Multikulti ohne Şans?

Ist es Zufall oder Ironie des Schicksals, dass wenige Tage nach dem schmachvollen Rücktritt und tiefen Fall des Bundespräsidenten Christian Wulff ein Ereignis stattfand, dem von der deutschen Öffentlichkeit höchste symbolische Bedeutung beigemessen wurde, das aber ohne Wulffs bundespräsidiale Initiative wohl niemals zustandegekommen wäre, und für das etliche Landsleute mit Migrationshintergrund Wulff ihren tiefen Dank aussprachen? Es handelte sich um die Gedenkveranstaltung für die Opfer rechtsextremistischer Gewalt, die der Versuch einer Verarbeitung jener Verbrechensserie war, die man einstmals Döner-Morde nannte, bevor eine Minderheit der Mehrheit den Gebrauch dieses Ausdrucks untersagte.

Wulff hat noch in seiner Rücktrittsrede die gesellschaftliche Integration von Einwanderern als sein Herzensanliegen bezeichnet. Die Kanzlerin Merkel lobte dieses Engagement mit den Worten:

„Er hat uns wichtige Impulse gegeben und deutlich gemacht, dass die Stärke dieses Landes in seiner Vielfalt liegt. Diese Anliegen werden mit seinem Namen verbunden bleiben.“

À propos Namen:

Je vielfältiger in ethnischer Hinsicht die Bevölkerung, desto vielfältiger in sprachlicher Hinsicht auch die Namen der Bevölkerungsgenossen. Wulff selbst versuchte als Ministerpräsident, mit gutem Beispiel voranzugehen und holte den ersten türkischen Namen ins niedersächsische Kabinett.

Da aber offenbar keiner in Deutschland auf die Idee kommt, die Schreibweisen fremdsprachlicher Namen an die in Deutschland geltenden Regeln anzupassen, ergibt sich das Problem, dass man als gewöhnlicher Deutscher die Zeichensätze und Rechtschreibungen aller möglichen Sprachen beherrschen muss, um alle diese Namen korrekt aussprechen und schreiben zu können. Und Namen sind ja erst der Anfang. Denn Multikulturalismus bedeutet eben auch Multilingualismus. Sonst reduziert er sich auf Oberflächlichkeiten wie exotische Küche, Musik, Kunstgegenstände und Klamotten, ermöglicht aber keinen Gedankenaustausch. (Wenn man aber übersetzte Bücher und Filme auch schon als Multikulti versteht, haben wir das ja bereits seit 100 Jahren zur Genüge.)

Und nun kommt meine These: In welchem Maße fremdsprachliche Namen korrekt oder falsch ausgesprochen und zitiert werden, gibt Aufschluss über die Multikultifähigkeit eines Menschen oder einer Gesellschaft. Wer schon an Aussprache oder Schreibweise türkischer Namen scheitert, ist für mich als Multikultiprediger unglaubwürdig. Und wer das Recht zu haben glaubt, aus Schreibweisen jedes Diakritikon (Zusatzzeichen) auch dann zu entfernen, wenn es dafür keine technischen Gründe gibt, der ist sogar multikulti*feindlich*.

Im Zusammenhang der Gedenkveranstaltung bin ich diesbezüglich auf erwähnenswerte Positiv- und Negativbeispiele gestoßen:

Die Kanzlerin Merkel las in ihrer Gedenkrede die Namen aller zehn Opfer vor, die meisten davon türkische. Sie hat sich dabei recht ordentlich geschlagen, auch wenn sie, wie es für sie typisch ist, nicht mehr getan hat als unbedingt nötig. Jedenfalls ist offensichtlich, dass sie sich vorher über die korrekte Aussprache kundig gemacht hatte und sich um selbige halbwegs bemühte. Bei einer derart ernsten Veranstaltung vor einem Millionenpublikum sich einen abzustammeln, wäre auch allzu peinlich und geradezu pietätlos gewesen.

