US-Amerikaner verliert Arbeit nach Fluch aus xenoanalphabetischer Verzweiflung

Xenoanalphabetismus ist mein Terminus für die Nichtbeherrschung fremdsprachlicher Laut-Buchstaben-Zuordnungen (LBZs) und Rechtschreibungen. Wer z.B. als deutscher Muttersprachler zwar die deutsche Rechtschreibung beherrscht, aber nicht die französische, ist ein Xenoanalphabet in Bezug auf das Französische.

Ist heute der muttersprachliche Analphabetismus in entwickelten Ländern kein großes Problem mehr, so wird der Xenoanalphabetismus ein immer größeres. Dies liegt an der rasant wachsenden Zahl von Fremdwörtern und fremdsprachlichen Personennamen in den sich globalisierenden Gesellschaften. Fremdsprachliche Personennamen sind ein Stolperstein gerade im Einwanderungsland USA. Erschwert wird das Problem dort dadurch, dass zum einen die englische LBZ/Rechtschreibung diejenige ist, die weltweit am meisten vom lateinischen Standard abweicht, zum anderen in den USA Fremdsprachen kaum gelehrt werden. Die Namen von Einwanderern gleich welcher sprachlichen und rechtschreiblichen Herkunft werden deshalb dort meist nach den englischen Regeln ausgesprochen (manchmal auch nach einer misslungenen Pseudofremdaussprache), was häufig zu grotesken Verzerrungen führt. Viele Namen werden auch gar nicht als nichtenglische identifiziert, wenn man ihnen ihren anderssprachigen Ursprung nicht ansieht (wozu man nämlich bereits Fremdsprachenkenntnisse braucht) und man kein  Wissen über den Namensträger hat.

Der neue Multikulti-Anspruch der US-amerikanischen Gesellschaft macht aber eine Sensibilität gegenüber Namensträgern aus anderen Kulturen nötig. Ein besonders prägnantes Beispiel ist, dass die US-Amerikaner bei der Aussprache des Namens ihres Präsidenten Barack Obama auf die sonst übliche Ver-ä-ung Ver-äi-ung der a’s verzichten. Zwar spricht man in den USA nach wie vor von Päkistän, Äfghänistän und Täräntino, aber eben nicht von Bäräck Obäma. (Peinlich für die Deutschen ist hierbei, dass sie das noch nicht mitbekommen haben und in nur scheinbarer Weltläufigkeit auch nach über vier Jahren Obama immer noch Bäräck sagen – und dann inkonsequenterweise Obama.) Allerdings scheint diese Sensibilität nur in gewissen Fällen zu bestehen, wohl abhängig von sozialen Faktoren wie Bekanntheitsgrad, Rang und Staatsangehörigkeit der Person, auch von dem Grad der Exotik des Namens, dem Zufall und vor allem der Eigenaussprache des Namensträgers. Der namentlich Deutschstämmige Chuck Hagel z.B. wird, obwohl nun zum Obama-Klän gehörig, weiterhin Häigel genannt. (Was übrigens weder den deutschen noch den englischen Ausspracheregeln genügt. Englisch wäre Häidschel.)

Von professionellen Nachrichtensprechern kann man erwarten, dass sie sich vor dem Verlesen eines Nachrichtentextes über die korrekte Aussprache der darin enthaltenen Namen kundig machen. Weltweit wird das zunehmend komplizierter. Immer häufiger kommen z.B. arabische, russische, chinesische Namen vor – alles Sprachen, die nicht zum westlichen Fremdsprachenkanon gehören. Außerdem gibt es noch verschiedene Transskriptionssysteme (Jelcin/Yeltsin/Jelzin/Eltsine), derer sich die Textautoren bedienen. Sich in diesem Wirrwarr zurechtzufinden, gehört zum Dschob der Profisprecher. Der fremdsprachlich umfassend Gebildete ist hier im Vorteil; der englische Muttersprachler dagegen im Nachteil, da ihm in der Schule von Anfang an die entartete englische LBZ/Rechtschreibung als das einzig Existente vorgegaukelt wurde.

