Alle Jahre widerlich: [ju:rɔʊ’vɪʒn]

Alle Jahre wieder sind für ein paar Tage im Mai die Medien schwer mit einem Ereignis beschäftigt, das für Freunde des guten Geschmacks einen hohen Nervfaktor hat: Dem Eurovision Song Contest, früher fröhlich französelnd Grand Prix (d‘) Eurovision de la Chanson genannt. Ich gebe zu, ich kann mich dem Spektakel auch nicht entziehen. Jedes Jahr nehme ich mir vor, mir diesen lächerlichen Versuch, den europäischen (und was sich dafür hält) Völkerscharen kulturelle Vielfalt und demokratische Entscheidungsprozesse vorzuspielen, um damit ein positives Europabild zu vermitteln, nicht mehr anzutun. Und dann schaue ich doch wieder hin.

Aber jedes Mal frage ich mich: Wer hat den Deutschen eigentlich den Befehl gegeben, das Wort Eurovision im Zusammenhang mit diesem Liederwettbewerb englisch auszusprechen? Es gibt keinen sinnvollen Grund, das zu tun. In Bezug auf andere Sendungen macht es ja auch keiner. Die Benennung Eurovision besteht aus altsprachlichen Fremdwörtern, und für diese existieren seit Jahrhunderten geregelte Aussprachen, die je nach moderner Einzelsprache verschieden sind. Doch solange ich mich erinnern kann, verwendeten alle Stimmen in den deutschen Medien, sobald es um den ESC ging, erst die französische Aussprache, dann wie auf Knopfdruck die englische, aber nie die deutsche. Beim Französischen könnte man zur Begründung noch heranführen, das meist der gesamte Mehrwortausdruck genannt wurde und ein einzelnes deutsch ausgesprochenes Wort darin unpassend wirkt. Aber die englischen Wörter Song und Contest werden ja inzwischen längst als Einzelwörter in der deutschen Sprache frei zwischen deutschen Wörtern verwendet.

Es gibt keine Autorität, die die Befugnis hat, in Deutschland eine Fremdaussprache altsprachlicher Wörter vorzuschreiben. Wenn eine Organisation, zumal eine europäische, sich selbst oder einem Ereignis offiziell einen französischen bzw. englischen Namen gibt, besteht natürlich trotzdem das Recht, ihn in die jeweilige Landessprache zu übersetzen. Und wenn sie sich einen altsprachlichen Namen gibt, darf man ihn selbstverständlich nach landestypischer Weise aussprechen. Dieses Recht geht auch nicht dadurch verloren, dass man für diese Organisation oder eine andere, die entsprechende Interessen hat, arbeitet. Und trotzdem machen alle Deutschen mit. Etwa, weil sie Englisch so toll finden? Das kann mir keiner erzählen. Sie machen es, weil sie gar nicht auf die Idee kommen, es anders machen zu dürfen als scheinbar von oben vorgegeben.

Der ESC soll kulturelle und sprachliche Vielfalt demonstrieren sowie den demokratischen Entscheidungsprozess, der stets die beste Lösung herausfiltert, zelebrieren. Da freut sich auch der Sprachideologe, der glaubt, dass sprachliche Vielfalt automatisch entsteht, wenn man Sprache nicht von oben diktiert. Doch die Aussprache von Eurovision beweist das Gegenteil: Selbst wenn keine Autorität existiert, handeln die Sprecher so, als gäbe es eine. (Genauso, wie sie auch immer noch die Rechtschreibautorität im Duden suchen, obwohl diese längst aufgehoben wurde.) Das liegt nicht an mangelnder Aufklärung über demokratische Rechte, sondern daran, dass Sprache von Natur aus nicht nach demokratischen Prinzipien gelernt wird, sondern nach autoritären. Zur ausführlichen Begründung siehe hier: Sprachwandel, Rechtschreibung, Aussprache und die neue Sprachideologie.

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