Der Klemmer der Bettina Wulff

Vor einiger Zeit habe ich bemerkt, dass manche Meinungsmacher in Deutschland versuchen, aus schlechten Englischkenntnissen einer Person schlechte Charakter- und Persönlichkeitseigenschaften abzuleiten, um den Ruf der Person zu zerstören.

So geschehen z.B. mit Thilo Sarrazin, Günther Oettinger oder Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. Oder mit einer Verstorbenen, die ihr Erbe an Sprachpflegevereine vermachte.

Und nun ist auch Bettina Wulff, Gattin des gescheiterten Bundespräsidenten Christian Wulff, Opfer einer solchen Verunglimpfung geworden.

Auf SPON erschien unter dem Titel Mit dünnem Stimmchen ein Verriss ihres Hörbuches Jenseits des Protokolls, in dem der Autor gewisse Mäkel sowohl der Buch- als auch der Hörbuchproduktion als absichtliche Vermarktungstricks wertet. Bereits der Titel des Artikels lässt erkennen, dass er seine Argumentation nicht auf inhaltliche Kritik, sondern auf Äußerlichkeiten stützt. Bettina Wulff hat (laut dem Artikel) nur einen kleinen Teil ihres Hörbuchs selbst gesprochen; das meiste wurde von einer professionellen Sprecherin übernommen. Es liegt nahe, die Motivation der Produktionsbeteiligten für diese Aufteilung darin zu suchen, dass einerseits die Rezipienten sich mit Bettina Wulffs Stimme vertraut machen sollen, um eine scheinbare persönliche Nähe zu entwickeln, andererseits den Produktionsbeteiligten bewusst war, dass die Käufer eines Hörbuches eine professionelle Sprechqualität erwarten. Doch Erzeugung von Authentizität, was ja ein legitimes Ziel ist, reicht dem SPON-Autor als Begründung für die Passagen mit Originalstimme nicht aus. Bettina Wulffs „holpriger, unbeholfener“ Vortrag werde gezielt eingesetzt, um der Öffentlichkeit das Bild einer „maximal hilflosen“ Frau zu vermitteln, die deshalb umso mehr Sympathie (wörtl. Mitleid) einwerbe. Im Umkehrschluss würde das allerdings bedeuten, dass Bettina Wulffs Stimme nicht eingesetzt worden wäre, wenn sie nicht auffällig anfängerhaft klänge: Eine ziemlich unwahrscheinliche Vorstellung.

Ich muss allerdings zugeben, dass ich mir ihre Stimme auch anders vorgestellt habe. Von Sprachgewandtheit, die eigentlich Einstiegsvoraussetzung für Kommunikationsberufe wie den ihrigen ist, oder von einer gewissen Erotik, die sie zumindest auf Bildern ausstrahlt, ist nichts zu spüren. Dass der SPON-Autor jedoch nicht um eine objektive Beurteilung bemüht ist, sondern um polemische Demontage, sieht man an seiner Kritik an Bettina Wulffs Aussprache des englischen Wortes Glamour, jenem Sehnsuchtsbegriff, der eine Zeit lang mit ihrem Namen verbunden war. Es klinge aus ihrem Munde wie Klemmer, meint er, und witzelt dazu, der Hörer könne das versehentlich für den Namen ihres Mannes halten.

Er wirft ihr also vor, sie könne ein englisches Wort nicht richtig aussprechen, obwohl es auch im Deutschen „inflationär“ verwendet würde. Und sie selbst habe natürlich keinen Glamour, höchstens Klemmer. Soll heißen: Wer so schlecht Englisch spricht, dass er Glamour nicht aussprechen kann, kann auch keinen Glamour ausstrahlen. Diese Meinung ist durchaus legitim, denn Glamour ist eine subjektive Empfindung, die im Auge bzw. Ohr des Betrachters liegt, und jeder Betrachter darf dabei seine Kriterien selbst festlegen.

Doch war Bettina Wulffs Aussprache wirklich so falsch?

Laut dem Autor hat Bettina Wulff das Wort gleich an drei Stellen falsch ausgesprochen: Ein falscher Anlaut ([k] statt [g]), ein falscher Stammvokal ([ε] statt [æ]) und ein falscher Auslaut. Tatsächlich aber hat Bettina Wulff das Wort genauso ausgesprochen wie vermutlich die Mehrheit der Deutschen, nämlich mit falschem Stammvokal, aber ansonsten richtig. Das [k] ist nur eine Einbildung des Autors, und einen Unterschied zwischen -our und -er gibt es nur in der Schreibweise, während die Aussprache beider Endungen im Deutschen wie im britischen Englisch annähernd gleich ist. [ε] statt [æ] zu sprechen, ist eine typische Nachlässigkeit der Sprecher des Standarddeutschen, die häufig vorkommt und bei zahlreichen englischen Fremdwörtern vom Duden schon als richtige Aussprache angegeben wird. Nicht, dass ich das unterstützen würde, im Gegenteil. Doch es zeigt, dass Bettina Wulff auch nicht hilfloser ist als die Duden-Redaktion.

