Benutzen Sie den Euro, solang‘ es ihn noch gibt! (Über die wahren Ursachen der Griechenlandkrise)

In Anlehnung an den alten 80er-Jahre-Spruch Besuchen Sie Europa, solange es noch steht möchte ich an dieser Stelle allen Euroländlern raten: Benutzen Sie den Euro, solang‘ es ihn noch gibt!

Nunja, Spaß beiseite, Europa steht immer noch, und auch der Euro könnte uns noch ein längeres Weilchen begleiten – in welcher Form es auch sei. Denn im Gegensatz zur fast einvernehmlichen Mehrheitsmeinung hat die gegenwärtige Finanzkrise nur marginal mit dem Euro zu tun. Und deshalb ist die Frage, ob gewisse Länder in der Eurozone verbleiben sollten oder nicht, für die Lösung der Finanzkrise zweitrangig. Man muss sich bewusst machen, dass der Hauptgrund, warum manche Meinungsmacher für einen Austritt Griechenlands aus dem Euro plädieren, auch nur ein fragwürdiger Finanztrick ist: Der Kniff mit der Abwertung. Durch eine Abwertung der Nationalwährung nämlich lassen sich vielleicht akute Finanzprobleme lösen, aber keine realwirtschaftlichen Probleme. Diese jedoch sind ja die eigentliche Ursache der Finanzkrise. Eine Abwertung wäre lediglich eine Symptombekämpfung, die ohne Ursachenbekämpfung auf ewig wiederholt werden müsste, was aber unmöglich ist, denn irgendwann ist der Nullpunkt erreicht.

Bedauerlicherweise kommt zurzeit eine Bürgerbewegung in Gang, die die Schuld an der Misere ganzer Völker auf eine winzig kleine Minderheit schieben will: Die angeblich so bösen Bänker. (Scheinbar vielsagend, aber in Wahrheit nichtssagend auch der Markt genannt.) Marx lässt grüßen. Die große Masse der Menschen aber fühlt sich bar jeder Verantwortung. Leider tun die Bürger damit genau das, was sie den Politikern immer vorwerfen: die Verantwortung auf andere abwälzen. Ich will natürlich nicht bestreiten, dass das Finanzsystem ungerecht ist und die Kluft zwischen arm und reich vergrößert; auch nicht, dass die Finanzbranche von rücksichtslosen Kapitalisten beherrscht wird; auch nicht, dass dieses System über kurz oder lang gegen  die Wand fahren muss. Im Gegenteil: Ich sage das selber bereits seit vielen Jahren.

Tatsächlich aber sind das Finanzsystem und die Bänker nicht nur nicht die Hauptursache der aktuellen Finanzkrise, sondern haben sie sogar hinausgezögert. Nur durch die großzügige Kreditvergabe der jetzigen Problembanken konnten die misswirtschaftenden Staaten ihr Treiben bis heute fortführen. Andernfalls hätte z.B. Griechenland den Verarmungsprozess, den es jetzt durchmacht, schon vor Jahren erlebt. Da hätte auch eine Abwertung der Drachme nicht mehr viel geholfen.

Griechenland hat nämlich (wie etliche andere Staaten auch) mit zwei Problemen zu kämpfen:

(1)    Es ist ein Globalisierungsverlierer

(2)    Es leidet unter Bevölkerungsschwund

Ad (1): Globalisierungsverlierer

Es ist die Übereinkunft aller europäischen Regierungen seit Eintritt ihrer Staaten in die EU, dass die Systemgrundlage der EU-Wirtschaft der kapitalistische Wettbewerb sein soll. Es wussten auch alle – Regierungen wie Bürger –, dass dieser Wettbewerb nur dann Sinn macht, wenn es dabei auch Verlierer gibt. Denn die Angst vor dem finanziellen Verlust ist ja laut kapitalistischer Theorie der einzig wahre Ansporn zu besserer Leistung. Und damit die Drohkulisse wirkungsvoll bleibt, muss ab und zu mal tatsächlich einer pleitegehen. Deshalb ist das System von vorneherein nicht auf ein Verhindern solcher Pleiten ausgelegt.

Jeder Staat hängt nun finanziell von den Steuern seiner Unternehmen und Bürger ab. Geht eine große Zahl der Unternehmen im Staat pleite, kann das auch den Staat in den Ruin stürzen. Somit wird in einem internationalen Markt aus dem Wettbewerb zwischen den Unternehmen auch zwangsläufig ein Wettbewerb zwischen den Staaten: der Standortwettbewerb.

