussprachen bevorzugen, die der deutschen Zunge leichter fallen. Von daher liegt den Deutschsprachigen die altgriechische Aussprache des Chi näher: Sie ähnelt dem deutschen [k] vor Vokalen. In diesem Sinne ist die in Süddeutschland häufige Aussprache [kʰe.’mi:] auch keine schlechte Annäherung, nur eben nicht an das Neugriechische, sondern an das Altgriechische. (Spielte hier vielleicht der Chiemgau eine Rolle?) Vermutlich aufgrund der Ähnlichkeit der deutschen Laute [ç/x] mit den neugriechischen Chi-Lauten (die auch schon im Mittelalter gepflegt wurden) schreibt man sie auch in deutschen Wörtern als ch.

Wir kommen nun zu einem bizarren Phänomen bei der regelgemäßen Aussprache des Chi in griechischen Fremdwörtern im Deutschen: Bei Chi vor hellen Vokalen bildet man die neue griechische Aussprache nach, vor dunklen Vokalen jedoch die alte. Wir sagen nicht [‚xa:ɔs], sondern [‚kʰa:ɔs]. Ich habe nicht nachrecherchiert warum, aber einen logisch zwingenden, linguistisch stichhaltigen Grund gibt es dafür sicher nicht. Es kann eigentlich nur ein dummer Zufall sein, vielleicht beeinflusst durch andere Fremdsprachen.

Vor Konsonanten wird im Deutschen das Chi den Regeln nach auch als [kʰ] gesprochen, vgl. Chlor und Christin. Verzeihung, ich meinte Kristin.

Man schaue sich bei dieser Gelegenheit auch die anderen aspirierten griechischen Plosive an: Phi (φ/ϕ) sprechen wir neugriechisch aus [f], Theta (θ/ϑ) dagegen altgriechisch [tʰ]. Grundsätzlich wurde ja im Altgriechischen bei den stimmlosen Plosiven zwischen aspirierten und nichtaspirierten unterschieden (Chi vs. Kappa, Phi vs. Pi, Theta vs. Tau). Im Standarddeutschen dagegen stehen zumindest vor Vokalen nur (leicht) aspirierte Plosive. Der Unterschied zwischen aspirierten und nichtaspirierten Plosiven ist für Deutschsprachige schwer nachzubilden. Und so spricht man praktischerweise Chi und Phi im Deutschen auf die neugriechische Weise, denn die entsprechenden Phoneme gibt es auch im Deutschen. Für das moderne Theta gilt das allerdings nicht, und deswegen sprechen wir Theater etc. nicht anders, als würde dort Teater stehen. Im Gegensatz zu den Anglophonen, die ja von Haus aus ihr [ϑ] haben, aber wiederum Chemistry mit [kʰ] sprechen, weil ihnen das [ç] fehlt.

Wie man sieht, ist die Tendenz also, einen Kompromiss zwischen Originalaussprache und deutschem Lautinventar zu finden – eben soweit, wie man es noch ohne Zungenbrecherei hinkriegt. Wobei man sich außerdem zwischen Altgriechisch und Neugriechisch entscheiden muss (die meisten Fremdwörter sind ja altgriechisch, aber phonologisch passt Neugriechisch besser). Angesichts der Tatsache, dass man im deutschen Sprachgebrauch heute zahllose englische Wörter mit [ϑ] spricht (von denen wiederum ein Gutteil griechischen Ursprungs ist), könnte man diese Praxis auch gleich auf alle entsprechenden griechischen Wörter ausdehnen. Dann hätte man wenigstens Einheitlichkeit geschaffen. In diesem Sinne sind [çe.’mi:] und [‚xa:ɔs] auf derselben Stufe (neugriechisch), [kʰe.’mi:] und [‚kʰa:ɔs] auf einer anderen (altgriechisch).

