Gerald Asamoah ist dafür gegangen!

Ich möchte hier der Legendenbildung vorbeugen, und zwar der Legende, dass von einem Zweisprachler halbwegs akzentfrei gesprochenes Deutsch gleichzusetzen ist mit muttersprachlichem Deutsch, und dass dabei die Akzentfreiheit als Qualitätskriterium ausreicht:

In der „Anne Will“-Sendung zum Thema „Flüchtlinge vor unseren Grenzen – wen wollen wir reinlassen?“ war unter anderem der berüchtigte Zuwanderungskritiker Thilo Sarrazin zu Gast wie auch der beliebte Zuwanderungsklassiker und erste schwarzafrikanische Fußballnationalmannschaftsspieler Deutschlands Gerald Asamoah.

Nachdem Letzterer seine Erfolgsgeschichte erzählt hatte, wurde Thilo Sarrazin gefragt, ob er auch solche Zuwanderer wie Asamoah ablehne. Sarrazin, der vorher schon bekannt hatte, dass er „jeden einzelnen Afrikaner sympathisch“ findet, verneinte das natürlich und hob Asamoahs persönliche Qualitäten hervor. Dabei äußerte er den Satz:

Sie kamen mit zwölf und sprechen jetzt ein – ich kann das sagen – perfektes Deutsch.

(38:05)

Diese Behauptung kann ich so nicht stehenlassen.  Wenn Gerald Asamoah perfekt Deutsch spräche, würde das bedeuten, dass sein Deutsch mindestens so gut wäre wie meins, und das geht denn doch zu weit an der Realität vorbei. Wenn er so gut oder schlecht Fußball spielen würde wie er Deutsch spricht, hätte er es wohl kaum in eine Profiliga geschafft.

Es ist auch schon rein theoretisch ziemlich unglaubwürdig, dass jemand, der zwölf Jahre weniger Spracherfahrung hat als gleichaltrige Muttersprachler und die Erfahrung auch gewiss nicht nachholen konnte, weil er ständig mit Fußballspielen beschäftigt war anstatt mit Bücherlesen, bei den Deutschkenntnissen nicht hinterherhinkt.

Gerald Asamoah spricht zwar bei oberflächlichem Hinhören recht akzentfrei (d.h. er hat keinen ausländischen Akzent, sondern eher einen Straßenakzent), doch bei genauem Hinhören fällt auf, dass er überdurchschnittlich häufig Grammatikfehler macht und viele Wörter und Satzteile extrem undeutlich ausspricht, um sich um komplizierte Lautfolgen und grammatische Formen herumzudrücken. Nunja, vielleicht hat er auch einfach ein Stotterproblem. Aber das allein reicht nicht aus, um zu erklären, wie er auf die scheinbare Redewendung dafür gehen kommt:

Mein Vater ist immer dafür gegangen, dass wir zuhause auch Deutsch sprechen.

(32:52)

Und das Wichtigste ist auch, die Sprache zu lernen. Und da bin ich auch für gegangen, ich habe alles dafür getan, die Sprache zu lernen.

(33:53)

Es handelt sich hierbei offenbar um die wortgetreue Übersetzung der englischen Redewendung to go for it. Und Englisch beherrschte Asamoah ja nach eigener Aussage noch vor dem Deutschen.

To go for it lässt sich gar nicht so direkt übersetzen, wie man bei dem simplen Ausdruck meinen möchte. Mit it ist ein Ziel gemeint, das man sich gesteckt hat, mit to go for die Absicht, sich um das Erreichen dieses Ziels zu bemühen. Praktischerweise liefert Asamoah eine mögliche Übersetzung ja gleich mit: Ich habe alles dafür getan. Weitere Übersetzungsbeispiele finden sich bei Linguee, aber eine universelle 1:1-Übersetzung gibt es nicht.

Die Befehlsform Go for it! lässt sich etwa übersetzen mit Auf in den Kampf! Hol’s dir! Gib alles! Oder, wie mein erster Lateinlehrer zu sagen pflegte: Ran an‘n Sspeck!

Obwohl ich dafür gehen schon vorher einmal aus Migrantenmunde gehört hatte, ist es weit davon entfernt, eine allgemeinverständliche deutsche Redewendung zu sein. Zur perfekten Beherrschung der deutschen Sprache gehört aber auch, dies zu wissen.

Was mich im nächsten Moment der Diskussion dann noch ärgerte, war die Reaktion auf folgende Behauptung Asamoahs:

 Obwohl, wie man weiß, Deutsch ist nicht einfach.

(33:57)

Es folgten nämlich höhnisches Gelächter in der Diskussionsrunde und Applaus im Publikum. In Wahrheit aber ist Deutsch nicht schwerer zu erlernen als die meisten anderen Sprachen der Welt auch.

Nachtrag vom 5.10.2011:

Auch Til Schweiger geht dafür!

In der Sat.1-Sendung Das große Allgemeinwissensquiz vom 5.10.2011 war der als Promi-Joker geladene Kinoheld Til Schweiger häufig um gescheite Antworten verlegen. Bei èiner Frage allerdings gab er den im Nachhinein richtigen Rat:

Ich würde auch für die höhere Zahl gehen.

(1:03:55)

Nun ist Til Schweiger bekanntlich ein Schwergewicht der deutschen Kulturlandschaft. Wenn die Phrase dafür gehen bereits bei ihm angekommen ist, sollte man sie dann nicht als Standarddeutsch akzeptieren?

Nein. Denn genaugenommen stammt TS’s dafür gehen nicht von to go for it ab, sondern von I would go for X, was etwa bedeutet Ich würde mich für X entscheiden. Ein ganz eigenständiger Anglizismus also. Nunja, das kommt davon, wenn man jahrelang in Hollywood Klinken geputzt hat und mit einer Angloamerikanerin verheiratet ist. Falls Millionen von Schweiger-Schwärmer(inne)n diesen Ausdruck nun übernehmen, sollten wir uns davon aber nicht blenden lassen: Anstatt für schlechtes Schweiger-Deutsch zu gehen, sollten wir uns lieber für gutes Standard-Deutsch entscheiden.

Schweiger-Fäns können sich trotzdem freuen, denn der Til ist jetzt auch für Autos zugelassen:

Ich bin für Autos zugelassen.

(1:44:25)

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