Griechenland erlitt das Schicksal, in diesem Standortwettbewerb in den letzten beiden Jahrzehnten durch die Globalisierung im Allgemeinen und die europäische Osterweiterung im Speziellen abgehängt zu werden. Aber das war abzusehen. Nur wollte keiner hingucken; weder die griechische Regierung, noch das griechische Volk, noch die „Freunde“ in der EU. Alle taten so, als könnten alle gewinnen.

In Wahrheit hat jedes Volk geglaubt: Verlieren tun nur die anderen. Denn immer noch meint jedes Volk, es sei das schlaueste oder anderweitig gesegneteste. Die Deutschen z.B. dachten: Wir machen die härtesten Reformen. Die Spanier dachten: Wir machen in Immobilien, denn bei uns scheint die Sonne am schönsten. Die Iren dachten: Unsere englische Sprache ist der entscheidende Standortvorteil. Die Isländer dachten: Die Elfen werden uns helfen. Und die Griechen dachten: Die EU wird mit uns schon so verfahren wie wir mit uns gegenseitig: Nicht so genau hinschauen, ob die Regeln eingehalten werden und ob alles mit rechten Dingen zugeht. Doch mit solch einer Einstellung kann man im knallharten internationalen Wettbewerb heute nicht mehr bestehen.

Und selbst wenn die Griechen ihre Verhaltensweisen so schnell und radikal ändern würden wie von der EU gefordert, hätten sie trotzdem keine Chance mehr auf nachhaltige Besserung:

Unter den Ländern, die wie Griechenland keine riesigen Mengen an Rohstoffen oder Landwirtschaftserzeugnissen exportieren können, gibt es heute im Wesentlichen zwei Arten von Volkswirtschaften: Billiglohnländer einerseits und Hochtechnologiestandorte andererseits. Wenn ein Billiglohnland sich zum Hochtechnologiestandort entwickelt, ist das ein Fortschritt, andersherum ein Rückschritt. Griechenland ist nun dummerweise weder das eine noch das andere, doch es kann weder den Schritt nach vorne zum Hochtechnologiestandort machen noch den Schritt zurück zum Billiglohnland.

Gegen ersteres spricht (im wahrsten Sinne des Wortes) die griechische Sprache. Um durch eigenen Erfindungsreichtum eine Hochtech-Wirtschaft aufzubauen, ist Griechenland viel zu klein und viel zu spät dran. Es müsste zunächst große Mengen an Wissen und Erfahrung importieren, und zwar in Form von Menschen und Fachdokumentationsmaterial. Anschließend wäre eine dauerhafte intensive Zusammenarbeit zwischen Griechen und ausländischen Fachleuten notwendig. Dazu sind die sprachlichen Hürden aber größer als in den meisten anderen europäischen Ländern, weil Griechisch weder eine germanische noch eine romanische noch eine slawische Sprache ist. Hinzu kommt die Schrift, die heutzutage außerhalb Griechenlands und Zyperns praktisch nirgendwo gebräuchlich ist. Ich habe auch noch nie etwas davon gehört, dass es in Griechenland eine Fremdsprachenlerntradition gäbe wie in Skandinavien oder Osteuropa. Zwar  ist die Sprachhürde gewiss nicht unüberwindlich, aber sie ist eben höher als in den meisten anderen Ländern und führt zu genau jenen Mehrkosten, die einen Standortnachteil bedeuten, der nicht wieder ausgeglichen werden kann. (Im Vergleich zur Antike haben sich die sprachlichen Machtverhältnisse für das Griechische umgekehrt.)

Gegen eine Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit durch radikale Lohnsenkungen wiederum spricht der Zwang, die extrem hohen Staatsschulden zu bedienen, die wegen der dafür benötigten Steuereinnahmen nur eine prosperierende Hochlohnwirtschaft tragen kann. Anders ausgedrückt: Selbst den Verzicht können die Griechen sich nicht leisten. Doch auch ohne diese Schulden könnte Griechenland kein echtes Billiglohnland werden, denn die EU-Standards für Arbeitsbedingungen, Umweltschutzauflagen usw. machen die Stückkosten grundsätzlich höher als in Asien etwa. Billiglohnländer nach EU-Maßstab gibt es aber bereits genügend in Osteuropa.

Ad (2): Bevölkerungsschwund

Die griechische Geburtenrate gehört zu den niedrigsten in Europa und führt zu einem stetigen Rückgang der Bevölkerung. Dadurch schrumpft der Binnenmarkt unaufhörlich  – und mit ihm die Steuereinnahmen. Zum Ausgleich müssten die Exporte ebenso unaufhörlich wachsen, was aber aus den o.g. Gründen unmöglich ist. Es können ja auch schon rein logisch nicht immer weniger Menschen immer mehr exportieren.

