Wie die Rechtschreibung wieder mal von ihren eigenen Trainern KO geschlagen wird

In letzter Zeit häuften sich im deutschen Fernsehen die Boxkämpfe, was sich auch in zahlreichen schriftlichen Berichten niederschlug.

À propos Niederschlag:

Auf Englisch heißt der Niederschlag beim Boxen bekanntlich Knockout. Obwohl das Wort bereits recht kurz ist, wird es beim Sprechen meist zum Akronym (Initialwort) KO verknappt – jedenfalls im deutschen Sprachraum, wo den Leuten Knockout wohl zu englisch und Niederschlag zu deutsch oder zu uneindeutig klingt. Akronym bedeutet, dass man bei einem Mehrwortausdruck oder einer Zusammensetzung nur die Anfangsbuchstaben der Teilwörter schreibt und mündlich buchstabiert (BGB) oder sie wie ein zusammenhängendes Wort ausspricht (TÜV).  Für Akronyme gilt die (allzuhäufig durchbrochene) Grundregel, dass man sie als Folge von Großbuchstaben ohne Zwischenzeichen schreibt und ohne abschließenden Punkt (§102 (2)). Aus Knockout wird demnach KO. Bei der Rechtschreibung unterscheidet man Akronyme von Abkürzungen, welchletztere zwar abgekürzt geschrieben, aber ungekürzt gesprochen werden, wie z.B. ebendieses usw. (Es sei denn, man will einen Effekt erzielen, wie etwa bei Bundespräsident adé, adé, a.D. …,oder abermanweiß gar nicht, wofür die x.y.z. Abkürzung steht.) Bei Abkürzungen wird im Normalfall zwischen die Bestandteile oder ans Ende ein Punkt gesetzt. Da KO aber ein Akronym ist, sollte es ohne Punkt(e) geschrieben werden.

In meinem Random House College Dictionary von 1982 sind sowohl KO/ko als auch K.O./k.o. als englische Schreibweisen aufgeführt. Die englische Schreibweise war demnach ursprünglich uneinheitlich, was sich im Deutschen widergespiegelt haben dürfte. Doch sollte man erwarten, dass im deutschen Sprachraum im Laufe der Zeit die nach dem deutschen Regelwerk korrekte Schreibweise durchgesetzt wurde.

Erstaunlicherweise findet sich in den zahlreichen Box-Berichten aber nur die Schreibweise k.o., also mit zwei Punkten. Nun könnte man vermuten, dass die Autoren sämtlicher Berichte stets nur an das ausgesprochene Wort dachten und dem Leser selbiges nahelegen, k.o. also nicht als Akronym verstehen, sondern als Abkürzung. Das ist aber so unwahrscheinlich wie ein KO-Sieg von Jean-Marc Mormeck gegen einen Klitschko-Bruder. Viel wahrscheinlicher dagegen ist, dass die Autoren sich dem gesunden Menschenverstand zum Trotz der Rechtschreibdiktatur beugen, denn das Wörterverzeichnis des Rats für deutsche Rechtschreibung führt nur k.o. auf, nicht aber KO. Des Weiteren findet sich darin die Zusammensetzung K.-o.-Schlag. Eigentlich handelt es sich bei diesem Ausdruck um semantischen Blödsinn, genauer gesagt eine Tautologie, denn das K. steht ja bereits für die Bedeutung Schlag, bzw. wenn man’s ganz genau nimmt Stoß. Wörtlich bedeutet diese Form also Niederschlagschlag.

Nachzuvollziehen ist sie nur, wenn man anerkennt, dass sich das ursprüngliche englische Substantiv Knockout im Deutschen auch in ein Adjektiv verwandelt hat (Nu isser KO). Dies gilt aber nur für die Lautfolge [ka.’ʔo:], nicht für das ganze Wort Knockout. Denn Er ist knockout gibt es (bislang) nicht, also kann Er ist KO nicht davon abgeleitet sein. (Das im Duden aufgeführte knockout schlagen, worin knockout adjektivisch ist, ist als feste Konstruktion zu werten, deren Grammatik nicht ohne Weiteres übertragen werden kann.) [ka.’ʔo:] als Adjektiv bildet somit ein eigenständiges Wort, das von daher weder als Akronym noch Abkürzung von Knockout verstanden werden kann, da die Wortart nicht übereinstimmt. Deswegen sollte die adjektivische Schreibweise streng betrachtet den normalen Wortschreibregeln folgen, also kaoh etwa. Es sei denn, man interpretiert den Sachverhalt so, dass nicht nur die Aussprache, sondern auch die Schreibweise des Akronym-Substantivs KO bei der Adjektivierung unverändert geblieben ist. Die Schreibweise K.-o.-Schlag ist dann aber nach wie vor falsch, da sie nicht für [ka.’ʔo:ʃla:k] steht, sondern für [’nɒkaʊtʃla:k].