Nun zu Spiegel-Online. Dort erschien am Tage des Ereignisses unter der Überschrift Einer muss die Kraft haben ein Bericht über die Tochter eines der Opfer, die auf der Feier eine Rede aus Sicht der betroffenen Angehörigen halten sollte. Ihr Name war angegeben als Semiya Simsek [semija simsɛk].

Jedesmal wenn ich in einem deutschsprachigen Text einen türkischen Namen sehe, der die Buchstaben S oder C enthält, gebe ich ihn immer gleich in die Suchmaschine ein, um herauszufinden, ob nicht in Wahrheit Ş bzw. Ç dort zu stehen hätten. Bei deutschen Schreibern fällt die Cedille nämlich meist der Ignoranz zum Opfer, weswegen man besser auf türkischen Internetseiten nachschauen sollte. Und siehe da, in diesem Falle heißt die Dame in Wirklichkeit Semiya Şimşek [semija ʃimʃɛk]. Offenbar hatte bei Spiegel Online keiner die Kraft, mal die Sonderzeichentabelle des Textverarbeitungsprogramms anzuklicken. Schlimmer noch: Anscheinend werden bei Spiegel Online immer noch auch Programme verwendet, die Sonderzeichen nicht mal *darstellen* können. (Dabei ist vom Standpunkt der politischen Korrektheit her ja bereits der *Ausdruck* Sonderzeichen diskriminierend.) Auf der Forumsseite des Artikels wird aus Semiya Şimşek nämlich plötzlich Semiya Imek. Vermutlich waren hier zwei verschiedene Redakteure am Werk: Der eine hat Şimşek zu Simsek gemacht, der andere wollte Şimşek schreiben, aber heraus kam Imek. Ein trauriges Bild angesichts der Tatsache, dass das Kontentmanagementsystem des SPON-Forums eigentlich sogar chinesische Zeichen darstellen kann.

Deswegen habe ich versucht, über das Forum die SPON-Redaktion auf ihren Fehler aufmerksam zu machen. Doch meine wirklich sehr kurze Botschaft (Die Frau heißt nicht Simsek, sondern Şimşek), wurde von der SPON-Zensur abgefangen! Ein ähnlicher Versuch bei einem früheren Artikel über wichtige türkischstämmige Persönlichkeiten führte nur zu wüsten Beschimpfungen im Forum (leider nicht mehr auffindbar).

Nach jahrelanger SPON-Lektüre kann ich leider nur zu dem Schluss kommen, dass die große Mehrheit der SPON-Autoren und Redakteure *nicht* multikultifähig ist. Um den Rest der deutschen Presselandschaft ist es vermutlich nicht viel besser bestellt. (Éin Reporter sprach Şimşek aus wie Semczyk.)

Und wenn ich sehe, dass ein türkischstämmiger hamburgischer Politiker namens Ali Şimşek sich auf seinem eigenen Internetsitus nur als Ali Simsek verkauft, dann bin ich mir sicher, dass Multikulti hierzulande keine Şans hat. (Man stelle sich zum Vergleich einmal vor, ein Günter Schröder würde in einer Bewerbung seinen Namen als Gunter Schroder angeben.)

Türken in Deutschland verzichten selbst manchmal beim Maschineschreiben von türkischen Texten auf die Cedillen (während die Umlaute ja praktischerweise wie im Deutschen sind), sodass der Leser die richtige Aussprache erahnen muss. Dazu ist aber die Beherrschung der türkischen Sprache nötig. Dabei ließe sich gerade die türkische Aussprache leicht über das Schriftliche lernen, weil die türkische Rechtschreibung so eindeutig und regelmäßig ist.

Aussprachehinweise: Şimşek spricht sich [ʃimʃɛk], in ARSch (amtlicher Rechtschreibung) Schi(h|e)msche[c]k. C spricht sich im Türkischen [ʤ] (dsch), Ç spricht sich [ʧ] (tsch).

*

Übrigens ist Merkels Behauptung Die Stärke dieses Landes liegt in seiner Vielfalt natürlich das genaue Gegenteil von Multikulti ist gescheitert. Jaja, die „Physikerin“ und ihre Aussagenlogik.

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