Es ist deshalb widersinnig, gleichzeitig [çe.’mi:] und [‚kʰa:ɔs] als Standard vorzugeben, so wie es heute im Deutschen der Fall ist. Sprachwissenschaftler und Germanisten könnten an dieser Stelle ihrem Namen Ehre machen und eine Verbesserung des Standards vorschlagen. Doch was tun sie? Sie wollen überhaupt keinen nationalen Standard mehr. Im Gegenteil!  Sie ergötzen sich daran, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung so verbildet ist, dass er [ʃe.’mi:] (Schemie) oder [ɕe.’mi:] sagt. Früher wäre man sich einig gewesen, dass es Aufgabe des Deutschunterrichts an Schulen ist, den Schülern solche Falschaussprachen auszutreiben. Heutzutage sagen die Sprachwissenschaftler: Wenn Gymnasiasten diese Aussprachen in „formellen Kommunikationssituationen“ verwenden, dann sind sie Regionalstandard. So ändern sich die Zeiten und die Bildungsansprüche

Die Aussprache [ʃe.’mi:] / [ɕe.’mi:] dürfte wiederum vom ortsentsprechenden Dialekt beeinflusst sein. Sie wird vor allem dort (und in angrenzenden Gebieten) gepflegt, wo man dialektal [ç] durch [ɕ] ersetzt, also einen Laut, der zwischen  [ç] und [ʃ] steht. Von daher ist die Aussprache [ɕe.’mi:] durchaus nachvollziehbar im Rahmen des Dialektes. Doch geht es hier ja ums Standarddeutsche, weswegen man bei der Feldstudie absichtlich eine Testsituation geschaffen hat, in der die Probanden davon ausgehen, dass Standarddeutsch gefragt ist. Wie kommt es aber, dass Sprecher, die bei anderen Wörtern fehlerfrei zwischen [ç] und [ɕ]/[ʃ] entscheiden können – je nachdem, ob sie bewusst Dialekt oder Standarddeutsch sprechen – dies bei Chemie nicht schaffen?  Die Antwort lautet: Weil Chemie ein Fremdwort ist, und da sind viele eben unsicher. Und wenn eine Falschaussprache bereits seit Generationen gepflegt wird, machen die Lehrer sie den Schülern vor, die sie im guten Glauben wieder nachmachen.

(Leider werden auf der AADG-Karte [ʃe.’mi:] und [ɕe.’mi:] in èinen Topf geworfen, obwohl gerade dieser Unterschied interessant ist, weil [ʃe.’mi:] nur standarddeutsche Phoneme enthält und deshalb leichter für Standarddeutsch gehalten werden kann. Ich kann zudem – auch aufgrund mangelnder Dialektkenntnisse – nicht beurteilen, inwieweit [ʃe.’mi:] wirklich dialektal motiviert war oder ob es auch vom Französischen beeinflusst wurde.)

Hier wird von den Sprachideologen also die Unsicherheit im Umgang mit Fremdwörtern hinterlistig ausgenutzt, um die Behauptung zu verbreiten, dass es Variationen im Standarddeutsch gebe.

Man muss sich grundsätzlich einmal klar machen: Hier versuchen Sprachwissenschaftler und Germanisten, mutwillig die deutsche Standardsprache zu zersetzen und Chaos zu streuen! Sie gehen dabei sogar soweit, die standarddeutsche Aussprache zum norddeutschen Regionalstandard zu degradieren. Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass Standardsprachen immer aus einem Dialekt, d.h. einer Regionalsprache (manchmal mehreren) hervorgehen. Insofern ist die Erkenntnis nichts neues. Nur wird sie heute der neuen Ideologie entsprechend anders interpretiert. Genau betrachtet ist es sogar so, dass die Sprachideologen den norddeutschen Regiolekt nur für eine bestimmte, norddeutsch geprägte phonologische Interpretation des Schriftdeutsch halten, welches wiederum gar nicht so norddeutsch ist – insgesamt also eine ziemlich unnatürliche Entstehungsgeschichte, was die Sprachideologen ausnutzen, um das Ansehen dieser Varietät  zu schmälern. Die Aussprache [ɕe.’mi:] ist im Prinzip das gleiche: Eine mitteldeutsch (fränkisch?) geprägte phonologische Interpretation des Schriftdeutsch (hier inkl. Fremdwörter gemeint). Aufgrund solcher Tatsachen wollen die Sprachideologen Standarddeutsch und Regiolekte qualitativ auf die gleiche Stufe stellen. Doch taugt das nicht zur Begründung, warum alle Regiolekte gleichberechtigt sein sollten. Denn Standards dienen ja gerade dazu, einen Ersten unter Gleichen auszuwählen. Wenn eine Sache besser ist als eine andere, wird die bessere Sache oft ganz von selbst bevorzugt. Aber gerade wenn es mehrere gleichwertige Alternativen gibt, muss man sich bewusst für eine bestimmte darunter entscheiden, sofern man Einheitlichkeit schaffen will. Die unglaubliche Konsequenz der Sprachideologen, die ja ordnende Eingriffe von Autoritäten in die Sprachentwicklung kategorisch ablehnen (außer bei angeblich politisch unkorrekter Sprache): Wenn Einheitlichkeit sich nicht von selbst ergibt, dann muss es eben beim Chaos bleiben!