Eine fatale Fehlentwicklung wird in diesem Zusammenhang meist übersehen: Je weniger Menschen in einem Staat leben, desto teurer wird die Erhaltung der gegebenen Infrastruktur pro Kopf. Um Verkehrswege, öffentliche Gebäude und Einrichtungen, Waffenarsenal usw. instandzuhalten, muss bei kontinuierlichem Bevölkerungsschwund der Einzelne einen immer größeren Teil seines Einkommens dazu abzweigen. Wenn aber gleichzeitig die Löhne sinken, ist dieses Geld alsbald nicht mehr aufzubringen. Dann bleibt dem Staat nichts anderes übrig, als die Infrastruktur verfallen zu lassen. Dies zeigt sich heute schon in Osteuropa, wird aber von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen, weil das Phänomen zur Landflucht umetikettiert wurde: In mehreren Ländern Osteuropas mit hohem Bevölkerungsschwund verwaisen immer mehr Dörfer, weil die wenigen jungen Menschen in die Städte abwandern. Dass die betroffenen Dörfer nicht nur verlassen werden, sondern auch samt der Zufahrtswege VERFALLEN, interessiert dabei wohl niemanden, da es sich ja scheinbar nur um verlassene Dörfer handelt. Tatsächlich aber wird durch diese Landflucht der Verfall nur von den Städten aufs Land verlagert. Langfristig wird es aber auch die Städte treffen, die zentralen Verkehrswege und die anderen öffentlichen Einrichtungen. Dieses Schicksal wird auch Länder wie Griechenland und Deutschland einholen. Aufgrund des fehlenden finanziellen Polsters wird es Griechenland aber zuerst treffen.

Zwar hat Griechenland zurzeit eine verstärkte Einwanderung zu verzeichnen, doch ist diese auch wieder nicht erwünscht, weil es sich hauptsächlich um Wirtschaftsflüchtlinge mit niedrigem Bildungsgrad und ohne Sprachkenntnisse handelt, die nur einen weiteren Kostenfaktor bedeuten.

Auswege

Was nun einen Ausweg aus einer Wirtschaftsmisere nach Art Griechenlands angeht, gibt es nur èinen einzigen Hoffnungsschimmer: Eine Geburtenrate, die hoch genug ist, um den Binnenmarkt neuzubeleben. Allerdings funktioniert auch dies nur unter der Bedingung, dass die Bevölkerungsmehrheit noch wohlhabend genug ist, um mehrere Kinder pro Familie ernähren zu können. Ein wirtschaftlicher Gewinn wird sich auch erst mit Jahrzehnten Verzögerung einstellen.

Fazit

Die entscheidende Erkenntnis auf dem Weg zur Lösungsfindung ist, dass die eigentliche Ursache der Wirtschaftskrise Griechenlands nicht im unmoralischen Verhalten einer Minderheit von gierigen kapitalistischen Bänkern liegt, sondern im Fehlverhalten der Bevölkerungsmehrheit. Wenn ein Volk nämlich weder für Nachwuchs sorgt, der den Binnenmarkt aufrechterhält, noch für eine wettbewerbsfähige Exportwirtschaft, dabei aber trotzdem ganz unbescheiden konsumiert, wird es über kurz oder lang auf die Nase fallen. Kinder in die Welt zu setzen und Unternehmen aufzubauen, ist aber nicht Sache des Staates; sondern die Verantwortung dafür liegt beim Volk, bei jedem Einzelnen. Wenn es nach mir ginge, würden Hilfen für Griechenland an die Bedingung geknüpft, dass die Geburtenrate erhöht wird. Denn je mehr Griechen es gibt, die Geld verdienen können, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Hilfen eines fernen Tages zurückgezahlt werden. Dazu brauchen die Hilfeleister aber in jedem Falle einen sehr langen Atem.

Das eigentlich Beängstigende an der Sache ist jedoch, dass das Problem mit der Geburtenrate auf fast alle EU-Länder zutrifft. Und die Frage ist nicht, *ob* diese Länder eines Tages so mit dem Rücken zur Wand dastehen werden wie Griechenland jetzt, sondern *wann*. Das hängt eben von der Geburtenrate des Landes ab, von seiner aktuellen Staatsverschuldung und von seiner Exportstärke.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft / Politik / Wirtschaft veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Benutzen Sie den Euro, solang‘ es ihn noch gibt! (Über die wahren Ursachen der Griechenlandkrise)

  1. Pingback: Helmut Schmidt macht auf das europäische Sprachenproblem aufmerksam | FUROR MUNDI

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s