Der Papst kommt nach Deutschland – und ich protestiere!

Der Papst kommt nach Deutschland – und ich protestiere. Aber nicht gegen den Besuch des Papstes, den wir, im Sinne des Übernehmens zivilisierter Verhaltensweisen aus anderen Kulturen, mit arabischer Gastfreundlichkeit empfangen sollten. Sondern gegen die Art und Weise, wie hier wieder einmal Sprache zum Instrument von Ideologen und Hetzern gemacht wird.

Protestanten sind Protestanten sind Protestanten (sind Protestierer sind Protestler sind Protestoren)

Ich protestiere zunächst gegen Protestierer, die keine Protestanten mehr sein wollen, und auch dagegen, dass Protestanten keine Protestierer mehr sein dürfen. Dabei war bis vor kurzem noch alles klar: Es gab Katholiken, Protestanten und Demonstranten. Protestanten hießen alle, die gegen irgendetwas protestierten. Taten sie das in Form einer Demonstration, nannte man sie auch Demonstranten. Schon vor Jahrhunderten regte sich in Deutschland Protest gegen das Machtgebaren der katholischen Kirche ­–­ mithin gegen den Papst. Die damaligen Protestanten gaben einer neuen christlichen Konfession den Namen: Protestantismus. Der Protest läuft seit dem 19. April 1529 ununterbrochen weiter und findet  nun anlässlich des Papstbesuches in Deutschland einen neuen Höhepunkt. Nur: Die heutigen Anti-Papst/KK-Protestanten werden in den Medien nicht mehr Protestanten, sondern Protestierer genannt, um sie von den kirchlichen Protestanten abzusetzen. Dabei sind sie doch genau ebensolche! Wie jedoch kann man Menschen von sich selbst absetzen? Natürlich gar nicht.

Protestierer wird hier  ja eigentlich auch als Synonym für Demonstrant gebraucht. Wenn also einer Angst hat, Protestant könne missverstanden werden, warum sagt er dann nicht einfach Demonstrant?

Sprachlich gesehen sind Protestant und Protestierer nur zwei morphologische Varianten desselben Wortes, wobei die erste Variante noch etwas weiter am lateinischen Original liegt. Aber Protestant war zuerst da, und außerdem reimt es sich so schön auf Demonstrant. (OK, wenn man’s ganz genau nimmt, heißt Protestant Protestierender, was sich aber auch nicht mehr unterscheidet als Student und Studierender von Studierer.) Den Varianten per Sprachregelung aus dem Politkorrektbüro zwei verschiedene Bedeutungen zuzuweisen, ist künstlich und überflüssig. Das Wort Protestant hat nun mal eine allgemeine und eine spezielle, kirchliche  Bedeutung. Welche davon in einem konkreten Fall gemeint ist, ergibt sich fast immer aus dem Zusammenhang. Derartige Bedeutungsunterscheidungen (Polysemie) gibt es bei hunderten von Wörtern, und niemand regt sich drüber auf. Warum aber in diesem Falle, wenn es um Kirche geht? Und wer steckt dahinter? Ich befürchte, es sind Menschen, die sich nicht darum scheren, warum die Kirchenprotestanten diesen Titel überhaupt bekamen. Protestant ist für sie ein historischer Begriff ohne Bezug zur Gegenwart, und der geschichtliche Zusammenhang ihnen gleichgültig, die historische Leistung der Kirchenprotestanten ihnen nicht der Erinnerung wert. Unabhängig davon, ob diese Vermutung stimmt oder nicht, ist die erzwungene Entfremdung des Wortes Protestant von seiner eigentlichen Bedeutung ein antiaufklärerischer Akt, weil dadurch die wahren Zusammenhänge verschleiert werden.

Sollte es doch einmal notwendig sein, die Unterscheidung zwischen der allgemeinen und der speziellen Bedeutung von Protestant explizit zu machen, ist es ratsam, nicht die Benennung für die allgemeine Bedeutung zu ändern, sondern für die spezielle. Also nicht Protestanten vs. Protestierer, sondern Kirchenprotestanten vs. Protestanten (wie ich es so schön vorgemacht habe).

Katholiken könnte man übrigens in gewissem Sinne auch als Demonstranten bezeichnen, denn sie lieben es, Monstranzen zur Schau zu stellen (vgl. Französisch montrer)…

Hart aber unfair

Doch jetzt geht mein Protest erst richtig los:

Joseph Ratzinger alias Papst Benedikt XVI. ist Katholik, Deutscher und Bayer. Somit ist er für die antikonservativen Meinungsmacher hierzulande gleich ein dreifacher Untermensch und wird von ihnen als Verbrecher eingestuft, den es abzuschießen gilt. Denn die antikonservativen Meinungsmacher sind der Gesinnung nach mindestens Kirchenprotestanten, meist aber Atheisten, sowie antinational. Und da die Bayern unter den Deutschen die nationalsten und katholischsten sind, sind die antikonservativen Meinungsmacher auch noch mit doppelter Überzeugung antibayrisch. Ausländer sind für sie Kulturbringer, Deutsche Barbaren, die man zivilisieren muss.

