Kernschmelze, Kernverschmelzung und der terminologische Super-GAU

In der Diskussion um die „Atomkatastrophe in Japan“ gibt es zwei terminologische Fallen, die schon vor langer Zeit durch Sprachschluderei entstanden sind, und die das Potenzial haben, politische Meinungen aufgrund von Missverständnissen in die Irre zu leiten.

Kernschmelze, Kernverschmelzung und Kernexplosion

In den Medien wird stets die berüchtigte Kernschmelze als die ultimative Gefahr dargestellt. Doch welcher Kern ist hier eigentlich gemeint? Es ist nämlich mitnichten der gleiche wie bei der Kernverschmelzung.

Kernschmelze bezeichnet das Schmelzen eines Reaktorkerns, demjenigen Teil eines Nuklearreaktors, der den Nuklearbrennstoff enthält und in dem die eigentliche nukleare Kettenreaktion abläuft. Der Nuklearbrennstoff ist in Brennstäbe gefüllt. Läuft eine Kettenreaktion bzw. herrscht eine hohe Restwärme (Nachzerfallswärme), ohne dass ausreichend gekühlt wird, können die Brennstäbe so heiß werden, dass sie schmelzen. Es entsteht eine radioaktive Suppe aus flüssigem Metall, die u.U. in die Außenwelt dringen kann (aber nicht muss). Das Schmelzen selbst ist also kein nuklearer, sondern ein rein thermischer Vorgang und erzeugt deshalb auch keinerlei zusätzliche Radioaktivität.

Kernverschmelzung (Fusion) ist das physikalische Gegenteil zur Kernspaltung (Fission), also auch eine nukleare Reaktion, die ebenfalls sehr viel Energie freisetzt. Solch eine Reaktion kann in einem Nuklearkraftwerk heutiger Bauart gar nicht stattfinden, da man zum Erzwingen einer Kernverschmelzung mehr Energie hineinstecken muss, als in einem Nuklearkraftwerk versehentlich entstehen kann (es sei denn, man glaubt an die kalte Fusion).

Ich habe nun den leisen Verdacht, dass nicht allen Menschen im deutschen Sprachraum, die sich derzeit eine politische Meinung zur Nuklearenergie bilden oder sie gar verbreiten, der Unterschied zwischen den zwei Bedeutungen von Kern bewusst ist, und deshalb so mancher bei Kernschmelze an eine außer Kontrolle geratene nukleare Reaktion denkt, was in der Tat eine ganz schlimme Sache wäre.

Ein schönes Beispiel für das krause Gerede, das aus dieser Begriffsverwirrung entstehen kann, liefert der Artikel Der Irrtum der Raupe auf FAZ.net, in dem der Autor Ulrich Beck, ein renommierter Soziologe, über die antidemokratische Natur der Nukleartechnik philosophiert und dabei angeblich ganz genau weiß, was geschieht, wenn ein Atomkern schmilzt, nämlich wie lange Radioaktivität strahlt. Und dieser Mann sitzt nun in der Ethikkommission für sichere Energieversorgung der Bundesregierung!

Wiederholt hat ein angesehener Experte behauptet, in Tschernobyl habe eine Kernexplosion stattgefunden, was ich zunächst so interpretierte, dass er damit keine Nuklearexplosion meinte, sondern eine thermische Explosion des Reaktorkerns. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, dass er sehr wohl eine Nuklearexplosion meint. Da er aber davon ausgeht, dass dabei der gesamte Reaktorkern explodierte, sind hier eigentlich beide Interpretationen des Wortes zutreffend — was die Informationsvermittlung umso schwerer macht. Allerdings ist seine physikalisch fragwürdige Theorie eine Außenseitermeinung. Und ob man bei Nuklearreaktoren überhaupt grundsätzlich von einer Nuklearexplosion sprechen kann, ist eine Frage der Definition, denn dieser Terminus ist normalerweise für Nuklearsprengkörper vorbehalten, deren Explosionsweise bei Kraftwerksreaktoren bauartbedingt unmöglich ist.