Fazit: Der Autor hat die angeblich auffällig falsche Aussprache nur konstruiert, um Bettina Wulff in ein schlechtes Licht zu rücken. Falsch ist diese Aussprache nicht im Vergleich zu anderen Deutschen, sondern schlimmstenfalls im Vergleich zu englischen Muttersprachlern.

Nun könnte man sich wie gesagt auf den Standpunkt stellen, Glamour habe nur derjenige, der das Wort auch absolut korrekt englisch aussprechen könne. Dumm nur, dass auch die englische Aussprache und erst recht die Schreibweise nicht korrekt sind. Tatsächlich ist das Wort Glamour nämlich selbst eine Folge genau jener sprachlichen Inkompetenz, die hier Bettina Wulff vorgeworfen wird. Zumindest, wenn man der offiziellen Etymologie Glauben schenken darf. Ihrzufolge ist Glamour nur eine verhunzte Aussprache und Schreibweise von Grammar! Das Kühnste dabei ist die französisierende Endung -our. Sie verrät, dass man ab einem gewissen Zeitpunkt selbst in Britannien nicht mehr wusste, woher das Wort eigentlich kam. Da man es nun für ein französisches hielt, bildete man das Adjektiv auch gleich mit französischer Endung: glamourous. Dieses Adjektiv wurde auch als glamourös ins Deutsche übernommen, aber mit französischer Aussprache des ganzen Wortes! Wir haben also in Deutschland die bizarre Situation, dass wir das Wort Glamour als englisches betrachten, wenn es als Substantiv daherkommt, aber als französisches, wenn es als Adjektiv daherkommt. Geht’s verrückter? Man möchte drüber schmunzeln,  doch es ist gar nicht lustig, wenn nun jeder als Depp betrachtet wird, der einfach logisch denkt und glaubt, dass auch das Substantiv Glamour französisch auszusprechen ist, weil die Schreibweise es nun mal nahelegt – so wie ich z.B. jahrzehntelang. Immerhin bin ich damit der lebende Beweis, dass eine falsche Aussprache von Glamour nicht mit schlechten Englischkenntnissen gleichzusetzen ist, denn in Englisch war ich immer schon gut, hihi.

Der SPON-Autor jedoch suchte einen scheinbaren Beweis für schlechte Englischkenntnisse von Bettina Wulff, weil solche für ihn „maximale Hilflosigkeit“ bedeuten. Was nun das Verachtenswerte an maximaler Hilflosigkeit sein soll, erklärt er nicht explizit, behauptet aber, dass sie im Hörbuch absichtlich zur Schau gestellt werde, damit Bettina Wulff als eine einfache Frau aus dem Volk erscheine (nach dem Motto „Ich bin eine von euch!“). Damit wird jedoch impliziert, dass das einfache Volk in Deutschland ein Volk von maximal hilflosen Englischversagern ist!

Und hier kommen wir zu einer auffällig tendenziösen Haltung des Autors. Zu Beginn seines Artikels zieht er einen Vergleich zu dem englischen Film The King’s Speech, in dem der englische König historisch wichtige Reden halten muss, obwohl er ein Stotterproblem hat. Damit folgt der Autor einer Mode junger deutscher Journalisten (er selbst scheint höchstens Mitte 30 zu sein), sämtliche kommerziell halbwegs erfolgreichen Werke der anglophonen Popkultur als zitierfähig zu betrachten. Sodann bezeichnet er Bettina Wulffs selbstgesprochene Passagen als „in her own voice, wie man im Englischen sagt“. Schließlich der Vorwurf der unenglischen Aussprache von Glamour. Also Englisch, Englisch, Englisch: Aus dem Englischen kommt alles, nach dem Englischen richtet sich alles, und wer da nicht mithalten kann (oder gar will) wie angeblich Bettina Wulff, hätte niemals First Lady werden dürfen (natürlich auch ein englischer Ausdruck), sodass die einzig akzeptable Botschaft ihres Buches hätte sein müssen: Es tut mir leid, dass ich dieses Amt beschmutzt habe, denn wer so schlecht Englisch spricht wie ich, hat schön unsichtbar in der Provinz zu bleiben.

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