Die Atheisten nutzen nun den günstigen Wind der Anti-Benedikt-Propaganda und versuchen, die gesamte katholische Kirche Deutschlands in den Dreck zu ziehen. Dazu ist ihnen offenbar jedes noch so schäbige Mittel recht, wie die Sendung Hart aber fair vom 20.9.2011 offenbarte. In dieser Diskussionssendung zum Thema Papstbesuch wurde eine Kurzreportage eingespielt (ab etwa 1h), die den Eindruck erwecken sollte, dass die katholische Kirche Deutschlands kurz vor dem Untergang steht und sich bereits in fortgeschrittener Auflösung befindet. Als bester Beweis musste herhalten – und jetzt festhalten, denn es ist wirklich unglaublich – ein vermeintlich erschreckend HOHER AUSLÄNDERANTEIL unter den Pfarrern!!!

Sicher ist es objektiv betrachtet bedenklich, wenn kaum noch Einheimische Pfarrer werden wollen und man Ersatz aus Afrika und Asien importieren muss. Aber genau das wollen doch die Antikonservativen für die gesamte deutsche Gesellschaft: Fachkräfteimport aus aller Welt zum Ausgleich für den deutschen Bevölkerungsschwund! Von daher müssten sie die katholische Kirche eigentlich als vorbildliches Beispiel für Integration abfeiern. Stattdessen wurde in dem Beitrag versucht, einen Keil zwischen einen asiatischen Pfarrer und seine deutsche – natürlich bayrische – Gemeinde zu treiben. Der Pfarrer wurde von den Reportagemachern beschuldigt, trotz jahrelangen Übens so unverständliches gebrochenes Deutsch zu sprechen, dass seine himmlische Botschaft bei den schwerhörigen hinterwäldlerischen Hinterbänklern nicht ankommt, und zum Beweis wurde sein O-Ton eingespielt und sogar den Gemeindegliedern, die sich zu den Deutschkenntnissen des Pfarrers weitgehend wohlwollend und tolerant äußerten, mangelnder Mut zum Aussprechen der Wahrheit unterstellt. Der Studiogast „Bruder Paulus“ beschwerte sich anschließend, der indische Pfarrer sei regelrecht vorgeführt worden, was ich nur unterstreichen kann. Ich habe eine solche offene, unverhohlene Diskriminierung und Diffamierung von Ausländern wegen ihres mangelnden Deutschseins im deutschen Fernsehen noch nicht erlebt und bin geradezu entsetzt über die Dreistheit, mit der hier Meinungsmacher, die Leuten wie mir, wenn diese schlechtes Deutsch kritisieren, gleich kulturelle Arroganz (eine Vorstufe zum Rassismus) vorwerfen würden, sich selbst genau dieser kulturellen Arroganz schuldig machen.

Man muss sich mal vor Augen führen, wie verrückt das ist: Menschen, die Katholiken verachten, auch weil sie diese für latente Ausländerfeinde halten, bemühen ausländerfeindliche Klischees, um diese Katholiken in schlechtes Licht zu rücken. Anders gesagt: Vermeintliche Ausländerfreunde diskriminieren Ausländer, um vermeintliche Ausländerfeinde anzugreifen. Und glauben dabei sicherlich auch noch, niemand würde diesen Widerspruch bemerken.

Das eigentlich Schäbige dabei ist, dass dieser indische Pfarrer, der als Einwanderer ja eigentlich zur Zielgruppe der progressiven grün-alternativ-linken Beschützer aller Minderheiten und Schwachen gehört, ausgerechnet von seinen selbsternannten Beschützern verraten und geopfert wurde, nur weil dies dem Kampf gegen den politischen Feind dient, das konservative Bürgertum. Dieses Verhalten untermauert meine These, dass es den progressiven grün-alternativ-Linken in Wahrheit weniger um aufrichtigen Minderheitenschutz geht, als vielmehr um einen Propagandakrieg mit dem konservativen Bürgertum: Ist das konservative Bürgertum ausländerkritisch, heißt es: Ihr unterdrückt schwache Minderheiten. Kommt eine konservative bayrische Gemeinde ohne einen ausländischen Pfarrer nicht aus, heißt es: Ihr seid so schwach wie euer schwächstes Glied, der im Vergleich zu einem echten deutschen Pfarrer schwache Leistung bringende Ausländer.

