(blond | blöd) & blauäugig

In der Monitor-Sendung Nr. 626 vom 06.10.2011 schloss die Moderatorin Sonia Seymour Mikich (= Mikić / Микић) einen Beitrag zum Thema Facebooks Datensammelwut mit folgenden Worten ab:

Das heißt aber nicht, dass wir blöd und blauäugig einem Konzern unsere Rechte auf Privatheit und Datenschutz einfach überlassen. Was sagen Sie dazu?

(8:51)

Was ich dazu sage?

Dass es sich hier um eine rassistische Äußerung handelt.

Es ist nicht zu leugnen, dass blöd und blauäugig an blond und blauäugig erinnert, also zwei Rassenmerkmale, die meist miteinandereinhergehen, und dementsprechend auch häufig zusammen erwähnt werden. Die Alliteration macht sie zu einer gerngenutzten Redewendung. Blauäugig steht aber auch für eine negative Charaktereigenschaft, nämlich übertriebene Gutgläubigkeit, abgeleitet von den (noch) blauen Augen eines naiven Kleinkindes. Vor solch kleinkindhaft-blöder Gutgläubigkeit gegenüber der Facebook-Korporation will die Moderatorin ihre Zuschauer nun warnen.

Da angeblich (was ich nicht nachprüfen kann) *alle* Neugeborenen, egal welcher Rasse, zunächst blaue Augen haben, kann diese Konnotation von blauäugig noch nicht als rassistisch gewertet werden. Anders ist es aber, wenn man sie in Zusammenhang mit der Eigenschaft blond heraufbeschwört. Nun hat Sonia SM zwar nicht direkt blond und blauäugig gesagt; insofern ist sie rein rechtlich aus dem Schneider. Aber wieso hat sie es nicht einfach bei blauäugig belassen, so wie sonst üblich? Das muss doch einen Grund haben. Sollte ihr lediglich aufgefallen sein, dass zwischen blauäugig und blöd eine Alliteration besteht, die ihr dann gleich so gefiel, dass sie diese unbedingt zum Besten geben wollte – ohne dass sie dazu bei blond und blauäugig abgeschaut oder überhaupt daran gedacht hat?

Diese Annahme halte ich für ziemlich blauäugig, denn ich bin doch nicht blöd. Ich gehe vielmehr davon aus, dass Sonia SM bei den Zuhörern *absichtlich* die Assoziation „blöd und blauäugig wie blond und blauäugig“ hervorrufen wollte. Blond, blöd, blauäugig lautet der Dreiklang, der in den Ohren der Monitor-Zuschauer schwingen soll, obwohl nur zwei Töne angespielt wurden. Sonia SM mag das nur für eine vermeintlich intelligente Sprachspielerei halten. Aber angesichts der Tatsache, dass sie auf Monitor-Mission zur Verteidigung von Opfern aller Art ist, mithin auch Opfern des Rassismus, stößt es mir sauer auf, dass gerade sie als politische korrekte Sauberfrau rassistische Assoziationen weckt, nur um wortgewandt zu erscheinen, und sich einen Witz auf Kosten einer bestimmten Rasse erlaubt, nach dem Motto „mit denen kann man’s ja machen“. Ich als blonder und blauäugiger, aber nachgewiesenermaßen nicht blöder Mensch lasse es jedenfalls nicht mit mir machen, ohne Widerspruch zu erheben.

*

Ich dachte bislang übrigens, blauäugig im übertragenen Sinne käme von treublaue Augen, also Augen in der Farbe der Treue, deren Besitzer(in) dementsprechend treuherzig ist, auch gegenüber Facebook. Vielleicht habe ich ja doch Recht.

Zum Abschluss hören wir jetzt gemeinsam True Blue von Madonna (auch so ein treuloses Weib). Und bitte nicht [məˈdɑːnə] sagen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft / Politik / Wirtschaft, Sprachpflege / Sprachkritik veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s