Helmut Schmidt macht auf das europäische Sprachenproblem aufmerksam

In Maybrit Illners Gesprächssendung vom 27.9.2012 hat Helmut Schmidt endlich einmal vor einem Millionenpublikum die Aufmerksamkeit auf das europäische Sprachenproblem gelenkt:

Das große Problem, das wir haben, ist die Tatsache, dass wir anders als die Chinesen in mehr als 30 Sprachen uns miteinander verständigen müssen. Und einige schreiben auch noch ganz anders, mit anderen Buchstaben. Z.B. die Griechen haben andere Buchstaben als wir, die Serben haben andere Buchstaben als wir. Die Verschiedenheit der europäischen Sprachen ist das große Hemmnis. Wahrscheinlich wäre es das Beste, wenn wir alle Englisch sprächen, aber das werden die Franzosen nicht zulassen. (Gelächter im Saal)

 [52:32]

Bedauerlicherweise erweckt er durch seinen letzten Satz den Eindruck, als sei das Problem leicht lösbar, wenn nur die bockigen Franzosen nicht wären. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit das vielleicht doch als Scherz gemeint war. Ich kann nur hoffen, dass er diesen Satz nicht ernst meinte. Es wäre ja auch ein Widerspruch, wenn er erst von einem großen Problem redet und es im selben Atemzug auf den falschen Stolz eines einzigen Mitgliedslandes reduziert. Andererseits ist ihm als pragmatischem und anglophilem Hanseaten durchaus zuzutrauen, dass ihm die sprachliche Vielfalt in Europa gleichgültig ist. Diese ist allerdings in Art. 22 der Charta der Grundrechte der Europäischen Union garantiert:

Die Union achtet die Vielfalt der Kulturen, Religionen und Sprachen.

Wer also Englisch als Einheitssprache auf dem europäischen Kontinent durchsetzen will, wird es gleich doppelt schwer haben. Er muss nicht nur die linguistische Trägheit überwinden, sondern auch eine Mehrheit zur europäischen Gesetzesänderung zustandebekommen. Die Hoffnung, dass die gesamte europäische Bevölkerung sich freiwillig anglisiert, ohne dass sie von den Eurokraten dazu gezwungen werden muss, halte ich für vergeblich. Europa wird auch in Zukunft sprachlich dreigeteilt bleiben, in einen germanischen, einen romanischen und einen slawischen Teil. Da alle drei Teile etwa gleichviel Bevölkerung haben (Russland mit einberechnet), kann sich keiner davon gegenüber den anderen durchsetzen. Also bleibt nur die Konsequenz: Die United States Of Europe können wir uns abschminken. Stattdessen werden sich in Europa langfristig drei Lager bilden.

Ein Land wie Griechenland, das keiner der drei Sprachgruppen angehört, eine eigene Schrift verwendet und dabei sehr klein ist, wird durch diese Umstände zum Außenseiter. Dies ist meiner Meinung nach ein Mitgrund dafür, dass die Krise in Griechenland so dramatisch verläuft.

Fazit: Nachdem Helmut Schmidt Ungenießbares zum Thema deutsche Verantwortung für Europa von sich gegeben hat, ist er doch noch zu etwas gut. Er hat ein Problem in den Blickpunkt gerückt, das von den Europaideologen sträflich verleugnet wird, weil es mit ihrem Plan einer immer engeren Union Europas nicht vereinbar ist.

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