Und sie wirft eine weitere Frage auf: Wo kommt plötzlich der Bindestrich her? Da gibt einem das Regelwerk des Rats für deutsche Rechtschreibung praktischerweise unmissverständlich Auskunft, denn das Wort K.-o.-Schlag ist dortselbst als Beispiel für die Regel §44(1) aufgeführt. Die Regel lautet:

Man setzt einen Bindestrich zwischen allen Bestandteilen mehrteiliger Zusammensetzungen, in denen eine Wortgruppe oder eine Zusammensetzung mit Bindestrich auftritt, sowie in unübersichtlichen Zusammensetzungen aus gleichrangigen, nebengeordneten Adjektiven.

Dies betrifft

(1) mehrteilige Zusammensetzungen, in denen eine Wortgruppe oder eine Zusammensetzung mit Bindestrich auftritt, zum Beispiel: […]K.-o.-Schlag […]

Leider trifft das in der Regel genannte Kriterium nicht auf K.-o.-Schlag zu, den k.o. ist eine Zusammensetzung *ohne* Bindestrich. K.-o.-Schlag hat also in einer Beispielliste für die Regel nichts zu suchen, sondern höchstens in einer Ausnahmeliste.

Sehen wir uns aber noch nach möglichen weiteren Begründungen für den Bindestrich um:

Der Beispielliste der Regel §40 (2) zufolge muss ein Bindestrich zwischen mehrbuchstabige Abkürzungsbestandteile gesetzt werden, wenn diese einem gemeinsamen Kompositum entstammen (Abteilungsleiter –> Abt.-Ltr.). Die Bestandteile von k.o. sind aber einbuchstabig.

Bleibt noch die Interpretation, k.-o. sei von der engl. Schreibvariante knock-out (mit Bindestrich) abgeleitet (§45 E2). Es gibt jedoch keinen vernünftigen Grund, k.o. abhängig davon, ob es allein steht oder verbunden ist, von verschiedenen Schreibvarianten abzuleiten.

Der Bindestrich wäre nur dann korrekt, wenn k. und o. als zwei getrennte Wörter zu verstehen wären. Bei der Eingliederung eines Mehrwortausdrucks in ein Kompositum sind dessen Einzelwörter nämlich durch Bindestrich(e) zu verketten. Doch sprechen auch hier die Argumente gegen diese Interpretation. Für das Ursprungswort gibt es wie gesagt zwei Schreibweisen, die beide ins Deutsche übernommen wurden: Knockout und Knock-out, wobei erstere die häufigere ist. Knock out dagegen steht nur für das Verb, das es in dieser Form nur im Englischen gibt. Knockout ist also keinesfalls ein Mehrwortausdruck, sondern ein zusammengesetztes Wort. Wenn dieses beim Abkürzen in Einzelwörter aufgelöst wurde, wird daraus noch lange kein Mehrwortausdruck.

Allerdings wird im professionellen Bereich zwischen die Bestandteile von Abkürzungen ein (schmales) Leerzeichen gesetzt. Dieses Verfahren soll Gerüchten zufolge durch eine Rechtschreibregel vorgeschrieben sein, doch ist eine solche im Regelwerk nicht aufzufinden. Demnach handelt es sich in Wahrheit nur um eine Konvention. Jedoch hält sich der Rat für deutsche Rechtschreibung selber nicht daran, denn in seinem Wörterverzeichnis steht nur k.o. ohne Leerzeichen, nicht k. o. mit Leerzeichen. Meine Vermutung ist nun, dass man bei der Bildung von K.-o.-Schlag trotzdem von der Schreibweise k. o. mit Leerzeichen ausgegangen sein könnte und sie deshalb als Mehrwortausdruck interpretiert hat. Was leider auch falsch wäre, wie bereits bemerkt.

Für die Form <x>.-<y>.-<Substantiv> habe ich bislang noch kein weiteres Beispiel gefunden. Auch diese Tatsache spricht nicht gerade für die Regelhaftigkeit von K.-o.-Schlag.

Fraglich ist überhaupt, welchen Sinn es macht, Regeln aufzustellen, wenn man sie so häufig durchbricht, dass eh jeder Einzelfall auswendig gelernt werden muss. Warum soll man knockout mit zwei Punkten abkürzen, als seien es zwei Wörter (k.o.), aber und so weiter mit éinem Punkt, als sei es éin Wort (usw.)? Et cetera müsste statt etc. eigentlich et c. abgekürzt werden. Warum Kfz ohne Punkt? Und wenn ich [ka.Ɂɛf’tsɛt] denke, darf ich dann auch KFZ schreiben? Und so weiter und so fort. (Uswusf. oder usw.usf. oder usw.-usf. oder u.s.w.u.s.f.?)

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