Ein US-amerikanischer Nachwuchs-Nachrichtensprecher ist nun an seinem ersten Arbeitstag an dem äthiopischen Namen Tsegay Kebede so verzweifelt, dass er beim Üben-in-letzter-Sekunde vor laufender Kamera die Nerven verlor und ins bereits offene Mikrophon ein fucking shit! fluchte (Video). Vorher hörte man ihn noch ein …gäi stammeln, was beweist, dass er gerade dabei war, den afrikanischen Vornamen zu ver-ä-en. Deshalb kann man davon ausgehen, dass er die Absicht hatte, den gesamten Namen nach englischen Ausspracheregeln zu sprechen.

Tja, mit diesem Entschluss war sein Schicksal bereits besiegelt, denn die englischen Ausspracheregeln sind häufig mehrdeutig, und die korrekte Aussprache eines Wortes/Namens lässt sich dann nur mit etymologischem Hintergrundwissen ableiten, oder aber gar nicht, sodass man die Aussprache von Wissenden in Erfahrung bringen und auswendig lernen muss. Gänzlich fehl am Platze ist eine englische Aussprache, wenn ein fremdsprachliches Wort oder Name in einer nicht auf der englischen LBZ beruhenden phonemischen Rechtschreibung dargestellt ist, also einer Art vereinfachter Lautschrift in normalen Buchstaben, gegebenenfalls durch diakritische Zeichen ergänzt. Dies ist bei Tsegay Kebede mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Fall (wobei allerdings möglich ist, dass hier Diakritika weggelassen wurden). Eine kurze Recherche ergab, dass der Name wohl aus den äthiopischen Sprachen Oromo oder Amharisch stammt, deren Ausspracheregeln sich bei Wikipedia nachschlagen lassen. Demzufolge kann man den Namen praktisch Buchstabe für Buchstabe lesen – aber genau das fällt englischen Muttersprachlern schwer. Gewissermaßen wird ihnen diese Fähigkeit in der Schule gründlich ausgetrieben, denn die englische Rechtschreibung besteht ja gerade darin, das Prinzip des sequenziellen Buchstabenlesens zu ersetzen durch ein Silbenlesen oder gar Wortlesen. Englische Muttersprachler können sich deshalb vermutlich nicht mehr vorstellen, dass es tatsächlich so simpel sein soll: Einfach Buchstabe für Buchstabe (ggf. Digraph) aussprechen, d.h. lautieren. So erging es wohl auch dem Nachrichtensprecher. Sonst hätte er ja nicht geflucht, denn Tsegay Kebede zu lautieren, ist wirklich nicht schwierig, zumal das y an die englische LBZ angelehnt ist. Das Ansinnen, diesen Namen nach englischen Ausspracheregeln zu sprechen, führt dagegen zu folgenden Deutungsmöglichkeiten:

Vorname: [tsə’gɛi, ‚tsi:gɛi, ‚tsɛgɛi, tsɛ’gɛi]

Nachname: [ki’bi:di, ki’bi:d, ki’bɛdi, kə’bi:di, kə’bi:d, kə’bɛdi, kɛ’bi:di, kɛ’bi:d, kɛ’bɛdi]

Das macht 22 Möglichkeiten (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) – nur die richtige Aussprache ist nicht dabei. Der Nachrichtensprecher glaubte jedoch, dass èine davon die einzig wahre sein muss. Während seine Multikulti-Komoderatorin ihren Part sprach, übte er diese Aussprache, und es hört sich an wie [tsɛ’gɛi kɛ’bi:di]. Offenbar hatte er Mühe, aus den 22 Varianten eine bestimmte auszuwählen, da er sie ja nicht logisch ableiten konnte, und sie sich dann auch noch zu merken, um zu verhindern, dass er den Namen beim nächsten Mal versehentlich anders ausspricht. Darob der Fluch. Nun – einen Namen nicht korrekt aussprechen zu können, ist in den USA eine lässliche Sünde; in einer Echtzeitsendung fucking shit! zu sagen, wird einem Nachrichtensprecher dagegen nicht verziehen. Dumm nur, wenn das eine zum anderen führt.

Es war sein letzter Arbeitstag.

Bleibt noch das Fazit: Auch in den USA hat Multikulti keine Şans.

(Mehr zu Xenoanalphabetismus und „englischer Aussprache“ siehe auch hier.)

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Eine Antwort zu US-Amerikaner verliert Arbeit nach Fluch aus xenoanalphabetischer Verzweiflung

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