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Betrachten wir nun die englische Terminologie: Der Reaktorkern heißt im Englischen schlicht core (das englische Wort für Kern), der Atomkern aber nucleus (das lateinische Wort für Kern). (Zwischen Atomkern und atomic core besteht ein kleiner, aber feiner Unterschied.) Durch die Einführung des lateinischen Fremdwortes sind Missverständnisse eigentlich ausgeschlossen. Ist im Englischen in der Nukleartechnik von core die Rede, kann also nur der Reaktorkern gemeint sein. Da ist es schwer nachzuvollziehen, warum nun gerade für die Kernschmelze im Englischen meist nicht core meltdown, sondern nuclear meltdown gesagt wird. Anscheinend wollen die Leute, dass es möglichst dramatisch klingt.

Dem aufmerksamen Leser ist vielleicht nicht entgangen, dass ich hier außer in den Zitaten nicht von Atom– oder Kern– sondern nur von Nuklear– spreche. Ich plädiere dafür, zur Verbesserung der Verständigung generell so zu verfahren. Aus AKWs und KKWs werden dann eben NKWs. Der Terminus Atom („das Unteilbare“) ist in der Nukleartechnik ja sowieso ungünstig.

Der terminologische Super-GAU

Wochenlang wurde darüber diskutiert, ob in Fukushima nun ein GAU bzw. Super-GAU stattgefunden habe oder nicht. Dabei ist die Frage völlig „am Kern vorbei“ (hihi). GAU und Super-GAU sind nämlich rein rechtliche Begriffe, die für die Bewertung der Schwere des Unfalls ziemlich ungeeignet sind. Ein GAU (größter anzunehmender Unfall) ist der größte Unfall, dessen Eindämmung oder Beherrschung in die Kraftwerkskonstruktion eingeplant sein muss, um eine Baugenehmigung zu erhalten. Wenn z.B. ein Gebäude für Erdbeben einer bestimmten Stärke noch ausgelegt ist, d.h. ihnen standhält, dann entspricht solch ein Erdbeben, bei dem das Gebäude gerade noch nicht einstürzt, einem GAU. Ein noch stärkeres Erdbeben, dass das Gebäude zum Einsturz bringt, wäre dann ein Super-GAU.

Wenn die Genehmigungsbehörde den GAU niedrig ansetzt, ist das fahrlässig, weil die Kraftwerksbetreiber kaum aus eigenem Antrieb die Baukosten durch teure Sicherheitsmaßnahmen in die Höhe treiben werden. Wenn sie ihn extrem hoch ansetzt, bewirkt das, dass auch ein schwerer Unfall keine schweren Folgen haben wird (etwa so, wie viele schwere Verkehrsunfälle keine schweren Folgen für Menschen mehr haben, seit das Anlegen von Sicherheitsgurten im KFZ Pflicht ist). Bei Nuklearkraftwerken ist der GAU sehr hoch angesetzt, aber für die Katastrophe in Fukushima war es nicht hoch genug. Dort musste die Kraftwerksumgebung evakuiert werden, was ganz klar einem Super-GAU entspricht.

Und dennoch war es bei Weitem nicht die schwerste für Nuklearkraftwerke vorstellbare Katastrophe. Eine solche ist aber, was vielen vorschwebt, wenn sie GAU oder gar Super-GAU hören, denn sie halten offenbar größter anzunehmender Unfall für gleichbedeutend mit größter vorstellbarer Unfall und Super-GAU für gleichbedeutend mit unvorstellbar großer Unfall. Dies schließe ich jedenfalls aus den Panikreaktionen der Deutschen.

Der Grund, warum bei Fukushima solange gerätselt wurde, war, dass viele Reporter und Journalisten Super-GAU mit einer Reaktorkernschmelze gleichgesetzt haben, die in der Theorie nämlich meist Ursache eines Super-GAUs ist. Doch ob eine Kernschmelze in Fukushima stattfand, war unklar, da man in die Reaktoren nicht hineinsehen konnte und die ausgetretene Radioaktivität nicht so hoch war wie nur bei einer Kernschmelze zu erwarten.

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