Ökonom fordert für Euro-Rettung Deutschverzicht

Wieviel Verantwortung die Deutschen zur Rettung des Euro übernehmen sollen und welche Opfer sie dabei zu bringen haben, ist ja seit Jahren Gegenstand ewiger Diskussionen. Im Gegensatz dazu wurde das europäische Sprachenproblem bis vor Kurzem totgeschwiegen. Doch genauso wie der Euro dazu geführt hat, dass die wirtschaftlichen Probleme etlicher Länder nicht länger durch Finanztricks verheimlicht werden konnten, bringt er jetzt auch das Sprachenproblem an den Tag. Die Erkenntnis, dass Vereinheitlichungsbestrebungen nur dann ihren Zweck des immer engeren Zusammenschlusses der europäischen Völker erfüllen können, wenn sie möglichst auf allen Ebenen gleichzeitig stattfinden, setzt sich langsam durch.

Ein Ökonom fordert von den Deutschen nun, zur Euro-Rettung nicht nur auf Lohn zu verzichten, sondern auch auf die deutsche Sprache. Seine Argumentation verläuft so:

Das Problem der hohen Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern ließe sich durch Abwanderung nach Deutschland lösen, wo die Jugendarbeitslosigkeit im Vergleich niedrig ist. In der Praxis kommt aber kaum jemand. Eine der Ursachen für die Wanderunlust ist die Sprachbarriere. Diese lässt sich beseitigen, indem man extra für junge Ausländer „die Arbeitsprozesse englisch-konsistent macht„, was für die Unternehmen einfacher (sprich billiger) sein sollte, als die Arbeitsprozesse für die alternde deutsche Belegschaft altersgerecht zu gestalten. Englisch sprechen die meisten jungen Europäer ja sowieso, Deutsch müssten sie erst noch zusätzlich lernen.

Nun – dass die deutsche Wirtschaft englischkompatibel sein sollte, gilt ja für deren Vertreter schon seit Langem als Selbstverständlichkeit. Neu ist allerdings, dass der vermeintliche Vorteil der Anglisierung nicht mehr den Deutschen selber zugutekommen soll, sondern Griechen, Spaniern usw. Die Deutschen sollen also nicht mehr nur für ihre eigene Karriere Englisch lernen und am Arbeitsplatz verwenden, sondern auch für die Karrieren von anderen, die doch nach Regierungsideologie ihre Konkurrenten auf dem europäischen Arbeitsmarkt sind! Ganz schön viel verlangt.

Sinn macht der Vorschlag nur, wenn man davon ausgeht, dass es im eigenen deutschen Interesse liegt, für die Rettung des Euro alles zu opfern, was dazu notwendig ist – selbst wenn es die eigene Sprache ist.

Auf rein praktischer Ebene glaubt der Ökonom wohl, dass die Herstellung der Englisch-Konsistenz eines Arbeitsplatzes (was wohl soviel heißen soll wie eine Umstellung der kompletten Arbeitsumgebung inkl. Kollegen, ohne störendes Deutsch dazwischen) ohne großen Aufwand realisiert werden kann, obwohl er sogar damit rechnet, dass viele der Arbeitskräfte bereits nach einigen Jahren wieder ins Heimatland zurückkehren würden, was einen kurzen Amortisationszeitraum erfordert. Hm, ich als Hobby-Ökonom halte das für ziemlich naiv. Damit der Anspruch der Konsistenz gewährleistet ist, müsste man schon gleich immer eine ganze Abteilung umstellen. Wir reden ja nicht von Fließbandarbeitsplätzen, sondern von Tätigkeiten, bei denen Fachkommunikation das A und O ist. Wenn der Umstellungsaufwand so gering wäre, dass er sich lohnt, hätten die Unternehmen doch schon längst damit begonnen.

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