Bruder Paulus reagierte übrigens äußerst geschickt, indem er sogleich von Deutschtümelei sprach, was für Antikonservative natürlich so ziemlich der schlimmste Vorwurf ist, den man ihnen machen kann, und dann lässig darauf hinwies, dass es bereits uralte katholische Tradition ist, Pfarrer in fremden Landen missionieren zu lassen, nur dass die Reise heute eben auch in umgekehrter Richtung verläuft.

*

Aber auch Papst Benedikt höchstselbst wurde Opfer einer „Der kann sich ja nicht mal richtig artikulieren“-Kampagne. Allerdings nicht in Bezug auf sein Deutsch, sondern sein Englisch. In mehreren Kommentaren las ich verächtliche Bemerkungen über seinen starken deutschen Akzent beim Englischsprechen, der Ausdruck von mangelnder Weltläufigkeit und von Rückständigkeit sei. Auch dieser Vorwurf ist schäbig. Ratzinger beherrscht nämlich ganz oder teilweise folgende Sprachen: Deutsch, Italienisch, Latein, Altgriechisch, Englisch, Französisch, Spanisch. Er kann zu fast allen Katholiken weltweit in einer Sprache predigen (wenn auch abgelesen), die sie zumindest als Fremdsprache verstehen. Damit ist er eine glorreiche Ausnahmeerscheinung. Viele der „modernen Menschen“ dagegen scheitern schon an der Aussprache etlicher gebräuchlicher französischer Fremdwörter („[Asɛsoa, woala, tɛtatɛ]“ etc.). Benedikt XVI. und sein Vorgänger Jopi zwo werden höchstwahrscheinlich auf lange Sicht die letzten Päpste sein, die so sprachgewandt waren/sind und überdies Deutsch beherrsch(t)en. Die deutschen Atheisten aber, anstatt sich darüber zu freuen, dass sie mit ihrem Gegner wenigstens in ihrer Muttersprache streiten können, warten sehnsüchtig darauf, dass der nächste Papst nur noch Englisch spricht, damit das Fremdschämen etwas geringer ausfalle. Obwohl sie sich eigentlich ausrechnen können, dass jener ihnen dann noch weniger zuhören wird als Benedikt.

Der wesentliche Grund für Benedikts schlechte Englischaussprache ist schlicht derjenige, dass es in der Schul- und Studienzeit seiner Generation in Deutschland keinen Zugriff auf Massenmedien oder Tonaufzeichnungen in englischer Sprache gab. Es war deshalb so gut wie unmöglich zu lernen, Englisch besser auszusprechen als der eigene deutsche Englischlehrer, der es meist auch nur in Deutschland gelernt hatte. Man höre sich dazu bitte mal Einsteins Englisch an. Dies bei einer persönlichen Kritik an Ratzinger nicht zu berücksichtigen, ist ein viel schlimmeres Zeichen von Borniertheit als dessen Ausspracheproblem.

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2 Antworten zu Der Papst kommt nach Deutschland – und ich protestiere!

  1. Hagen schreibt:

    Vor ca. 2 Stunden bin ich zufällig auf Ihren Blog gestoßen und habe seitdem viele Beiträge von Ihnen gelesen. Ihre scharfsinnigen Analysen und Ihre Logik haben mich genau so sehr begeistert, wie Ihre humanistische Weltanschauung und Ihr immer gut begründetes Engagement gegen Neusprech, gegen das neue („grüne“, „feministische“, „politisch korrekte“, ….) Spießertum, gegen das neue „Gutmenschentum“ …
    Warum ich die verschiedenen Kategorien in Anführungszeichen gesetzt habe, muss ich Ihnen nicht erläutern, für Leser die es nicht verstehen: Meines Erachtens ist die „grüne“ Politik zum größten Teil weder ökologisch, noch sozial und die „Gutmenschen“ überwiegend Heuchler….

    Ich würde mich freuen, wenn Sie eine PN an mich schicken würden, denn ich würde gern über einige Themen* mit Ihnen diskutieren wollen (Email, Skype, oder was auch immer).
    *)
    1) Kapitalismus vs. Sozialismus
    2) Religion und Atheismus
    3) Fermi Paradoxon
    4) Demokratie im Wandel der Zeiten
    5) Feminismus und (vs.) Gleichberechtigung
    u.v.m.

    • re2tko2vski schreibt:

      ui, das sind ja gleich 5 Brocken auf einmal. Ich würde es allerdings vorziehen, öffentlich hier auf dieser Blogplattform zu diskutieren, denn dazu habe ich sie ja eingerichtet.
      Zu den Themen kann ich sagen, dass ich eigentlich von Anfang an vorhatte, hier die Darwinismusideologie zu analysieren, da sie inzwischen fast alle Wissensgebiete beherrscht. Allerdings bin ich bisher schlicht noch nicht dazu gekommen bzw. habe mich wegen der Komplexität des Themas noch nicht darangetraut. Ich bitte daher um Geduld, bis hier entsprechende Artikel erscheinen.

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