Standards sind häufig ein Ausdruck von Machtverhältnissen, die durchaus angefochten werden dürfen. An einem Standard sollte man aber nur rütteln, wenn man eine bessere Lösung vorzuweisen hat (so wie ich es auch tue); man kann also gerne Alternativstandards vorschlagen oder versuchen, selbst einen neuen Standard zu setzen. Aber keinesfalls darf man mit pseudowissenschaftlichen Argumenten dem sinnlosen Sprachchaos Vorschub leisten. Es gibt oft gute Gründe, sich nicht an die deutsche Standardsprache zu halten. Ihre Einzelheiten müssen auch immer wieder neu ausgehandelt und dem Sprachwandel angepasst werden. Dennoch ist es für die Informationsgesellschaft wichtig, dass sie überhaupt existiert, damit man auf sie zurückgreifen kann, wenn man sie braucht. Gleiches gilt übrigens auch für die Rechtschreibung. Sprachwissenschaftler, Germanisten und die Duden-Redaktion verweigern jedoch bei immer mehr Wörtern und Formen die Hilfestellung auf die Frage Wie heißt es denn nun richtig? und lassen eine verwirrte Öffentlichkeit zurück.

Bleibt noch eine Frage: Warum setzen sich Sprachideologen so brennend für Regiolekte ein, vernachlässigen aber Dialekte? In der Weltordnung der Sprachideologen ist die organisierte Dialektpflege mit Deutschtümelei verbunden, von der sie sich als Multikulti-Ideologen distanzieren wollen. Regiolekte dagegen hatten bisher noch keine Lobby. Es liegt in der Natur ihrer Sache, dass sie von der breiten Öffentlichkeit noch gar nicht als ernstzunehmendes Phänomen wahrgenommen worden sind. Denn die meisten Menschen wollen entweder Standarddeutsch sprechen oder Dialekt, nicht aber eine Soße aus beidem. Das Ideal ist, je nach Kommunikationssituation beliebig zwischen Dialekt und Standarddeutsch umschalten zu können. Regiolekte bedeuten gerade das Scheitern dieser Hoffnung. Sprachideologen wiederum brauchen irgendein Ziel, für das sie sich einsetzen können und für das sie sich wichtig machen können, damit sie überhaupt eine Existenzberechtigung haben. Da sie aber sowohl gegen „autoritäres“ Standarddeutsch sind als auch gegen „deutschtümelnde“ Dialektpflege, kommen ihnen die sich (angeblich) frei entwickelnden und von Sprachpflegevereinen unbeachteten Regiolekte gerade recht. Da es zum Ehrenkodex der Sprachideologen gehört, nicht in die Sprachentwicklung einzugreifen (außer bei angeblich politisch unkorrekter Sprache), bleibt ihnen, wenn sie überhaupt etwas Relevantes tun wollen, nur noch übrig, anderen das Eingreifen ebenfalls zu verbieten. Deshalb setzen sie nicht für Standards ein, sondern gegen Standards und erklären Standarddeutsch zu einem Sammelsurium von „Gebrauchsstandards“.

Aus der Sicht des sprachlich Interessierten sind Regiolekte allerdings ziemlich belanglos, da sie gegenüber Dialekten und Standardsprache kaum Eigenheiten aufweisen.

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